Chronische Schmerzen und Schmerztherapie

Ein Leben mit andauerndem Schmerz – für viele Menschen in Deutschland die tägliche Realität. Zwischen zwei und 17 Millionen sind davon betroffen. Dies sind Schätzungen des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin, also der Experten, die täglich mit Schmerzpatienten zu tun haben.

Sie wissen: Akuter Schmerz und chronischer Schmerz sind zwei völlig unterschiedliche Phänomene, die deshalb auch unterschiedlich therapiert werden.

Der akute Schmerz gehört zum Warnsystem des Menschen. Er warnt zum Beispiel „Vorsicht, heißer Herd“, wenn eine Verletzung beziehungsweise Gewebeschädigung zu erwarten ist. Als Warnsignal ist der akute Schmerz sinnvoll. Er gibt außerdem Anlass, einen Arzt zu konsultieren. Er kann meist schneller behandelt werden. Anders der chronische Schmerz. Als chronisch wird der Schmerz bezeichnet, wenn er mehr als sechs Monate anhält, so die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS). Die lange Schmerzdauer kann auf zwei Hauptursachen zurückgehen: Zum einen auf eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen, wie Rheuma, Osteoporose, Gelenkverschleiß, Diabetes, Muskel- oder Krebserkrankungen. Zum anderen gibt es auch den Schmerz, der sich von seiner Ursache losgelöst hat und zu einer selbstständigen Erkrankung geworden ist. Er hält auch dann noch an, wenn die Ursache längst beseitigt ist. Chronische Schmerzen führen zur Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses, das heißt zu tiefen Erinnerungsspuren im Gehirn. Das funktioniert ähnlich wie das Lesen: Je öfter man etwas liest, desto besser kann man es behalten. Im Gehirn hat dann eine Umstrukturierung stattgefunden, durch die der Schmerz verankert ist.

Menschen, die immer wieder Schmerzen ausgesetzt sind, verändern mit der Zeit ihre Persönlichkeit. Sie sind angespannt, weil sie wissen, dass der Schmerz sie jederzeit überwältigen kann. Damit führt chronischer Schmerz oft zu Angst, er zermürbt und macht depressiv. Arbeit, Freunde und Familie – alles tritt zurück hinter dem Gefühl, dem Schmerz ausgeliefert zu sein.

Viele Patienten leiden so stark, dass ihr eigentliches gesundheitliches Problem nebensächlich wird. Sie haben Schlafstörungen, sind in der gesellschaftlichen Teilhabe eingeschränkt, isolieren sich und müssen deutliche Einschränkungen in der Lebensqualität hinnehmen. Je länger die richtige Therapie auf sich warten lässt, desto tiefere Spuren hinterlässt der Schmerz im Gehirn. Es kommt dazu, dass die Betroffenen fortan auch auf leichte Reize überempfindlich reagieren.

Mit einer Schmerztablette ist es bei der Therapie des chronischen Schmerzes nicht getan. Diese muss vielmehr verschiedene Aspekte berücksichtigen: die körperliche Ebene, die Psyche und das soziale Umfeld. Experten sprechen von einer multimodalen Behandlung.

Auf körperlicher Ebene geht es zunächst darum, das richtige Schmerzmittel zu finden. Laut Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird der Einsatz von Schmerzmitteln in drei Stufen unterteilt, nach denen die Ärztin oder der Arzt die Schmerztherapie aufbauen kann. Auf den verschiedenen Stufen kommen unterschiedlich stark wirksame Schmerzmittel zum Einsatz bis hin zu Opioiden, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Durch die Verschreibung übernimmt die Ärztin oder der Arzt sowohl die Verantwortung als auch die Kontrollfunktion, etwa für eventuelles Suchtpotenzial der Mittel. Alle Schmerzmittel können auch mit niedrig dosierten Antidepressiva verbunden werden. Diese greifen in den Serotoninhaushalt des Gehirns ein, regulieren die Schmerzschwelle und machen schmerzunempfindlicher.

Auf psychischer Ebene hilft eine Psychotherapie oder gegebenenfalls auch Paartherapie. Unter anderem geht es um das Einüben neuer Denkmuster. Denn auch wenn der Schmerz oft unerträglich ist, so geht manchmal ein unbewusster sogenannter „sekundärer Krankheitsgewinn“ mit ihm einher. Wer zum Beispiel auf der Arbeitsstelle oder in der Beziehung unglücklich ist, kann den Schmerz unbewusst als Grund nutzen, um sich zurückzuziehen. Damit wird der Schmerz aufrechterhalten. Besser ist es, seine Bedürfnisse und Wünsche direkt und offen auszusprechen, um dem Schmerz entgegen zu arbeiten, anstatt auf indirekte Art „nein“ zu sagen und den Schmerz gewissermaßen zu bestärken. Wer es lernt, sich auf diese Art durchzusetzen, dessen innere Kraftreserven werden gestärkt. Er gewinnt damit zunehmend das Vertrauen, auch mit seiner Schmerzerkrankung umgehen zu können. Des Weiteren wird in einer Psychotherapie auch die Bewertung von Schmerz verändert. Dies basiert auf der Grundannahme, dass die Einstellung zum Schmerz oder die Erwartungshaltung Einfluss auf die Schmerzstärke haben. Mit einer Wahrnehmungslenkung auf andere Aspekte lernen die Patienten, auf ihr Schmerzempfinden Einfluss zu nehmen. Achtsamkeitsbasierte Übungen und Entspannungsverfahren sind in der multimodalen Schmerztherapie daher sehr hilfreich.

Als dritter Pfeiler der modernen Schmerztherapie gilt das Einbeziehen des sozialen Umfelds. Faktoren wie zum Beispiel Stress am Arbeitsplatz oder im Wohnumfeld können schmerzverstärkend wirken. Bei einer gemeinsamen Analyse mit Therapeut oder Therapeutin kann sich daher auch herausstellen, dass ein Wohn- oder Arbeitsplatzwechsel sinnvoll sein könnte.

Chronischer Schmerz wird somit als bio-psycho-soziales Phänomen angesehen, das multimodal behandelt wird. Wer betroffen ist, kann gezielt nach Kliniken oder Therapiezentren suchen, welche mit dem multimodalen Ansatz behandeln. Diese Art der Therapie ist zwar aufwändig und verlangt aktive Mitarbeit, sie ist jedoch oft die einzige Möglichkeit, um den Schmerz unter Kontrolle zu bringen.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de
Redaktion: Marielle Beckermbecker(at)lzg-rlp.de

Weiterführende Links:

DRK Schmerzzentrum Mainz

Schmerztherapiezentraum Bad Mergentheim

DRK Krankenhaus Altenkirchen-Hachenburg

Chronischer Schmerz (PDF) 

 

01. bis 15. November 2014