Brigitte Neumann


Karl Hackett schob die Bettdecke beiseite. Sein Schlafanzug klebte am ganzen Körper. Wieder eine dieser schlaflosen Nächte, in denen er sich Stunde um Stunde dem Morgen entgegenquälte.

 Er lauschte in die Stille. Der Wecker tickte laut. Im Stockwerk über ihm knarrte der Boden. Eine Toilettenspülung rauschte. Wasser gluckerte. Es wurde wieder ruhig. Er drehte sich auf die linke Seite. Sein Herz klopfte, fast im Takt mit der Uhr. Er drehte sich nach rechts, das Pochen wurde leiser, doch die dunklen Gedanken blieben wach.

Draußen wurde es heller. Der Verkehr nahm zu. Karl erhob sich, suchte mit dem Fuß nach den Latschen vor seinem Bett und spürte die Schlaflosigkeit schwer in allen Gliedern ruhen. Müdigkeit sprang ihm aus den Augen, als er vor dem Spiegel sein Gesicht mit dem weichen Dachshaar-Rasierpinsel einschäumte. 
Das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter sprang an. Kurz drauf tönte aus dem Lautsprecher die Stimme seines Kollegen.

„Karl? Hier ist John. Bist du wieder zu Hause? Dann melde dich bitte.“ Karl zuckte mit den Achseln. John und er, sie waren beide Grafiker und gute Partner. Ihre kleine Agentur boomte, bald würden sie neue Mitarbeiter einstellen müssen. Doch vor dem ersten Tee wollte er noch nicht über Geschäftliches reden. Gleich würden sie sich ohnehin im Büro treffen.

Er goss kochendes Wasser auf die Teeblätter in der kleinen silbernen Kanne und stellte das Radio ein. Die Frühnachrichten hatten gerade begonnen. „… das Feuer der Explosion zerstörte zwei vollbesetzte Wagen des Nachtzuges. Eine noch unbekannte Anzahl von Fahrgästen verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Der Bahnhof Paddington ist bis auf weiteres gesperrt.“

Karl horchte auf. Die Nachrichtensprecherin verwies auf einen Sonderbeitrag direkt im Anschluss an die Sendung und ging zum nächsten Thema. Die Umfragewerte der Labour-Partei sanken erneut. Premierminister Brown schloss jedoch Neuwahlen aus. In Kabul hatte wieder einmal ein Selbstmordattentäter einen Bus in die Luft gesprengt. Karl stand vor dem Gerät, konnte kaum erwarten, bis die Wettervorhersage die Nachrichten beendete und er mehr über das Zugunglück von Paddington erfuhr. Dann bestätigte sich: Das war der Nachtzug, in dem er gesessen hätte, wäre nicht der letzte Termin gestern Nachmittag ausgefallen. In seinem müden Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Nicht zu spät gekommen. Gerade noch mal davon gekommen.

Das Telefon klingelte schrill in seinen Ohren. Schon wieder John. „Karl, ruf an. Der Zug, dieser Unglückszug… Du bist doch nicht etwa…“ Hier brach John ab.

Die Sanduhr war längst durchgelaufen. Karls Hände zitterten, als er das Teenetz aus der Kanne nahm. Wie immer fielen ihm dabei die Worte seiner Mutter ein. „Setz dich. Der Tee ist fertig“, hatte sie gesagt, wenn er heimkam. Dieses silberne Kännchen war das einzige, was ihm von ihr geblieben war. Seine Schwester hatte sie ihm geschickt.  „Mutters Teekanne“, stand auf einer schmucklosen weißen Karte in dem gleichmäßig, steilen Schriftzug, den auch die Mutter gehabt hatte. „Du sollst sie bekommen. Das war ihr Wunsch.“ Mehr nicht.

Er goss ein, griff die dünne Tasse vorsichtig mit beiden Händen und führte sie zum Mund. Der Tee schmeckte so bitter wie die Gedanken an ihr Sterben.  Hätte er in dem Unglückszug gesessen, wäre er jetzt vielleicht auch schon tot.

Das Telefon klingelte erneut. Der Anrufer legte auf ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Im Display sah Karl, dass John nochmals versucht hatte, ihn zu erreichen. Er griff zum Hörer und wollte zurückrufen, wählte die ersten drei Ziffern, legte wieder auf, setzte sich schwer atmend zurück zu seiner Teetasse und strich sich über das frisch rasierte Kinn.

Drei Tage, dann trüge er einen Stoppelbart. In drei Tagen wäre er mit dem Fahrrad schon über dreihundert Kilometer von London entfernt. Dreimal drei Tage, so schätzte er, würde er brauchen um nach Hause zu kommen. „Nach Hause“, das war die Isle of Skye, die größte der inneren Hebrideninseln, hoch oben im Westen von Schottland.

Karl ging zum Schreibtisch. Den Haustürschlüssel fand er in der hintersten Ecke der Schublade. Mutter wollte, dass er ihn behielt. „Damit du immer heimkommen kannst“, hatte sie gesagt.

„Zu spät!“ Karl konnte kaum mehr schlucken, so dick war der Kloß in seinem Hals. „Du kannst immer heimkommen“, hörte er die Stimme der Mutter wieder in sich. Er hatte nie Zeit gehabt. Der Aufbau der Firma, die vielen Aufträge, der Erfolg und der Druck, diesen Erfolg zu steigern, alles war wichtiger. Auch dann noch als er an ihrem Grab stand. Schnell war er wieder nach London zurückgefahren, um rechtzeitig beim nächsten Kunden zu sein.

„Karl, werde nicht sentimental“, sagte seine Vernunft. „Ruf endlich John an. Sonst wirst du von ihm als ein Vermisster des Zugunglücks gemeldet.“

„Ruf nicht an“, sagte eine andere Stimme. „Fahr los. Mach dich auf den Weg nach Hause.“ 
Die beiden Stimmen kämpften nicht lange. Karl packte das notwendigste in seine beiden Fahrradtaschen, dachte in letzter Minute noch daran, Regen- und Flickzeug einzustecken, verschloss sorgfältig seine Wohnungstür und radelte los. Wie gehetzt verließ er London, fuhr und fuhr ohne Pause bis zum späten Nachmittag, aß ein paar trockene Scones, trank Wasser dazu, radelte weiter, immer weiter, übernachtete in einem Schuppen im Freien, radelte am nächsten Morgen gleich wieder weiter bis zur ersten Telefonzelle.

„Hallo, ist da die Polizei? Hier spricht Mark Miller, ein Freund von Karl Hackett. Zählt er tatsächlich zu den Opfern des gestrigen Zugunglücks? ...Ja, ich warte bis Sie ihre Liste durchgescrollt haben…“ Der Polizist bestätigte, dass  Karl Hackett als einer der Letzten auf der Vermisstenliste aufgenommen worden sei.

Wieder setzte er sich auf sein Rad. Treten, treten, treten, rechten Fuß runter, linken Fuß runter, rechten Fuß runter… Er achtete weder auf die Landschaft, noch auf das milde Herbstwetter. Alle Gedanken waren überlagert von der treibenden Kraft, so schnell wie möglich anzukommen. Er vergaß John und die Kunden. Ihm kam auch nicht in den Sinn, dass ihn jemand erkennen könne. Er radelte weiter und weiter bis die Dunkelheit kam und übernachtete in einem Bed-and-Breakfast-Quartier. Die nächsten drei Tage verliefen ähnlich. Jeden Morgen überzeugte er sich unter einem anderen Namen, dass er auf der Vermisstenliste stand. Den Rest des Tages trat er in die Pedale bis die Dunkelheit die Wege verschlang.

Am fünften Tag setzte in der Früh leichter Regen ein, der sich im Laufe des Vormittags zu heftigen Güssen steigerte. Ein Bus überholte Karl. Was der Regen noch nicht geschafft hatte, gelang der Spritzwasserfontäne mühelos. In den Schuhen quatschte das Wasser, die triefnasse Regenhose weichte durch, die Jeans darunter klebte an den Beinen. Wie ein eiskalter Mantel schmiegte sich die Kleidung an seinen Oberkörper, von den Haaren triefte der Regen in das Gesicht und den Nacken, durch seine Brille sah er nur noch Tropflandschaften.

Er fuhr bis zur nächsten Ortschaft, stellte sein Rad unter dem Vordach eines kleinen Restaurants ab, schüttelte die dicken Tropfen aus dem Haar und der Kleidung, putzte die Brille und seine Nase. Bevor er hineinging, pellte er sich aus der Regenkleidung. Ihn fröstelte.

Das Lokal war besetzt bis auf den letzten Tisch. Abgestandene, stickige Luft waberte ihm entgegen, durchsetzt mit murmelndem Stimmengewirr. Der Wirt kassierte bei einem alten Mann, der in einer Fensternische allein an einem Tisch saß. Sein Teeglas war bereits leer. Die Zeitung hatte er zusammengerollt vor sich liegen. Karl näherte sich zögernd dem Tisch.

„Darf ich?“ Er zeigte auf den freien Stuhl. Der alte Mann nickte.

„Ja. Nass geworden?“

Der alte Mann blieb sitzen. Er rollte seine Zeitung auf, las ein wenig, faltete sie sorgfältig wieder zusammen.

„Ich habe Sie mit dem Rad kommen sehen. Müssen Sie noch weit? Das Wetter bleibt schlecht. Sehen Sie, hier steht’s.“

Er hielt Karl die Wetterkarte aus der Zeitung hin.

„Ja“, erwiderte Karl einsilbig. Der Regen prasselte gegen das Fenster. Er bestellte ein Kännchen Tee und eine Portion Eier mit Schinken auf Toast.

„Das Essen ist gut hier.“ Wieder tastete der alte Mann sich ran. „Ich komme jeden Tag her. Wissen Sie, wenn man so allein lebt, dann muss man mal unter Menschen.“

Karl bemühte sich um ein freundliches Lächeln.

„Ich weiß, ich nerve Sie“, entlarvte sein Gegenüber seine Gedanken. „Mein Sohn, der hat denselben Gesichtsausdruck wie Sie, wenn ich ihm etwas erzählen will.“ Wieder nahm der alte Mann die Zeitung zur Hand, rollte sie zusammen und erhob sie wie einen Zeigestock zur Bestärkung seiner Worte und redete weiter.

„Ich bin stolz auf ihn. Er hat eine Firma aufgebaut, eine moderne Druckerei, in der Nähe von London. Vor drei Jahren war er das letzte Mal hier, ganz kurz...“ Der alte Mann hielt inne. Seine dunkelblauen Augen glänzten verdächtig. Er legte die zusammengerollte Zeitung auf den Tisch und faltete die Hände ineinander. Langsam redete er weiter. „Das war, als meine Frau starb. Seitdem bin ich allein… und komme jeden Tag her. Aber das sagte ich schon. Hier sind immer Menschen. Und sehen Sie: von diesem Platz aus habe ich alle im Blick. Aber warum erzähle ich Ihnen das? Entschuldigen Sie, ich will Sie nicht langweilen.“

„Nein, Sie langweilen mich nicht. Ist schon in Ordnung.“ Karl blickte den alten Mann an. Der erhob sich. 
„Ich muss jetzt nach Hause. Ans Telefon. Könnte sein, dass mein Sohn anruft. Vielleicht ruft er heute an und dann will ich zu Hause sein.“

Karl sah, wie er nach seinem Stock griff und mit schweren Schritten zur Tür humpelte. Draußen blieb er vor dem nassen, voll bepackten Fahrrad stehen, schüttelte den Kopf und zog davon. Karl blieb nachdenklich zurück.

„Was dieser Sohn noch könnte, kann ich nicht mehr. Zu spät ist zu spät.“ Hätte er in dem Unglückszug gesessen, dann wäre alles zu spät gewesen. Aber war nicht ohnehin alles zu spät? Er bestellte noch einen Tee. Zum ersten Mal seit seiner überstürzten Flucht aus London dachte er darüber nach, was er gemacht hatte. Es gab ihn nicht mehr. Er stand auf der Vermisstenliste und zählte zu den Opfern des Zugunglücks. Er war ein „Niemand“. Keiner würde ihn vermissen. John vielleicht ein bisschen. Doch auch nur seiner Arbeit wegen. Menschlich waren sie sich nie nahe gekommen.

Die Bedienung brachte den Tee. Die Sanduhr auf dem Tablett rieselte noch. Als der feine weiße Sand durchgelaufen war, nahm er das Teeei heraus, legte es in den vorgesehenen Behälter und trank das heiße Getränk in kleinen Schlucken. Wohltuend warm rann der die Kehle hinunter, gab Wärme in den Bauch, der sich eben noch so kalt anfühlte.

Er richtete sich auf. Aufgeben wollte er nicht. Draußen lichtete sich die Wolkendecke. Wenige Minuten später saß er wieder auf dem Rad und fuhr weiter. „Erst einmal ankommen!“ Dieser Gedanke trieb ihn weiter, seinem Ziel entgegen. Drei Tage später setzte er morgens mit der ersten Fähre über zur Isle of Skye. Dicke Nebelschwaden lagen über der Insel.

Langsam radelte er auf den Friedhof zu. Ihm war flau im Magen als er am Tor das Rad sorgfältig absperrte. Er fand das Grab nach kurzem Suchen. Jemand hatte einen kleinen Rhododendron gepflanzt.

„Springt nicht in die frischen Beete.“ Karl sah sich und seine Schwester fangen spielen. Sie wohnten erst kurze Zeit in dem neuen Haus. Mutter war mit ihnen in ihre alte Heimat zurückgekehrt, nachdem sie den Vater verlassen hatte. Sie hatte den Kindern versprochen, dass nun alles besser werden würde. Kein Streit mehr, kein jähzorniger volltrunkener Vater mehr, dem sie schutzlos ausgeliefert war. Einen Job fand sie schnell. Sie arbeitete in der Gärtnerei, den ganzen Tag. Manchmal kam sie erst spät in der Nacht nach Hause.

Karl musste in eine neue Schule gehen. Die anderen Schüler, so hing es in seiner Erinnerung, machten ihm, dem Fremden, den niemand kannte, dem zwölfjährigen, der seine Freunde zurückgelassen hatte, das Leben schwer.

Jetzt stand er, der erwachsene Sohn, hier am Grab seiner Mutter. Tränen kullerten ihm die Wangen hinunter. Die alte Einsamkeit fühlte sich genauso an wie die neue. Seine Nase lief. Er suchte ein Taschentuch, fand dabei den Haustürschlüssel in der linken Hosentasche, wurde noch mehr gerüttelt und geschüttelt, schämte sich wegen der Tränen wie einst das Schlüsselkind, das tapfer und stark sein wollte.

„Ein Junge weint nicht.“

Er konnte sie nicht stoppen. Mit ihnen brach ein so viel Wut aus ihm heraus. Eine Wut, die ihm nie zugestanden worden war, die er sich nie zugestand. Wut darüber, dass er als Kind seine Freunde verlassen musste, dass er sich wie ein niemand und ein nichts gefühlt hatte, dass ihn dieses Gefühl sein ganzes Leben lang beherrschte, dass er Angst vor neuen Freundschaften  hatte, denn sie könnten ihm ja wieder genommen werden.

„Ein Nichts, ein Niemand, dazu hast du mich gemacht“, schleuderte er schluchzend dem Hügel Erde entgegen.

„Ich habe dich dazu gemacht?“

Er sackte zusammen. So war es immer gewesen. Mutter warf alle Vorwürfe zu ihm zurück. Am Ende war er derjenige, der sich schuldig fühlte seiner Gedanken und Gefühle wegen.

„Wieder einmal hast du recht“, murmelte er tonlos. „Ich habe mich ausgelöscht.“

Ihn fror. Er zog die Jacke enger um seinen schlanken Körper und blickte auf. Ringsum erzählten die vielen Grabstätten von gelebten Leben. Der Nebel hatte sich auf die Erde gelegt. Die Sonne suchte ihren Weg durch die aufreißende Wolkendecke. Schlotternd, kalt, hungrig stand er hier, ganz lebendig.
Eine große Schüssel Porridge mit dickem Rahm tauchte vor ihm auf. Er saß auf der harten Bank an dem alten Holztisch voller Kerben und löffelte das warme Frühstück. Sein Bauch fühlte sich wohlig satt an, als er aufstand. Er ging in den Hof und spielte mit seinen Freunden. Wie immer spielten sie Fußball und wie so oft verschloss er seine Ohren, wenn die Eltern stritten, sah er nicht hin zu den blauen Flecken, die die Mutter trug.

„Deshalb hast du mich von meinen Freunden weggerissen“, stammelte er dem steinernen Grabkreuz zu. „Und ich… ich bin aus meinem Trotz nicht herausgekommen… bis heute nicht… hab ihn gepflegt… hab niemanden an mich rankommen lassen… hab’s allen zeigen wollen… Erfolg im Beruf ja, Freunde nein, Beziehung nein… immer die Angst vor Trennungen…“

„Ja, deshalb“, schien die Mutter zu antworten. Als ihn das Weinen erneut schüttelte, war ihm, als hielten sie einander umschlungen. Diese Tränen spülten die Wut und viel Trennendes weg.

Karl blieb noch einige Zeit auf der Bank gegenüber der Grabstätte sitzen. Er fühlte sich erschöpft und erleichtert. Ein dicker Stein war von seiner Seele gewälzt worden.

Am nächsten Tag kehrte er zurück nach London. Seine Wohnung traf er so an, wie er sie verlassen hatte. Er meldete sich bei der Polizei. Dann rief er John an und lud ihm zum Tee ein.

Wenige Monate später verurteilte ihn das Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren mit Bewährung. Die Begründung der Richter lautete, er habe mit der Vermisstenmeldung über seinen Kollegen und mit seinen vermehrten Anrufen den Sicherheitskräften kostbare Zeit bei ihrer schwierigen Arbeit gestohlen. Gelassen nahm er das Urteil an. So frei wie seit seiner Heimkehr hatte er sich noch nie gefühlt.

Brigitte Neumann


Karl Hackett schob die Bettdecke beiseite. Sein Schlafanzug klebte am ganzen Körper. Wieder eine dieser schlaflosen Nächte, in denen er sich Stunde um Stunde dem Morgen entgegenquälte.

 Er lauschte in die Stille. Der Wecker tickte laut. Im Stockwerk über ihm knarrte der Boden. Eine Toilettenspülung rauschte. Wasser gluckerte. Es wurde wieder ruhig. Er drehte sich auf die linke Seite. Sein Herz klopfte, fast im Takt mit der Uhr. Er drehte sich nach rechts, das Pochen wurde leiser, doch die dunklen Gedanken blieben wach.

Draußen wurde es heller. Der Verkehr nahm zu. Karl erhob sich, suchte mit dem Fuß nach den Latschen vor seinem Bett und spürte die Schlaflosigkeit schwer in allen Gliedern ruhen. Müdigkeit sprang ihm aus den Augen, als er vor dem Spiegel sein Gesicht mit dem weichen Dachshaar-Rasierpinsel einschäumte. 
Das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter sprang an. Kurz drauf tönte aus dem Lautsprecher die Stimme seines Kollegen.

„Karl? Hier ist John. Bist du wieder zu Hause? Dann melde dich bitte.“ Karl zuckte mit den Achseln. John und er, sie waren beide Grafiker und gute Partner. Ihre kleine Agentur boomte, bald würden sie neue Mitarbeiter einstellen müssen. Doch vor dem ersten Tee wollte er noch nicht über Geschäftliches reden. Gleich würden sie sich ohnehin im Büro treffen.

Er goss kochendes Wasser auf die Teeblätter in der kleinen silbernen Kanne und stellte das Radio ein. Die Frühnachrichten hatten gerade begonnen. „… das Feuer der Explosion zerstörte zwei vollbesetzte Wagen des Nachtzuges. Eine noch unbekannte Anzahl von Fahrgästen verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Der Bahnhof Paddington ist bis auf weiteres gesperrt.“

Karl horchte auf. Die Nachrichtensprecherin verwies auf einen Sonderbeitrag direkt im Anschluss an die Sendung und ging zum nächsten Thema. Die Umfragewerte der Labour-Partei sanken erneut. Premierminister Brown schloss jedoch Neuwahlen aus. In Kabul hatte wieder einmal ein Selbstmordattentäter einen Bus in die Luft gesprengt. Karl stand vor dem Gerät, konnte kaum erwarten, bis die Wettervorhersage die Nachrichten beendete und er mehr über das Zugunglück von Paddington erfuhr. Dann bestätigte sich: Das war der Nachtzug, in dem er gesessen hätte, wäre nicht der letzte Termin gestern Nachmittag ausgefallen. In seinem müden Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Nicht zu spät gekommen. Gerade noch mal davon gekommen.

Das Telefon klingelte schrill in seinen Ohren. Schon wieder John. „Karl, ruf an. Der Zug, dieser Unglückszug… Du bist doch nicht etwa…“ Hier brach John ab.

Die Sanduhr war längst durchgelaufen. Karls Hände zitterten, als er das Teenetz aus der Kanne nahm. Wie immer fielen ihm dabei die Worte seiner Mutter ein. „Setz dich. Der Tee ist fertig“, hatte sie gesagt, wenn er heimkam. Dieses silberne Kännchen war das einzige, was ihm von ihr geblieben war. Seine Schwester hatte sie ihm geschickt.  „Mutters Teekanne“, stand auf einer schmucklosen weißen Karte in dem gleichmäßig, steilen Schriftzug, den auch die Mutter gehabt hatte. „Du sollst sie bekommen. Das war ihr Wunsch.“ Mehr nicht.

Er goss ein, griff die dünne Tasse vorsichtig mit beiden Händen und führte sie zum Mund. Der Tee schmeckte so bitter wie die Gedanken an ihr Sterben.  Hätte er in dem Unglückszug gesessen, wäre er jetzt vielleicht auch schon tot.

Das Telefon klingelte erneut. Der Anrufer legte auf ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Im Display sah Karl, dass John nochmals versucht hatte, ihn zu erreichen. Er griff zum Hörer und wollte zurückrufen, wählte die ersten drei Ziffern, legte wieder auf, setzte sich schwer atmend zurück zu seiner Teetasse und strich sich über das frisch rasierte Kinn.

Drei Tage, dann trüge er einen Stoppelbart. In drei Tagen wäre er mit dem Fahrrad schon über dreihundert Kilometer von London entfernt. Dreimal drei Tage, so schätzte er, würde er brauchen um nach Hause zu kommen. „Nach Hause“, das war die Isle of Skye, die größte der inneren Hebrideninseln, hoch oben im Westen von Schottland.

Karl ging zum Schreibtisch. Den Haustürschlüssel fand er in der hintersten Ecke der Schublade. Mutter wollte, dass er ihn behielt. „Damit du immer heimkommen kannst“, hatte sie gesagt.

„Zu spät!“ Karl konnte kaum mehr schlucken, so dick war der Kloß in seinem Hals. „Du kannst immer heimkommen“, hörte er die Stimme der Mutter wieder in sich. Er hatte nie Zeit gehabt. Der Aufbau der Firma, die vielen Aufträge, der Erfolg und der Druck, diesen Erfolg zu steigern, alles war wichtiger. Auch dann noch als er an ihrem Grab stand. Schnell war er wieder nach London zurückgefahren, um rechtzeitig beim nächsten Kunden zu sein.

„Karl, werde nicht sentimental“, sagte seine Vernunft. „Ruf endlich John an. Sonst wirst du von ihm als ein Vermisster des Zugunglücks gemeldet.“

„Ruf nicht an“, sagte eine andere Stimme. „Fahr los. Mach dich auf den Weg nach Hause.“ 
Die beiden Stimmen kämpften nicht lange. Karl packte das notwendigste in seine beiden Fahrradtaschen, dachte in letzter Minute noch daran, Regen- und Flickzeug einzustecken, verschloss sorgfältig seine Wohnungstür und radelte los. Wie gehetzt verließ er London, fuhr und fuhr ohne Pause bis zum späten Nachmittag, aß ein paar trockene Scones, trank Wasser dazu, radelte weiter, immer weiter, übernachtete in einem Schuppen im Freien, radelte am nächsten Morgen gleich wieder weiter bis zur ersten Telefonzelle.

„Hallo, ist da die Polizei? Hier spricht Mark Miller, ein Freund von Karl Hackett. Zählt er tatsächlich zu den Opfern des gestrigen Zugunglücks? ...Ja, ich warte bis Sie ihre Liste durchgescrollt haben…“ Der Polizist bestätigte, dass  Karl Hackett als einer der Letzten auf der Vermisstenliste aufgenommen worden sei.

Wieder setzte er sich auf sein Rad. Treten, treten, treten, rechten Fuß runter, linken Fuß runter, rechten Fuß runter… Er achtete weder auf die Landschaft, noch auf das milde Herbstwetter. Alle Gedanken waren überlagert von der treibenden Kraft, so schnell wie möglich anzukommen. Er vergaß John und die Kunden. Ihm kam auch nicht in den Sinn, dass ihn jemand erkennen könne. Er radelte weiter und weiter bis die Dunkelheit kam und übernachtete in einem Bed-and-Breakfast-Quartier. Die nächsten drei Tage verliefen ähnlich. Jeden Morgen überzeugte er sich unter einem anderen Namen, dass er auf der Vermisstenliste stand. Den Rest des Tages trat er in die Pedale bis die Dunkelheit die Wege verschlang.

Am fünften Tag setzte in der Früh leichter Regen ein, der sich im Laufe des Vormittags zu heftigen Güssen steigerte. Ein Bus überholte Karl. Was der Regen noch nicht geschafft hatte, gelang der Spritzwasserfontäne mühelos. In den Schuhen quatschte das Wasser, die triefnasse Regenhose weichte durch, die Jeans darunter klebte an den Beinen. Wie ein eiskalter Mantel schmiegte sich die Kleidung an seinen Oberkörper, von den Haaren triefte der Regen in das Gesicht und den Nacken, durch seine Brille sah er nur noch Tropflandschaften.

Er fuhr bis zur nächsten Ortschaft, stellte sein Rad unter dem Vordach eines kleinen Restaurants ab, schüttelte die dicken Tropfen aus dem Haar und der Kleidung, putzte die Brille und seine Nase. Bevor er hineinging, pellte er sich aus der Regenkleidung. Ihn fröstelte.

Das Lokal war besetzt bis auf den letzten Tisch. Abgestandene, stickige Luft waberte ihm entgegen, durchsetzt mit murmelndem Stimmengewirr. Der Wirt kassierte bei einem alten Mann, der in einer Fensternische allein an einem Tisch saß. Sein Teeglas war bereits leer. Die Zeitung hatte er zusammengerollt vor sich liegen. Karl näherte sich zögernd dem Tisch.

„Darf ich?“ Er zeigte auf den freien Stuhl. Der alte Mann nickte.

„Ja. Nass geworden?“

Der alte Mann blieb sitzen. Er rollte seine Zeitung auf, las ein wenig, faltete sie sorgfältig wieder zusammen.

„Ich habe Sie mit dem Rad kommen sehen. Müssen Sie noch weit? Das Wetter bleibt schlecht. Sehen Sie, hier steht’s.“

Er hielt Karl die Wetterkarte aus der Zeitung hin.

„Ja“, erwiderte Karl einsilbig. Der Regen prasselte gegen das Fenster. Er bestellte ein Kännchen Tee und eine Portion Eier mit Schinken auf Toast.

„Das Essen ist gut hier.“ Wieder tastete der alte Mann sich ran. „Ich komme jeden Tag her. Wissen Sie, wenn man so allein lebt, dann muss man mal unter Menschen.“

Karl bemühte sich um ein freundliches Lächeln.

„Ich weiß, ich nerve Sie“, entlarvte sein Gegenüber seine Gedanken. „Mein Sohn, der hat denselben Gesichtsausdruck wie Sie, wenn ich ihm etwas erzählen will.“ Wieder nahm der alte Mann die Zeitung zur Hand, rollte sie zusammen und erhob sie wie einen Zeigestock zur Bestärkung seiner Worte und redete weiter.

„Ich bin stolz auf ihn. Er hat eine Firma aufgebaut, eine moderne Druckerei, in der Nähe von London. Vor drei Jahren war er das letzte Mal hier, ganz kurz...“ Der alte Mann hielt inne. Seine dunkelblauen Augen glänzten verdächtig. Er legte die zusammengerollte Zeitung auf den Tisch und faltete die Hände ineinander. Langsam redete er weiter. „Das war, als meine Frau starb. Seitdem bin ich allein… und komme jeden Tag her. Aber das sagte ich schon. Hier sind immer Menschen. Und sehen Sie: von diesem Platz aus habe ich alle im Blick. Aber warum erzähle ich Ihnen das? Entschuldigen Sie, ich will Sie nicht langweilen.“

„Nein, Sie langweilen mich nicht. Ist schon in Ordnung.“ Karl blickte den alten Mann an. Der erhob sich. 
„Ich muss jetzt nach Hause. Ans Telefon. Könnte sein, dass mein Sohn anruft. Vielleicht ruft er heute an und dann will ich zu Hause sein.“

Karl sah, wie er nach seinem Stock griff und mit schweren Schritten zur Tür humpelte. Draußen blieb er vor dem nassen, voll bepackten Fahrrad stehen, schüttelte den Kopf und zog davon. Karl blieb nachdenklich zurück.

„Was dieser Sohn noch könnte, kann ich nicht mehr. Zu spät ist zu spät.“ Hätte er in dem Unglückszug gesessen, dann wäre alles zu spät gewesen. Aber war nicht ohnehin alles zu spät? Er bestellte noch einen Tee. Zum ersten Mal seit seiner überstürzten Flucht aus London dachte er darüber nach, was er gemacht hatte. Es gab ihn nicht mehr. Er stand auf der Vermisstenliste und zählte zu den Opfern des Zugunglücks. Er war ein „Niemand“. Keiner würde ihn vermissen. John vielleicht ein bisschen. Doch auch nur seiner Arbeit wegen. Menschlich waren sie sich nie nahe gekommen.

Die Bedienung brachte den Tee. Die Sanduhr auf dem Tablett rieselte noch. Als der feine weiße Sand durchgelaufen war, nahm er das Teeei heraus, legte es in den vorgesehenen Behälter und trank das heiße Getränk in kleinen Schlucken. Wohltuend warm rann der die Kehle hinunter, gab Wärme in den Bauch, der sich eben noch so kalt anfühlte.

Er richtete sich auf. Aufgeben wollte er nicht. Draußen lichtete sich die Wolkendecke. Wenige Minuten später saß er wieder auf dem Rad und fuhr weiter. „Erst einmal ankommen!“ Dieser Gedanke trieb ihn weiter, seinem Ziel entgegen. Drei Tage später setzte er morgens mit der ersten Fähre über zur Isle of Skye. Dicke Nebelschwaden lagen über der Insel.

Langsam radelte er auf den Friedhof zu. Ihm war flau im Magen als er am Tor das Rad sorgfältig absperrte. Er fand das Grab nach kurzem Suchen. Jemand hatte einen kleinen Rhododendron gepflanzt.

„Springt nicht in die frischen Beete.“ Karl sah sich und seine Schwester fangen spielen. Sie wohnten erst kurze Zeit in dem neuen Haus. Mutter war mit ihnen in ihre alte Heimat zurückgekehrt, nachdem sie den Vater verlassen hatte. Sie hatte den Kindern versprochen, dass nun alles besser werden würde. Kein Streit mehr, kein jähzorniger volltrunkener Vater mehr, dem sie schutzlos ausgeliefert war. Einen Job fand sie schnell. Sie arbeitete in der Gärtnerei, den ganzen Tag. Manchmal kam sie erst spät in der Nacht nach Hause.

Karl musste in eine neue Schule gehen. Die anderen Schüler, so hing es in seiner Erinnerung, machten ihm, dem Fremden, den niemand kannte, dem zwölfjährigen, der seine Freunde zurückgelassen hatte, das Leben schwer.

Jetzt stand er, der erwachsene Sohn, hier am Grab seiner Mutter. Tränen kullerten ihm die Wangen hinunter. Die alte Einsamkeit fühlte sich genauso an wie die neue. Seine Nase lief. Er suchte ein Taschentuch, fand dabei den Haustürschlüssel in der linken Hosentasche, wurde noch mehr gerüttelt und geschüttelt, schämte sich wegen der Tränen wie einst das Schlüsselkind, das tapfer und stark sein wollte.

„Ein Junge weint nicht.“

Er konnte sie nicht stoppen. Mit ihnen brach ein so viel Wut aus ihm heraus. Eine Wut, die ihm nie zugestanden worden war, die er sich nie zugestand. Wut darüber, dass er als Kind seine Freunde verlassen musste, dass er sich wie ein niemand und ein nichts gefühlt hatte, dass ihn dieses Gefühl sein ganzes Leben lang beherrschte, dass er Angst vor neuen Freundschaften  hatte, denn sie könnten ihm ja wieder genommen werden.

„Ein Nichts, ein Niemand, dazu hast du mich gemacht“, schleuderte er schluchzend dem Hügel Erde entgegen.

„Ich habe dich dazu gemacht?“

Er sackte zusammen. So war es immer gewesen. Mutter warf alle Vorwürfe zu ihm zurück. Am Ende war er derjenige, der sich schuldig fühlte seiner Gedanken und Gefühle wegen.

„Wieder einmal hast du recht“, murmelte er tonlos. „Ich habe mich ausgelöscht.“

Ihn fror. Er zog die Jacke enger um seinen schlanken Körper und blickte auf. Ringsum erzählten die vielen Grabstätten von gelebten Leben. Der Nebel hatte sich auf die Erde gelegt. Die Sonne suchte ihren Weg durch die aufreißende Wolkendecke. Schlotternd, kalt, hungrig stand er hier, ganz lebendig.
Eine große Schüssel Porridge mit dickem Rahm tauchte vor ihm auf. Er saß auf der harten Bank an dem alten Holztisch voller Kerben und löffelte das warme Frühstück. Sein Bauch fühlte sich wohlig satt an, als er aufstand. Er ging in den Hof und spielte mit seinen Freunden. Wie immer spielten sie Fußball und wie so oft verschloss er seine Ohren, wenn die Eltern stritten, sah er nicht hin zu den blauen Flecken, die die Mutter trug.

„Deshalb hast du mich von meinen Freunden weggerissen“, stammelte er dem steinernen Grabkreuz zu. „Und ich… ich bin aus meinem Trotz nicht herausgekommen… bis heute nicht… hab ihn gepflegt… hab niemanden an mich rankommen lassen… hab’s allen zeigen wollen… Erfolg im Beruf ja, Freunde nein, Beziehung nein… immer die Angst vor Trennungen…“

„Ja, deshalb“, schien die Mutter zu antworten. Als ihn das Weinen erneut schüttelte, war ihm, als hielten sie einander umschlungen. Diese Tränen spülten die Wut und viel Trennendes weg.

Karl blieb noch einige Zeit auf der Bank gegenüber der Grabstätte sitzen. Er fühlte sich erschöpft und erleichtert. Ein dicker Stein war von seiner Seele gewälzt worden.

Am nächsten Tag kehrte er zurück nach London. Seine Wohnung traf er so an, wie er sie verlassen hatte. Er meldete sich bei der Polizei. Dann rief er John an und lud ihm zum Tee ein.

Wenige Monate später verurteilte ihn das Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren mit Bewährung. Die Begründung der Richter lautete, er habe mit der Vermisstenmeldung über seinen Kollegen und mit seinen vermehrten Anrufen den Sicherheitskräften kostbare Zeit bei ihrer schwierigen Arbeit gestohlen. Gelassen nahm er das Urteil an. So frei wie seit seiner Heimkehr hatte er sich noch nie gefühlt.