Medikamente zur richtigen Tageszeit einnehmen

Alles hat seine Zeit. Morgens ist die Zeit zum Wachwerden, man trinkt einen Kaffee zum Munterwerden und geht beschwingt in den Tag. Zur Mittagszeit setzt ein kleines Tief ein, das viele Menschen mit einer Siesta oder einem Power-Napping überbrücken. Nach der zweiten Aktivitätsphase am Nachmittag wird man dann abends wieder wie von selbst müde und legt sich schlafen. So sieht ein ungestörter Tagesrhythmus im Idealfall aus.

Er wird unter anderem über Hormone geregelt, von denen abends andere gebildet werden als morgens. Die Dichte der Rezeptoren an den Organen, wo Wirkstoffe oder Hormone aufgenommen werden, ist je nach Tages- oder Nachtzeit ebenfalls unterschiedlich. Auch Krankheiten haben ihr rhythmisches Eigenleben, das von der Tageszeit abhängt. Dies wirkt sich auf die Einnahme von Medikamenten aus: Einige Medikamente nimmt man besser morgens ein, andere besser abends. Dahinter steht eine Wissenschaft – die Chrono-Pharmakologie.

Für Zahnschmerzen gibt es beispielsweise eine typische Tageszeit, wie der Chrono-Pharmakologe Professor Björn Lemmer von der Universität Heidelberg in einem wissenschaftlichen Versuch herausgefunden hat. Zahnschmerz tut abends und nachts mehr weh als zu jeder anderen Stunde des Tages, so das Untersuchungsergebnis. Einen Zahnarzttermin sollten Sie also nicht auf die ganz frühe oder sehr späte Stunde legen, sondern ihn am besten um die Mittagszeit wahrnehmen. Dann schmerzt das Bohren nämlich am wenigsten. Wenn Sie zusätzlich auf die Wirkung einer lokalen Betäubungsspritze vertrauen wollen, ist das ein weiteres Argument für die Sprechstunde um die Mittagszeit: Dann nämlich entfaltet der betäubende Wirkstoff am intensivsten und am längsten seine Wirkung.

Auch die Lungenfunktionen unterliegen einer Tagesrhythmik. Dies wirkt sich zum Beispiel auf Menschen aus, die unter Asthma leiden. Bei ihnen kommt es anfallsartig zu verengten Bronchien, was vor allem das Ausatmen erschwert. Da die Empfindlichkeit der Schleimhäute gegen die krampfauslösenden Stoffe in den frühen Morgenstunden besonders groß ist, treten  Asthmaanfälle überwiegend zwischen 3 und 6 Uhr früh auf. Der optimale Zeitpunkt für die Einnahme der vorbeugenden Mittel gegen Asthmaanfälle ist deshalb abends. Die Wirkstoffe können über Nacht aufgenommen werden und schützen so zum Zeitpunkt der größten Gefährdung. Dies gilt derzeit für fast alle Asthmamittel. Nur die Wirkung von Cortison, das heutzutage meist inhaliert wird, ist relativ unabhängig von der Tageszeit. Lesen Sie aber auf jeden Fall die Herstellerempfehlungen auf dem Beipackzettel.

Gelenkrheuma ist eine chronische Erkrankung, die ebenfalls tagesrhythmisch verläuft. Schubweise kommt es hierbei zu Entzündungen in den betroffenen Gelenken, die schmerzen und anschwellen, wobei Gelenksubstanz zerstört wird. Typisch für Gelenkrheuma ist die Morgensteifigkeit der Gelenke. Sie führt dazu, dass es nach dem Aufstehen mindestens eine Stunde dauert, bis man die Gelenke wieder gut bewegen kann. Will man diese eingeschränkte Beweglichkeit am Morgen beheben, ist die Medikamenteneinnahme nach dem Aufwachen nicht sinnvoll, denn ihre Wirkung würde zu spät eintreten. Da die Morgensteifigkeit im Laufe des Tages abnimmt, würde sich die Hauptwirkung der Medikamente also erst dann entfalten, wenn die Beschwerden schon von alleine am Abklingen sind. Sinnvoll ist es vielmehr, der Morgensteifigkeit von Gelenken vorzubeugen. Nehmen Sie die sogenannten nichtsteoridalen Antirheumatika wie Diclofenac oder Naproxen abends ein, weil dann am nächsten Morgen eine ausreichend hohe Konzentration vorhanden ist, um die Symptome zu überwinden. Außerdem fallen die unerwünschten Wirkungen bei der abendlichen Einnahme geringer aus.

Auch der Bluthochdruck unterliegt Schwankungen im Tagesverlauf und sinkt in der Nacht meistens ab. Patienten mit Bluthochdruck sollten ihre blutdrucksenkenden Tabletten morgens zu sich nehmen. Bei vielen Diabetikern und Patienten mit einer Nierenerkrankung hingegen sinkt der Blutdruck nachts nicht. Sie unterliegen einer erhöhten Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Um das Risiko zu minimieren, sollten diese Patienten ihre Bluthochdrucktabletten abends einnehmen. Mit Hilfe eines Blutdruck-Tagesprofils kann bestimmt werden, welcher Bluthochdrucktyp man ist. Dabei wird mit einem tragbaren Messgerät der Blutdruck über 24 Stunden hinweg gemessen.

 

01. Januar bis 15. Januar 2013

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker