Brigitte Neumann


Die Nacht war so finster wie das nur auf den Dörfern sein kann, wo um Mitternacht die Straßenlampen ausgehen und aus keinem Fenster mehr ein Licht scheint. Wolken verhängten die Sterne. Kurz vor Beginn der Morgendämmerung glitt der schummrige Lichtkegel einer Taschenlampe die Straße entlang. Die Gestalt dahinter war noch dunkler als die Nacht. Zögernd näherte sie sich einem Gebäude am Ortsrand, verharrte einen Moment, kletterte durch ein Fenster, kam wenige Minuten später wieder hinaus und verschwand mit einem hellen Sack auf dem Rücken.

Am Morgen prasselte Regen nieder. Es war Ende Oktober und dämmerig, als Arne früh in die Dienststelle kam. Sein Kollege von der Nachtschicht begrüßte ihn.

„Morgen, Arne. Gerade kam ein anonymer Anruf. Im Gasthaus in Darkfing wurde heute Nacht die Kasse geplündert.“

„Soll ich hinfahren?“

„Ja, warte bis ihr zu zweit fahren könnt!“

„Ach was, ist doch wohl nur eine Aufnahme.“

„Na gut. Wie du meinst!“

„Okay, ich bin unterwegs! Handy ist angestellt.“

Das Wirtshaus stand am Ortsrand mit einem großen Biergarten, der an ein Tannenwäldchen grenzte. Es lag in der Nähe des großen Weihers, einem beliebten Sommersonntagsziel.

Alle Fenster waren mit Läden verriegelt. Nur an der Westseite des Gasthofes stand ein ebenerdiges weit offen. Der Regen pladderte hinein. Die Gasthaustür hatte eine alte kunstvoll geschwungene Messingtürklinke und einen ebensolchen Klopfer daneben. Arne klopfte, niemand reagierte. Er drückte die Klinke nach unten. Die Tür gab nach. Er stand im Vorraum zur Gaststube. Wortsplitter drangen an sein Ohr. Er konnte sie nicht verstehen. Laut pochte er mit der Faust an die Gaststubentür. Das Gespräch dahinter verstummte. Ein Mann, klein, gedrungen, mindestens Anfang sechzig, öffnete.

„Was wollen Sie? Flasche Bier? Gibt’s jetzt nicht! Zu früh. Außerdem ist heute Ruhetag!“

„Ich will kein Bier. Bei Ihnen regnet’s rein. Hinten im Eckzimmer steht das Fenster an der Westseite auf.“

„Was kümmert Sie das? Danke.“ Der Mann wies mit der Hand zur Tür.

Arne übersah die Geste und fragte: „Darf ich reinkommen? Sind Sie Herr und Frau Bayer? Arne Larsson von der Kriminalpolizei.“

Die Frau kam näher. Sie war noch kleiner als ihr Mann, ungefähr ebenso alt und sehr zierlich.

„Was wollen Sie hier?“ Von unten begutachtete sie den viel jüngeren Kriminalbeamten, der sie um fast zwei Kopflängen überragte, misstrauisch und abweisend aus übermüdeten Augen. Die Arme verschränkte sie vor dem Körper.

„Ihre Kasse prüfen.“ Arne blieb sachlich.

„Warum?“ Der Wirt schien überrascht zu sein.

Seine Frau krallte ihre Finger in den Oberarm und biss auf die Lippen.

„Weil jemand anrief, dass sie geplündert wurde.“

Der Wirt schüttelte den Kopf und steuerte die Tür neben dem Tresen an.

„Wo wollen Sie hin?“ fragte Arne.

„Das Fenster schließen, in das es hineinregnet.“

„Ich komme mit.“ Arne ging auf ihn zu.

„Nein, das sind unsere Privaträume“, wehrte Alois Bayer ab.

„Schlafen Sie dort?“

„Nein, das ist Katrins Zimmer.“ Anna Bayer schaltete sich ein. Sie schaute weder Arne noch ihren Mann an.

„Ssst,“ zischte ihr Mann und warf ihr einen warnenden Blick zu.

Arne fing ihn ab. Er stand zwischen den Eheleuten.

„Wer ist Katrin?“

„Unsere Tochter“, presste die Frau durch ihre Lippen.

„Wie alt?“

„Siebzehn.“ Wieder antwortete die Wirtin.

„Haben Sie noch mehr Kinder?“

„Nein, sie ist unsere einzige. Ich war schon über vierzig, als sie unterwegs war. Vorher hatten wir nur gearbeitet. Das Gasthaus musste aufgebaut werden. Der Betrieb war marode, als wir ihn übernahmen.“ Anne Bayer blickte den Kriminalbeamten an. Ihre Augen flatterten.

Alois Bayer nestelte mit den Fingern und strich sich die Haare glatt. „Unsere Tochter geht Sie gar nichts an.“

„Und wenn sie mit dem Geld aus der Kasse durchgebrannt ist?“ Anna Bayer sackte zusammen. Sie begann zu schluchzen.

„Jetzt aber Schluss“, brauste Alois Bayer auf. „Wir sind heute Nacht ausgeraubt worden. Das ist nicht zum ersten Mal passiert. Schicksal! Ich hätte Sie bestimmt nicht angerufen. Wir regeln das schon selbst. Sie können wieder gehen.“

„Was ist mit ihrer Tochter?“ Arne ließ sich nicht abschütteln.

„Sie ist weg!“ Anna Bayer fuhr hoch und schrie es in den Raum.

Arnes linke Augenbraue hob sich. Er war überrascht. Schneller als er erwartet hatte, hörte er, was er längst vermutete.

„Ist sie abgehauen mit dem Geld?“

„Ja, nein, ich weiß es nicht. Aber das ist nicht das Schlimmste.“ Der Korken des zudeckenden Schweigens war bei Anna Bayer geknallt. Satzfetzen sprudelten heraus, bruchstückhaft, zerrissen.

„Gestern abend… sie war so zu… die verdammten Drogen… und der Alkohol… Tabletten waren in ihrem Zimmer verstreut… sie lag vor der Tür, draußen… die Gäste sollten nichts merken… mein Mann trug sie durch den Keller in ihr Bett… den Typen schickte er weg… der hat getobt…, er würde es uns heimzahlen…, was eigentlich?... er käme wieder… viel älter als sie…“

Arne beobachtete den Wirt. Je mehr seine Frau erzählte, desto heftiger zitterten seine Beine. Er konnte ihm gerade noch einen Stuhl hinstellen, bevor er zusammen klappte. Arne setzte sich ebenfalls. Ihm liefen kalte Schauern den Rücken hinunter.

„Haben Sie heute Nacht etwas gehört?“

„Nein, nichts. Kein Geräusch. Heute früh war sie weg. Das Geld auch. Ich weiß nicht wie. Sie konnte doch nicht mehr laufen. Keinen Schritt. Wir mussten sie ins Bett tragen. Um eins schaute ich nochmals nach ihr, versuchte, sie wachzurütteln. Sie reagierte nicht, schnaufte nur im Schlaf. Abgehauen war sie noch nie. Versteckt haben wir sie oft, wenn sie heimkam und zu war. Wegen dem Gerede. Aber ich dachte, sie muss doch wieder vernünftig werden“, Anna Bayers Stimme wurde immer leiser. „Wie dumm ich war!“ stammelte sie. „Immer alles versteckt …“

Arnes Ahnung nahm Gestalt an. Seine linke Augenbraue zuckte. Keiner sprach. Nur der Regen prasselte ans Fenster.

„Nein“, dachte der Kriminalbeamte. „Schon wieder eine, die verschwindet! Es ist die dritte innerhalb von zwei Wochen. Alle drei voll gepumpt mit Drogen.“ Er würde es den Eltern sagen müssen, bald, ehe die Presse davon erfuhr, doch nicht allein und jetzt war es noch zu früh.

Die Kripo tappte bis zum Frühjahr im Dunkeln. Dann fand man die verschwundenen Teenager auf dem Grund des großen Weihers, jede eingewickelt in einen Bettbezug. Der Wirt hatte beobachtet, wie eine finstere Gestalt mit einem hellen Bündel kurz vor Beginn der Morgendämmerung den Weg zum Weiher einschlug. Er alarmierte sofort die Polizei.