Neubeginn. Meine Herzenssache (Kurzgeschichte)

Harald Renner 

Als ich in meiner Herzenssache Professor Paulus zum ersten Mal begegnete, war ich überrascht vom jugendlichen Aussehen und der eindringlichen, sanften Stimme des Kardiologen. Ich hätte sie eher einem Politiker als einem Mediziner zugetraut. Ihn umgab ein gepflegtes Ambiente, das den Eindruck von Gediegenheit und Seriosität vermittelte. Auch beeindruckte mich, wie viel Zeit er sich für unser erstes Gespräch nahm. Ich durfte ihm ausführlich über meine Leidensgeschichte berichten. Aufmerksam hörte er mir zu, unterbrach mich nur gelegentlich mit gezielten Fragen und machte sich Notizen.

 Seit etwa zehn Jahren nervte mich meine "Herzenssache". Anfangs glaubte ich bei meinen Rhythmusstörungen noch an ein einmaliges Ereignis, dann an vermeidbare Auslöser der Anfälle. Ich entwickelte Vermeidungsstrategien: Verzicht auf Alkohol, Kaffee und Extrembelastung, Abbau von Stress. Ich erlernte autogenes Training, bewegte mich regelmäßig und ausdauernd und stellte meine Ernährung um. In den folgenden Jahren nahmen die Anfälle dennoch an Häufigkeit und Dauer zu. Das Ende jedes Anfalls war wie eine Erlösung: schlagartig verschwanden Herzklopfen, Unwohlsein und das Beklemmungsgefühl in der Brust. Vor drei Jahren wurde die Diagnose "anfallsweises Vorhofflimmern" gestellt und eine medikamentöse Therapie eingeleitet, doch nichts konnte den Verlauf der Krankheit wirksam stoppen. Vor drei Monaten geriet mein Herz vollständig aus dem Takt, und nur noch selten wechselten die Stolperphasen in einen normalen Herzschlag. Ich fühlte mich elend, erschöpft und "neben der Rolle". Zum Glück war ich seit vier Jahren pensioniert und musste mich nicht länger im Beruf bewähren und beweisen.

Unvermittelt erhob sich der Chefarzt aus seinem Sessel und eilte zum Bücherschrank hinter dem Schreibtisch. Rasch fand er, was er suchte: einen Atlas der Herzrhythmusstörungen. Er schlug das Buch dort auf, wo das Lesezeichen über den Rand ragte.

"Wissen Sie, was eine Katheterablation ist?"

"Nicht viel", gab ich zu.

"Dann will ich es mit diesen Bildern erklären. Schauen Sie, das ist eine Darstellung des linken Herzvorhofes. Sie sehen die vier Einmündungen der Lungenvene. Man weiß heute, dass Vorhofflimmern durch zusätzliche elektrische Impulse aus den Lungenvenen ausgelöst werden kann. Die Katheterablation soll deshalb die Lungenvenen elektrisch isolieren, damit diese Impulse sich nicht weiter ausbreiten können. So einfach ist das."

"Und wie läuft das technisch ab?", fragte ich besorgt.

"Beim narkotisierten oder zentral gedämpften Patienten werden Katheter über die Leistenvenen in den rechten Herzvorhof geführt. Durch eine Punktion der Vorhofscheidewand wird der linke Vorhof erreicht. Dort wird das kritische Gewebe mit Hochfrequenzstrom punktförmig erwärmt und in seiner Struktur zerstört."

"Wie riskant ist das?"

"Grundsätzlich ist die Katheterablation ein schonendes Verfahren. Komplikationen sind selten, kommen aber vor. In zwei Prozent muss mit einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt gerechnet werden, in weiteren zwei Prozent mit einem Verschluss der Lungenvene, der operativ nachbehandelt werden müsste, ganz selten kann es auch zur Verletzung des Herzmuskels mit Pericarderguss kommen. Positiv ausgedrückt: In 96 Prozent der Fälle verläuft der Eingriff komplikationslos."

"Raten Sie mir zu der Operation?"

"Diese Entscheidung kann ich Ihnen leider nicht abnehmen. Die müssen Sie selber treffen. Wenn wir über die Risiken des Eingriffes sprechen, dürfen wir die Chancen nicht übersehen. Wenn alles gut verläuft, werden Sie wieder einen völlig normalen Herzschlag bekommen, ohne Medikamente mit den zum Teil schweren Nebenwirkungen. Sie wären von Ihrer Krankheit tatsächlich geheilt. Lassen Sie sich Zeit mit Ihrer Entscheidung und rufen Sie mich an, wenn sie gefallen ist."

Drei Tage nach diesem Gespräch entschloss ich mich zu dem Eingriff. Meine Herzenssache duldete keinen weiteren Aufschub.

Am 17. Januar waren alle Voruntersuchungen und OP-Vorbereitungen beendet. Um 9 Uhr schlief ich nach einer intravenösen Injektion ein. Zwei bis drei Stunden später sollte alles überstanden sein. Gegen Mittag würde ich aus der Narkose erwachen.

Als ich die Augen aufschlug, zeigte die Wanduhr der Intensivstation 18 Uhr. "Geht es Ihnen gut? Können Sie mich hören?" fragte der Narkosearzt. Schemenhaft verschwommen erkannte ich ihn. Ich nickte, hatte ein pelziges Gefühl im Hals, wollte nur weiter schlafen. "Verstehen Sie mich?" fragte der Arzt erneut. Wieder nickte ich.

"Die Operation ist nicht so verlaufen, wie sie sollte. An zwei Stellen wurde Ihr Herzmuskel versehentlich perforiert. Wir haben Sie notoperiert. Keine Sorge, alles wird wieder gut." Er sagte noch etwas, aber da war ich schon wieder eingeschlafen.

Ich brauchte eine ganze Woche und eine Menge beharrlicher Fragen, bis ich ein klares Bild von dem Geschehen an diesem Tag gewonnen hatte. Gut verständlich, dass man nur zögernd mit der ganzen Wahrheit herausrückte, und nicht jeder Patient hätte sie wohl verkraften können. Ich fühlte mich stark genug für die Fakten.

Die Katheterablation war bestens verlaufen, nach zwei Stunden waren alle Störquellen im linken Herzvorhof isoliert. Die elektrophysiologische Kontrolle ließ auf einen guten Operationserfolg schließen. Das Team entspannte sich, mein Luftröhrentubus wurde entfernt, und ich sollte auf die Wachstation verlegt werden. In diesem Augenblick brach mein Kreislauf zusammen, Herzstillstand, aus heiterem Himmel, gänzlich unerwartet. Nach zwei Minuten Blutleere beginnt der Gehirntod, wie man weiß.

In dieser unvorstellbar kurzen Zeitspanne rettete das OP-Team mein Leben. Zum Glück war das Ultraschallgerät noch betriebsbereit, die Diagnose "Herzbeuteltamponade" rasch gestellt. Unter Ultraschallkontrolle wurde blitzschnell eine Punktionsnadel von außen durch den Brustmuskel in den Herzbeutel vorgeschoben. Mit Hilfe dieser Nadel wurde das ausgetretene Blut so weit abgesaugt, dass sich das Herz wieder frei entfalten konnte. Durch die beiden Löcher in der Herzwand lief ständig neues Blut in den Herzbeutel nach und musste fortlaufend abgesaugt werden. Höchste Eile war geboten. Der leitende Herzchirurg des Hauses entschloss sich dazu, in einem Notfalleingriff mein Brustbein zu spalten, den Brustkorb zu öffnen, und mein Herz buchstäblich in die Hand zu nehmen. Er brauchte nur wenige Minuten, um die beiden Verletzungsstellen zu übernähen. Die Blutung war dauerhaft gestillt, mein Kreislauf stabil geblieben, der Herzstillstand hatte die kritische Zeitmarke nicht überschritten. Ich war gerettet.

Zwei Tage blieb ich auf der Intensivstation, danach wurde ich für einige Tage auf die herzchirurgische Station verlegt, und nach einer Woche konnte ich mit der Reha-Behandlung beginnen, die drei Wochen dauerte.

Professor Paulus kam mir auf halbem Wege entgegen, als ich zum zweiten Mal sein Dienstzimmer betrat, am heiß ersehnten Entlassungstag.

"Wie fühlen Sie sich?" erkundigte er sich, nachdem er mich mit einem kräftigen Händedruck begrüßt und zu einem bequemen Ledersessel geleitet hatte.

"Mir geht es von Tag zu Tag besser."

"Das höre ich gerne." Er nahm mir gegenüber Platz und beschäftigte sich eingehend mit meiner Krankenakte. "Na, das sieht ja prächtig aus!", fasste er schließlich seinen Eindruck zusammen. Mit einer entschuldigenden Geste kam er noch einmal auf das "schwere Missgeschick" zu sprechen, das ihm offensichtlich zu schaffen machte.

"Sie waren sehr kooperativ und verständnisvoll, dafür möchte ich Ihnen herzlich danken. Und tapfer waren Sie auch. Beispielhaft!" Er schenkte mir einen Blick warmherziger Bewunderung.

Ich nickte ihm freundlich zu, antwortete aber nicht darauf. Sanft berührte er meinen Arm.

"Wissen Sie, auch in den besten Spezialkliniken läuft nicht immer alles nach Plan. Selbst wenn Ärzte und Assistenzpersonal jede erdenkliche Mühe walten lassen und alle Regeln der ärztlichen Kunst beachten. Die Ablationsbehandlung ist ja weltweit noch neu. Sie ist dem Bereich der experimentellen Herzchirurgie erst vor wenigen Jahren entwachsen. Da sind die Risiken natürlich größer als bei althergebrachten Verfahren. Man hat Sie doch auf die Risiken gut vorbereitet, oder?"

Mich hielt es nicht länger im Sessel, ich musste mir Luft und Bewegung schaffen, brauchte Distanz zum Schmeicheln des Chefarztes, den die Sorge um den Ruf seiner Klinik zu beherrschen schien.

"Man hat mich auf einige Risiken vorbereitet", entgegnete ich bestimmt, "aber nicht auf dieses. Und schon gar nicht hat man mir gesagt, dass es genau diesen Vorfall vor vier Jahren schon einmal in Ihrem Hause gegeben hat."

"Sie wissen davon?", fragte der Chefarzt erstaunt und blätterte ziellos in meiner Krankenakte.

"Ja, ich habe es gestern erfahren." Nach einer Pause lenkte ich ein. "Unter dem Strich mache ich Ihrer Klinik keine Vorwürfe. Wer so knapp am Tode vorbeigesegelt ist wie ich, kann wirklich nur dankbar sein, wenn er alles ohne bleibende Schäden überstanden hat. Da hat Ihr Team großartig gearbeitet, zumindest nach dem Vorfall."

"Es freut uns alle sehr, dass Sie das so sehen," atmete er auf. "Zwei Ärzte hatten Ihretwegen ein paar schlaflose Nächte." Er erhob sich, gab mir noch einmal die Hand und wünschte mir alles Gute für die kommende Zeit und natürlich rasche und dauerhafte Genesung. Er begleitete mich bis zur Türe.

Wie es mir heute geht? Den Umständen entsprechend gut, wie es so schön heißt. Ich bin noch nicht ganz wieder der Alte, habe auch noch gelegentlich Schmerzen in der linken Brust, kann aber schon wieder zwei bis drei Kilometer ohne Luftnot und Herzschmerzen wandern. Das Wichtigste: mein Herz schlägt normal. Bald werde ich alle Medikamente absetzen können.

Ein Thema wird mich wohl noch lange beschäftigen. Meine Stationsschwester wollte wissen, ob ich im Augenblick meines Herzstillstandes "jenseitige Wahrnehmungen" hatte. Nein, die hatte ich nicht, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Die neun Stunden unter Narkose sind wie ausgelöscht in meiner Erinnerung. Vor der Operation und noch mehrfach danach habe ich Trost in dem Psalmvers gefunden: "Der Herr hat seinen Engeln befohlen, mich zu behüten auf allen meinen Wegen, dass sie mich auf den Händen tragen, damit ich meinen Fuß nicht an einem Stein stoße." Ob das Beten mir geholfen hat? Ich zweifele nicht daran, keinen Augenblick.

Wird sich mein Leben nun ändern? Werde ich bewusster, ernsthafter, tiefer mit dem wertvollen Gut umgehen? Bleibe ich demütig angesichts des Wunders, dem ich meine Rettung verdanke? Behalte ich ein ehrfürchtiges Gefühl für die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens? Ich hoffe, dass dies nun meine wahre Herzenssache wird.

 

Nachtrag:

Diese wahre Geschichte habe ich vor neun Jahren aufgeschrieben, noch ganz unter dem Eindruck des dramatischen Geschehens, das mein Leben verändert hat. Heute geht es mir so gut, dass ich mich ohne Zögern "herzgesund" nenne und fühle. Mein Herz ist leistungsfähiger als vor zehn Jahren, es schlägt kräftig, ruhig und in stabilem Rhythmus. Spezifische Medikamente benötige ich schon lange nicht mehr. Die Katheterablation zur Therapie des Vorhofflimmerns hat seit Jahren das Stadium der experimentellen Kardiochirurgie verlassen und gehört in guten Fachkliniken zur segensreichen Standardbehandlung einer Reihe von Herzrhythmusstörungen. Entsprechend wurde durch fortschreitende Praxis und Erfahrung auch das Risiko des Eingriffs gesenkt. Ich werde oft gefragt, wie ich die Risiken dieser Behandlungsart nach meinem eigenen Erleben und Überleben beurteile. Ich kann darauf keine allgemein verbindliche Antwort geben, denn das wird jeder Kardiologe, der den Patienten kennt, besser beurteilen können als ich. In einem Punkt halte ich mich mit meiner Meinung aber nicht zurück: Ich bereue meinen damaligen Entschluss nicht eine Minute. Und ich bin dankbar und demütig geblieben angesichts des Wunders, dem ich meine Rettung verdanke.