Wenn Medikamente zur Gewohnheit werden

Es sind alarmierende Zahlen: Über 6.300 versehentliche Vergiftungsfälle im Erwachsenenalter werden jährlich von der Giftzentrale in Rheinland-Pfalz registriert. An erster Stelle der Ursachen stehen Arzneimittel - vor den Haushaltschemikalien oder den Pilzen. Aber wie kann es eigentlich zu versehentlichen Vergiftungen kommen? Und wie kann ich dieser Gefahr vorbeugen? Damit wollen wir uns heute beschäftigen.

Arzneimittelvergiftungen werden oft durch Unachtsamkeit und Sorglosigkeit herbeigeführt. Diese Gefahr besteht vor allem bei solchen Medikamenten, die als ungefährlich angesehen werden. Allerdings gilt: kritischer Punkt ist die Dosis.

Der Wirkstoff Paracetamol beispielsweise kann besonders bei Überdosierung oder dauerhafter Einnahme auch schaden - vor allem der Leber. Hier werden beim Abbau des Wirkstoffs giftige Stoffe gebildet, so genannte reaktive Radikale. Wird zu viel des Wirkstoffes eingenommen, besteht die große Gefahr einer schweren Leberschädigung bis hin zu Leberversagen. Übelkeit, Erbrechen und Schweißausbrüche sind erste Warnhinweise.

Auch andere nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel sind bei Überdosierung gefährlich, so zum Beispiel Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS). Wer diese Arzneistoffe dauerhaft oder in hoher Dosierung zu sich nimmt, riskiert eine lebensgefährliche Magenblutung, sowie Herz- und Leberschäden.

Natürlich warnen die Beipackzettel vor diesen Gefahren. Doch viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst, weil die Medikamente freiverkäuflich sind und als harmlos gelten. Oft sind solche Menschen betroffen, die unter einer großen Belastung stehen, aber dennoch funktionieren müssen und nicht krank werden wollen. So werden zum Beispiel Schmerzmittel eingenommen, um den anstehenden Besuch beim Zahnarzt noch ein paar Tage zu überbrücken. Auch wenn die Schmerzen sehr stark sind, nehmen Sie nicht mehr Tabletten ein, als auf dem Beipackzettel angegeben! Denn genau das könnte Sie in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen. Bei regelmäßig wiederkehrenden Kopfschmerzen zum Beispiel besteht die Gefahr der chronischen Überdosierung. Diese kann genau das Symptom hervorrufen, das eigentlich bekämpft werden soll. Medizinisch spricht man dann von schmerzmittelinduziertem Kopfschmerz.

Auf ähnliche Weise kann man auch in den gefährlichen Konsum einer ganz anderen Art von Arzneimitteln schlittern, den abhängig machenden Beruhigungsmitteln. Hier sind vor allem die Benzodiazepine zu nennen, zu denen auch die Arzneistoffe Diazepam und Lorazepam gehören. Bei Unruhe, Angst, Schlaflosigkeit und Depressionen rät die Ärztin oder der Arzt manchmal zu dieser Medikation. Ist die akute Behandlung abgeschlossen, kann es schwer fallen auf das wohltuende Gefühl, das der Wirkstoff beschert hat, nicht mehr verzichten zu wollen. Einige Menschen haben dann, im Sinne von "Mother's Little Helper", die Tabletten als Notfallmedizin immer bei sich, um sie in einer kritischen Situation schnell parat zu haben. Doch besser wäre es, die eigene Unruhe, Angst oder schlechte Stimmung mit positiven Gedanken oder Entspannungsmethoden in den Griff zu bekommen. Zudem droht eine weitere Gefahr: Die Medikamente verlieren ihre Wirksamkeit. Die Folge ist eine Dosissteigerung, um den gleichen Effekt wieder zu erzielen. Daraus aber können chronische Vergiftungserscheinungen resultieren, wie Niedergeschlagenheit, Gleichgültigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit. Ein plötzliches Absetzen kann zu einem Wiederauftreten der ursprünglichen Symptome führen und darüber hinaus auch zu lebensgefährlichen Störungen der Kreisregulation, zu Krampfanfällen oder zu Delirien.

Auch wichtig zu wissen ist, dass alle Medikamente sich nicht mit Alkohol vertragen. Je nach Wirkstoff verstärkt oder verringert Alkohol die Wirkung des Medikaments oder es treten gefährliche Neben- oder Wechselwirkungen auf. Die Folgen können von Leberschädigung bis hin zum Kollaps führen. Deshalb sollte im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten auf Alkohol verzichtet werden.

Wenn Ihnen die geschilderten Verhaltensweisen bekannt vorkommen, dann sollten Sie handeln. Vertrauen Sie sich Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt an oder suchen Sie eine Suchtberatungsstelle auf und erarbeiten gemeinsam einen Ausstiegsplan. Durch ein Zwischenmedikament können die Entzugssymptome vorübergehend behandelt werden. Ziel sollte sein, weitgehend frei von Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu leben, beziehungsweise diese nur nach genauer ärztlicher Verordnung einzunehmen.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker

1. bis 15. Juni 2012