Der Geruchssinn – faszinierend und nicht selbstverständlich

Mmmh, wie das duftet, dieser leckere Apfelkuchen mit Zimt. Der Mund wird wässrig, der Appetit erwacht. Aber nicht nur im Zusammenhang mit dem Appetit nehmen wir Gerüche wahr, sie können uns auch warnen – und zwar blitzschnell. Wenn etwa das Essen verdorben ist oder gar ein Feuer ausbricht, erfahren wir das meist schneller über die Nase als über Augen und Ohren. Aber wie riechen wir eigentlich und was bedeutet es, wenn das nicht mehr so gut klappt?

Alles was riecht, entsendet Duftmoleküle, die wir beim Einatmen aufnehmen. Sie treffen auf ein etwa fünf Quadratzentimeter großes Stückchen Schleimhaut ganz oben in der Nasenhöhle, wo sich rund zehn Millionen spezialisierter Nervenzellen befinden. Dies sind die Riechsinneszellen, die Rezeptoren besitzen, die genau passend für die Duftmoleküle sind. Jeder der Millionen von Riechrezeptoren in der Nase reagiert dabei auf einen oder ganz wenige Duftstoffe. Wenn also ein Duftmolekül auf einen Rezeptor trifft, wird ein Signal an das Gehirn weitergeleitet. Auf diese Weise können wir tausende von verschiedenen Düften und Duftkombinationen erkennen.

Eine weitere Besonderheit des Geruchs besteht darin, dass ein Teil der Riechnervenbahnen direkt im limbischen System landet – da, wo die Gefühle beheimatet sind. Aus diesem Grund denken wir beim leckeren Apfelkuchen plötzlich auch an die Mutter oder die Nachbarin, die ihn immer gebacken hatte. Wenn wir nicht mehr riechen können, fehlt uns etwas, wir schmecken dann auch nicht mehr so gut. Ein Geschmackserlebnis setzt sich nämlich aus dem Mundgefühl und dem Duft zusammen. Den Geschmack verlieren wir häufiger vorübergehend – wenn wir erkältet sind und die Nase zu ist. Dabei werden die Rezeptoren verklebt und die Geruchsmoleküle können nicht bis zu den Rezeptoren durchdringen. Ist die Nase wieder frei, wird uns ein blühender Kirschzweig oder ein feines Parfüm wieder faszinieren.

Etwa fünf Prozent aller Menschen in Deutschland haben allerdings dauerhafte Riechstörungen. Unter den 65- bis 80-jährigen Personen sind es sogar 60 Prozent. Oft leiden die Betroffenen unter ihrem eingeschränkten oder nicht mehr vorhandenem Geruchssinn und beklagen einen starken Verlust an Lebensqualität. Auch kann ihre gesellschaftliche Teilhabe eingeschränkt sein, etwa wenn es keine Freude mehr macht, mit Anderen gemeinsam zu essen oder die eigene Körperpflege schwierig wird.

Unser Riechsystem wird durch so manche Umwelteinflüsse und Krankheiten geschädigt, etwa durch unangenehm riechende Lösungsmittel in Farben, Lacken und Klebstoffen. Das früher übliche Blei im Benzin war schädigend. Aber auch Zigaretten- und Pfeifenrauch sind Verursacher. Sie enthalten das Schwermetall Cadmium, das den Ausfall des Geruchsvermögens hervorrufen kann. Oft heilen Schädigungen von alleine, wenn Sie beispielsweise mit dem Rauchen aufhören. Denn Riechzellen bilden sich alle paar Wochen neu. Im Alter allerdings lässt diese Erneuerungsfähigkeit nach und die Riechstörungen halten länger an. Eine weitere häufige Ursache ist Zinkmangel, wie er bei chronischen Nieren-, Leber- und Darmkrankheiten auftreten kann. Hier ist die Auffüllung der Zinkvorräte – nach Anweisung Ihres Arztes – die beste und einfachste Therapie. Riechschäden können auch durch Heuschnupfen ausgelöst werden, denn er führt zu einer Dauerentzündung der Geruchsrezeptoren – was den Geruchssinn monatelang beeinträchtigen kann. Der Arzt gibt oft entzündungshemmende Mittel. Empfohlen wird auch das so genannte "Dresdner Riechtraining", das von Ihnen selbst durchgeführt werden kann. Gehen Sie folgendermaßen vor: Riechen Sie zweimal am Tag an vier charakteristischen Düften, wie Rose, Gewürznelke, Eukalyptus und Zitrone. Diese können Sie als natürliche Aromaöle in Bioläden, Apotheken oder Drogerien kaufen. Nach etwa zwölf Wochen Riechtraining sollte sich laut Studie der erste Erfolg einstellen. Übrigens machen Parfümeure und Sommeliers ähnliche Erfahrungen: Durch Übung lernen sie, die einzelnen Düfte immer sensibler wahrzunehmen.

Leider kann es aber auch dauerhafte Schädigungen des Geruchssinns geben, zum Beispiel durch eine Strahlentherapie bei Krebs, bei Verletzungen im Kopfbereich oder bei einem Schlaganfall, wenn er im Bereich des Riechzentrums auftritt. Medikamente helfen hier nur begrenzt. Das Dresdner Riechtraining ist einen Versuch wert und auch Spontanheilungen sind noch nach mehreren Jahren möglich.

Folgende Krankheiten stehen in besonderer Weise mit dem Geruchssinn in Zusammenhang. So kann eine schwere Depression den Geruchssinn einschränken – der nach einer erfolgreichen Behandlung wieder zurückkehrt. Bei der Parkinsonschen Erkrankung kann die Riechstörung eines der ersten Frühanzeichen sein. Vor allem das Pizzagewürz Oregano können Parkinson-Kranke kaum mehr wahrnehmen. Wichtig ist es, bei solchen Anzeichen direkt zum Arzt zu gehen, um im Falle einer Parkinson-Diagnose so früh wie möglich mit einer Therapie beginnen zu können. Auch bei Alzheimer schwinden die Nervenzellen für das Riechgedächtnis relativ früh. Im Inneren des Gehirns können die Düfte nicht mehr zugeordnet werden. Hier ist es ratsam, dass Sie bei Nahrungsmitteln immer auf das Verfallsdatum achten, dass Sie sich nach Plan waschen und sich im Zweifelsfall eine andere Nase zu Hilfe holen – etwa die der Partnerin oder des Partners oder der Kinder. 

In unserem nächsten Gesundheitstelefon ab 16. März geht es anlässlich des bevorstehenden Welt-Down-Syndrom-Tages um das Thema „Was ist das Down-Syndrom?“. Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund!

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker 

1. bis 15. März 2013