Individualisierte Krebstherapie – Aufbruch in eine neue Ära

1. bis 15. September 2015

Diagnose „Krebs“. Pro Jahr erkranken in Deutschland knapp eine halbe Million Menschen daran, Tendenz steigend. Doch die Forschung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht, so dass man trotz aller Komplexität der Krankheit verhalten von einem Aufbruch in eine neue Ära sprechen kann– vor allem durch die Fortschritte in der Entwicklung der individualisierten Krebstherapie.

Unter individualisierter Krebstherapie ist nicht zu verstehen, dass das einzelne Individuum, also der jeweilige Patient oder die jeweilige Patientin, im Sinne einer besseren Betreuung stärker in den Mittelpunkt rückt. Sondern vielmehr wird das individuelle genetische Profil eines jeden Menschen stärker fokussiert.

Krebstherapien verlaufen nach dem mehr oder weniger gleichen standardisierten, das heißt dem neuesten Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechenden, Schema: Zunächst wird feingeweblich bestimmt, um welche Krebsart es sich handelt, dann wird eine dementsprechende Therapie verordnet. Diese Therapie funktioniert, vereinfacht dargestellt, nach dem „One-drug-fits-all-Konzept“. Dies bedeutet: Ein bestimmter Wirkstoff hilft bei Brustkrebs, ein anderer Wirkstoff bei Prostatakrebs. Führt die Behandlung nicht zum Erfolg, haben die Ärzte noch ein paar Alternativen zur Auswahl. Doch die grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin: Es ist nicht vorhersagbar, ob die Behandlung bei dem einen an Krebs erkrankten Menschen anschlägt und bei dem anderen nicht, obwohl beide vielleicht unter der gleichen Krebserkrankung leiden. Und genau dies beginnt sich gerade mit dem Konzept der individualisierten Krebsbehandlung zu verändern. 

Ein erster Meilenstein des neuen Ansatzes war die Entdeckung, dass sich auch Zellen eines Organes, wie etwa Brustkrebszellen, molekular – also auf kleinster Ebene – voneinander unterscheiden. Die Krebszellen an einem bestimmten Organ sind nicht bei jedem Patienten gleich. Ein zweiter Meilenstein war die Erkenntnis, dass es von diesen Unterschieden abhängt, ob eine Therapie anschlägt oder nicht. Nicht jede Chemotherapie gegen Brustkrebs hilft deshalb bei jeder Patientin. Heute unterscheidet man beispielsweise bereits vier unterschiedliche Formen von Brustkrebs. Für die ersten drei Gruppen, die circa 85 Prozent aller Fälle ausmachen, gibt es wirksame Therapien, jedenfalls wenn sie früh erkannt werden. Diese wirksamen Therapien gibt es deswegen, weil man die genaue Beschaffenheit der Brustkrebsformen kennt. Dem entsprechend werden die Medikamente ausgewählt. In der vierten Gruppe der Brustkrebskranken hat man leider noch keine individualisierte Therapie gefunden. Hier steht bislang neben der Chirurgie und der Bestrahlung eine eher konventionelle Chemotherapie zur Verfügung, so wie sie früher für alle Krebsarten üblich war. Es ist aber davon auszugehen, dass über kurz oder lang auch hier die genauen Unterschiede und Besonderheiten erforscht werden.

In Zukunft kann eine solche Einteilung noch weiter voranschreiten und die Behandlung von Krebs noch sehr viel individueller werden. Über 200 verschiedene Formen von Krebs sind bereits bekannt. Hinter ihnen – und auch das ist relativ neu – stehen verschiedene Formen von Genveränderungen, die auch als Risikogene bezeichnet werden. So besteht die neue Herausforderung darin, nicht nur die Krebszellen selbst zu untersuchen, sondern sie anhand ihres genetischen Profils zu charakterisieren. Auch dies ist überhaupt erst möglich geworden, seit im Jahr 2001 erstmals das gesamte Genom, das heißt alle menschlichen Gene, identifiziert worden sind. Doch während die Wissenschaftler für diese erste Identifizierung noch zehn Jahre gebraucht hatten, können bereits heute neue Technologien angewendet werden, welche die Entzifferung des Erbgutes in einigen Stunden möglich macht. Auf diese Weise suchen die Wissenschaftler nach immer neuen Risikogenen. Ist das genetische Profil des Tumors bekannt und findet man genau diese genetische Veränderung bei einem Patienten, wäre es künftig möglich, dass Ärzte einschätzen können, ob ein bestimmtes Medikament bei der erkrankten Person anschlägt oder nicht. Die individualisierten Medikamente der Zukunft können dann sogar in die Ursachen der Tumorbildung eingreifen.

Die Genanalyse kann dann auch von Vorteil sein, um festzustellen, wie groß die Gefahr ist, überhaupt an Krebs zu erkranken. Man weiß heute, dass nicht nur die Risikofaktoren, wie etwa Rauchen, für das Entstehen von Krebs verantwortlich sind, sondern eben auch die besagten Risikogene. Risikogene sind Genvarianten, die das Ausbrechen für eine bestimmte Erkrankung begünstigen. Für viele Krebserkrankungen kennt man Risikogene. Kommt dann zum Beispiel das Rauchen oder ein anderer krebsbegünstigender Faktor noch hinzu, wird das Risiko einer Erkrankung erheblich größer, als wenn jemand die jeweiligen Risikogene nicht besitzt. Je mehr Risikogene bekannt werden, desto stärker kann sich das Konzept der individualisierten Krebstherapie weiter revolutionieren. Krebs, so sagen Experten, kann in Zukunft eine Krankheit sein, die vielleicht öfter heilbar sein wird als zur Zeit. 

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de
Redaktion: Marielle Becker

Weiterführende Links zum Thema:

Deutsche Krebsgesellschaft: Personalisierte Krebsmedizin

 

WDR-Wissen: Personalisierte Krebstherapie: Pathologen auf der Suche nach Krebs-Schlüsseln