Stress lass nach – wie kann man mit Überlastung umgehen?

Viele Menschen freuen sich auf die Tage „zwischen den Jahren“, also die Zeit zwischen Heiligabend und Neujahr, in der endlich die Belastung durch Alltag und Festtagsvorbereitungen abnimmt, viele Betriebe geschlossen haben und man in der Familie zur Ruhe kommt. Diese Zeit bietet sich an, einmal über das vergangene Jahr nachzudenken. Eine Frage, die sich in solchen Momenten der Entspannung aufdrängt, ist: Wieso geraten wir eigentlich immer wieder in einen Stresszustand?

Stress scheint eine allgegenwärtige Zivilisationserscheinung zu sein, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist.

Dabei ist Stress nicht generell als schlimm anzusehen, im Gegenteil, in manchen Fällen kann man davon auch profitieren. Der Stress einer bevorstehenden Prüfung zum Beispiel motiviert zum Lernen. In der entscheiden Prüfungssituation wird dann der Körper mit Stresshormonen überflutet, die einen Zustand von besonderer Aufmerksamkeit, Konzentration und Leistungsfähigkeit hervorrufen. Dies hat sich in der Evolution als ein Überlebensprinzip herausgestellt: In Gefahrensituationen kann sich der Mensch auf das Wichtigste konzentrieren, geistesgegenwärtig kämpfen oder schnell weglaufen.

Diese Art von positivem Stress entsteht, wenn die Situation trotz aller Belastung kontrollierbar ist und Ruhepausen möglich sind. Eine Prüfung zum Beispiel ist eine kontrollierbare Situation, denn Sie können sich darauf vorbereiten oder im Notfall von der Prüfung zurücktreten. Oder Sie können sich sagen, dass das Bestehen der Prüfung nicht so wichtig ist, weil Sie berufliche Alternativen haben. Solche Gedanken führen zu einem Gefühl der Kontrolle. Der Stress wird als weniger belastend, zuweilen sogar als positiv und anregend empfunden.

Kritisch wird es beim unkontrollierbaren Dauerstress: Wer sich in einer belastenden Situation befindet, die kein Entkommen ermöglicht und bei der kein Ende absehbar ist, fühlt sich hilflos, ausgeliefert und handlungsunfähig. Diese Art von Stress ist in der Arbeitswelt leider häufig der Fall. Aber auch die Dauerbaustelle vor dem Bürofenster, die Pflege eines demenzkranken Angehörigen oder Arbeitslosigkeit kann zum dauerhaften und als unkontrollierbar empfundenen Stressfaktor werden.

Dauerstress und vor allem die damit verbundene Hilflosigkeit machen krank. Zunächst gewöhnt sich der Organismus an den Zustand und mobilisiert Energiereserven. Er aktiviert das sympathische Nervensystem, das den Körper in hohe Leistungsbereitschaft versetzt und ihn auf Angriff, Flucht oder andere außergewöhnliche Anstrengungen vorbereitet.  Auch setzt er die Drüsen in Bereitschaft, die Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin produzieren. Irgendwann aber sind die Reserven aufgebraucht und die Anpassung an den Stresszustand bricht zusammen. Die betroffene Person gerät in einen Zustand völliger Erschöpfung. Außerdem führt die ständige Cortisolausschüttung zur Unterdrückung des Immunsystems. Als Folge davon wird man wird anfällig für jeden Krankheitserreger. Dieser Zustand wird als Burnout bezeichnet. Er macht krank und kann im schlimmsten Fall sogar zum Tode führen.

Wer kurz vor einem Burnout steht, spürt Gefühle des Versagens und der Hoffnungslosigkeit. Auch dies ist die Wirkung des Stresshormons Cortisols. Es sorgt dafür, dass wir eine Art Tunnelblick bekommen, der uns daran hindert, einen Überblick über alle unerledigten Arbeiten zu gewinnen, die Lage zu analysieren und unsere Strategien zu verbessern. Deswegen geraten Menschen mit Dauerstress oft zu einer Fehleinschätzung ihrer Situation. Sie denken, sie müssten einfach nur noch mehr leisten, sich noch mehr anstrengen und noch disziplinierter sein, dann würde sich alles schon wieder einpendeln. Dabei benötigen sie dringend das Gegenteil, nämlich Ruhe und Erholung. Diese Fehleinschätzung des eigenen Zustandes ist ein typisches Symptom eines Burnouts.

Wenn Sie vermuten, vor einem Burnout zu stehen oder bereits betroffen zu sein, sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen. Am besten, Sie gehen zuerst einmal in eine Arztpraxis und lassen Ihren körperlichen Zustand überprüfen. Mit der Ärztin oder dem Arzt können Sie das weitere Vorgehen besprechen. In der Anfangsphase kann eine ausgedehnte Erholung, wie etwa eine Kur, helfen. Später bedarf es oft einer gezielten Psychotherapie, unter Umständen auch unterstützt von Antidepressiva, ähnlich wie bei der Depression. Vor allem müssen Sie sich selbst Fragen stellen: Wie gehe ich mit mir um? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen, meiner Arbeit um? Wie trage ich Konflikte aus?

Um aber gar nicht erst in ein Burnout zu geraten, sind andere Aspekte hilfreich: Gönnen Sie sich regelmäßig einmal in der Woche etwas besonders Schönes, wofür Sie sonst nie Zeit haben: Schwimmen gehen, einen Winterspaziergang machen, Musik hören. Dabei wird das Stresshormon Cortisol abgebaut, und Sie können langsam wieder einen Überblick über Ihre Situation gewinnen. Jetzt können Sie sich Lösungen überlegen. Sind wirklich alle Aufgaben wichtig? Wie können Sie Ihrem Chef oder Ihrer Familie sagen, dass Ihnen alles zu viel wird? Wer kann Sie unterstützen? Welche Arbeiten sind die wichtigsten? Welche können Sie delegieren oder unter den Tisch fallen lassen? Wie können Sie sich aus Ihrer Situation befreien, wenn sich an ihr nichts ändern lässt?

Wichtig ist, dass Sie selbst aktiv werden: Sobald Sie das Gefühl haben, nicht mehr hilflos einer Situation ausgeliefert zu sein, wird der empfundene Stress geringer.

Sie finden diesen Text auch auf der Homepage der LZG unter www.gesundheitstelefon-rlp.de. Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, Telefon 06131 2069-0.

 

16.-31.12.2010

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl