Lust und Wohlbefinden – was ist für Frauen wichtig?

Wenn sie nicht will – er aber schon, dann haben wir den Klassiker schlechthin in einer Paarbeziehung. Luststörungen sind weit verbreitet, bei Frauen tendenziell häufiger als bei Männern. „Typischerweise ist es so, dass derjenige, der mehr Lust hat, dem anderen das Problem zuschreibt. Es heißt dann nämlich schnell, sexuelle Lust ist doch normal, also hast du ein Problem, weil du keine Lust empfindest.

Aber näher betrachtet, haben in solch einer Situation beide Partner ein großes Problem“, erklärt dazu die Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner. Der Partner mit der größeren sexuellen Lust hat das Problem, dass er mit seinen unerfüllten sexuellen Wünschen und dem Vermissen von Intimität klarkommen muss. Das frustriert auf Dauer zutiefst. Und der Partner mit der geringeren sexuellen Lust hat das Problem, dass er sich dauernd dafür rechtfertigen muss, warum er keine Lust hat. Das kann oftmals Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen. Ein Ungleichgewicht an sexueller Lust belastet eine Beziehung stark.

Als sexuelle Lust, auch Libido genannt, wird eine Reaktion bezeichnet, die durch bestimmte Schlüsselreize entsteht. Wenn eine Frau zum Beispiel ein erotisches Foto oder ein attraktives Mannsbild sieht, wird reflexartig der Blutfluss in ihrer Vagina angeregt. Dieser Vorgang ist physiologischer Natur und braucht keine Steuerung des Bewusstseins. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass sich diese Reaktion bei fast allen Frauen abspielt. In der Sexualmedizin und Psychologie wurde deshalb vermutet, dass viele Frauen, die keine Lust empfinden, diese aufgrund von Ängsten oder Beziehungsproblemen nicht ausleben. Doch jetzt haben innerhalb von kurzer Zeit gleich zwei Wissenschaftlerinnen diese Ansicht als zu einseitig widerlegt: Die US-amerikanische Gynäkologin Lori Brotto untersuchte speziell Frauen und Männer, die von sich angaben, keine sexuelle Lust zu haben, sogar asexuell zu sein. Wie vermutet, stellte sich bei ihnen die Durchblutung der Vagina bzw. des Penis ein, als sie erotische Filme betrachteten. Trotzdem gaben die Personen an, keine Lust zu verspüren. Die Erregung in den erogenen Zonen kommt nicht als ein Gefühl der sexuellen Lust im Gehirn an. Warum das bei manchen Menschen der Fall ist, wird derzeit in einer Studie von der US-amerikanischen Hirnforscherin Nicole Prause untersucht. Offenbar werden bei manchen Menschen die sexuellen Zentren im limbischen System des Gehirns nicht aktiviert, selbst wenn die Sexualorgane Erregung anzeigen. Da diese Menschen ihre Lustlosigkeit nicht als leidvoll empfinden, brauchen sie auch keine Therapie.

Eine weitere Erklärung für das Phänomen der weiblichen Lust liefert die kanadische Wissenschaftlerin Rosemary Basson. Sie hatte Frauen befragt, die ein gutes und erfülltes Sexualleben führen. Ein Drittel dieser Frauen gab an, dass bei ihnen die direkte Stimulation nicht ausreichend ist, damit sexuelle Lust entsteht. Die indirekte Stimulation spielt mindestens die gleiche Rolle: Kerzenschein, ein schönes Essen oder eine schöne Räumlichkeit, aber auch das Gefühl, dass mit der Partnerschaft alles stimmt, dass man sich emotional nahe ist, dass man sich intim fühlen und Gemeinsamkeit erleben möchte. Angeblich lustlose Frauen haben darüber hinaus oftmals gute Gründe, selbst wenn ihnen diese nicht immer bewusst sind. Vielleicht sind sie gestresst oder fühlen sich körperlich unzufrieden. „Ein oft unterschätzter Lustkiller ist auch der vorgetäuschte Orgasmus“, erklärt Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner. „Wenn Frauen dem Mann immer wieder vorspielen, wie klasse das Sexualleben ist, dann frustriert sie das irgendwann. Der Sex wird zum anstrengenden Schauspiel, doch die Belohnung dafür, der Orgasmus, bleibt unter dieser Anstrengung aus. Und irgendwann bleibt die Lust komplett auf der Strecke.“ Neben diesen sogenannten weichen Faktoren dürfen auch medizinische Gründe nicht außer Acht gelassen werden, wie Schmerzen, Testosteronmangel, bestimmte Krankheiten und Medikamente – ebenso wie auch Missbrauchserfahrungen, Ängste, Depressionen oder Partnerschaftsprobleme.

Sie sehen, die weibliche Lustlosigkeit ist ein vielschichtiges Phänomen. Hilfe finden Sie bei Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin oder auch bei in der Gynäkologie, der psychologischen Psychotherapie oder der Sexualtherapie tätigen Fachkräften. In oft nur wenigen Sitzungen kann gemeinsam erkundet werden, wo die Ursache liegen könnte. Überlegen Sie sich zudem genau, was bei Ihnen zur Lust führt und besprechen Sie diese Bedürfnisse mit Ihrem Partner. Darüber hinaus gibt es natürlich auch eine Form der dauerhaften Lustlosigkeit, die nicht krankhaft ist und die auf Therapien nicht anspricht. Lustlosigkeit ist also nicht immer eine Störung, sondern manchmal einfach Ihr gutes Recht.

In unserem nächsten Gesundheitstelefon ab 1. Mai geht es um das Thema „Asthma bei Kindern“. Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG),

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker