Dem Leistungsdruck in der Hochschule gerecht werden

Viele Jugendliche werden in Schule und Studium stark beansprucht. Durch verkürzte Schulzeiten und gestraffte Regelstudienzeiten fühlen sie sich über die Maßen gefordert. Sie kommen quasi seit der Oberstufe aus dem Pauken gar nicht mehr heraus. Eine Studie der Universität Heidelberg unter Prof. Dr. Monika Sieverding zeigte: Vor allem Bachelorstudenten sind hohen Erwartungen ausgesetzt, haben aber wenige Entscheidungsspielräume.

Das führt schnell zu Unzufriedenheit und darüber hinaus zu Beschwerden vor allem im mentalen Bereich, wie eine Umfrage der Techniker Krankenkasse ergab. Konzentrationsstörungen, Nervosität, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen kannte jeder dritte bis jeder fünfte der Studierenden. Diese reagieren darauf höchst unterschiedlich. Gute 20 Prozent der Studentinnen und Studenten gestanden in der anonymen Umfrage der Techniker Krankenkasse, dass sie zu viel Alkohol trinken und rauchen. Um ihre Leistung zu steigern, gehen sie oft noch weiter, hat eine Studie an der Universität Mainz ergeben. Insgesamt jeder fünfte Studierende schluckt ein leistungssteigerndes Mittel. Dazu gehören die recht harmlosen Koffein-Tabletten zum Aufputschen. Dazu gehören aber auch verschreibungspflichtige Mittel wie Alzheimer-Medikamente und Antidepressiva als Stimmungsaufheller und Amphetamine als Wachmacher. Sogar ein sehr bekanntes Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat, der unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, und eigentlich gegen Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) verordnet wird, wird zweckentfremdet. Auch der Wirkstoff Modenafil, der bei der Schlafkrankheit hilft, wird von Studentinnen und Studenten zu anderen Zwecken eingenommen.

Das Thema „Hirndoping“ liegt im Trend. Die Substanzen werden eingenommen, nicht um sich zu berauschen, sondern um mehr und schneller und besser zu lernen. Vor allem das Motiv „Ich will besser als mein Nachbar“ treibe immer mehr Menschen an, zu solchen Medikamenten zu greifen, sagt Prof. Dr. Gerd Glaeske von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in einem Interview für das Deutsche Ärzteblatt. „Es ist das Gefühl des Getriebenseins und keine Erfolge zu haben“, so Glaeske. Ungesund sind nicht so sehr die Medikamente, obwohl diese natürlich auch Nebenwirkungen haben. Ungesund ist vor allem, dass das Hirndoping nicht therapeutisch wirkt und auch nicht für Erholung sorgt, sondern den Körper nur noch mehr ausbeutet. Denn ein Leistungstief zeigt an, dass man eine Erholungspause benötigt. Wird das Signal ignoriert, indem man eine Pille schluckt, kann man zwar weiterlernen, versagt aber seinem Körper die notwendige Zeit, um zu regenerieren. Dies rächt sich auf Dauer, der Körper ist einfallsreich: von einer Schwächung des Immunsystems, bis hin zu Schlafstörungen, Herzbeschwerden, Psychosen und Stimmungsschwankungen ist alles möglich. Und damit steuert man mit voller Kraft auf eine Erschöpfungsdepression zu, die einen so richtig lahmlegt. Prof. Dr. Klaus Lieb,  Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, warnt in seinem Buch "Hirndoping – Warum wir nicht alles schlucken sollten" unter anderem vor unüberlegtem und aggressivem Verhalten, das einige Medikamente bei entsprechender Veranlagung auslösen können.

Um das zu vermeiden, möchten wir Ihnen vom regelmäßigen Gebrauch leistungssteigernder Medikamente abraten. Stattdessen empfehlen wir, sich Alternativen zu suchen, um Ihr Wohlbefinden zu steigern. Ausreichend Schlaf und Erholungspausen tagsüber gehören dazu, ebenso wie regelmäßiger Sport. Die Zeit, die Sie täglich in Jogging oder Tai Chi oder ins Boxtraining investieren, holen Sie durch den neugewonnenen geistigen Schwung locker wieder heraus. An Hochschulen gibt es auch psychologische Beratungsstellen, die Ihnen bei Problemen behilflich sind. Und noch ein allgemeiner Tipp: Hetzen Sie nicht durch Ihr Studium, sondern lassen Sie sich ruhig etwas mehr Zeit. Im späteren Vorstellungsgespräch wird kaum jemand danach fragen, ob Sie ein oder zwei Semester länger studiert haben. Hier kommt es auch auf Ihre Persönlichkeit an, und diese entwickeln Sie nicht durch Lektüre und Auswendiglernen, sondern vor allem durch Erleben und Lebenserfahrung.

Und denken Sie bitte auch daran, dass es im Leben nicht nur darum geht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Abschlüsse zu erwerben. „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“, so hat es Johann Wolfgang von Goethe formuliert. Doch die Studierenden heutzutage sind vor allem mit grauer Theorie beschäftigt, für Ausgleichendes wie Sport, Kultur, Freundschaften und den Blick über den Tellerrand des eigenen Studienfaches hinaus bleibt meist wenig Zeit. Diese Zeit müssen Sie sich selbst einräumen. Das Leben ist nicht nur dazu da, um zu funktionieren, sondern vor allem, um es zu erleben!

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker 

16. bis 31. Oktober 2013