Essen als Kultur

Kochsendungen im TV haben Hochkonjunktur. Doch in der eigenen Küche muss es oft schnell gehen. Viel zu selten entscheiden wir uns, die Zeit damit zu verbringen, am Herd zu stehen, ein außerordentlich gutes Essen zu kochen oder sogar ein Candle-Light-Dinner zu zelebrieren. Aber warum eigentlich? Essen dient schließlich nicht nur der Sättigung. Essen ist auch Geschmack, Genuss und eine schöne Möglichkeit, seine Zeit mit anderen Menschen zu teilen.

Diese Art zu essen kann man auch als „speisen“ bezeichnen. Über die gesunde Küche ist schon viel gesagt worden, heute möchten wir Ihnen Aspekte vorstellen, warum Essen das Leben lebenswert macht.

Essen im Sinne von "speisen" gehört zu den so genannten ich-nahen Tätigkeiten – ein Begriff aus der Hirnforschung, der besagt, dass diese Tätigkeiten unmittelbar Sie selbst betreffen, Ihre Empfindungen, Ihre Gefühle und Ihre Erinnerungen ansprechen. Das Gegenteil davon sind ich-ferne Tätigkeiten, bei denen Sie sich zum Beispiel darauf konzentrieren, was alles erledigt werden muss. Wer den ganzen Tag viel erledigt, ist zwar am Abend geschafft, aber es bleibt dem Gehirn nichts, was es als besonders wertvolles Ereignis einspeichern kann. Ich-nahe Tätigkeiten hingegen werden in Form von bildhaften Erinnerungen eingespeichert, denn sie haben mit Gefühlen und dem unmittelbaren Leben zu tun. Alles was Sie an Erinnerungsbildern mit sich herumtragen, kommt aus dem Bereich der ich-nahen Tätigkeiten. Das ist der Hauptgrund, warum Sie Ihren Tag nicht nur mit Erledigungen verbringen sollten, sondern ihn so inszenieren sollten, dass auch Zeit für Schönes bleibt.

Das gemeinsame Essen ist eine der einfachsten Möglichkeiten, ich-nah zu leben. Denn essen müssen Sie sowieso, und mit einem Minimum an Mehraufwand wird daraus eine schöne genussvolle Tätigkeit, die mit dem Kochen beginnt.

Das echte Kochen erfordert volle Konzentration auf die Zubereitung der Zutaten und auf die eigenen Geschmacksknospen. Sie halten das Gemüse in der Hand, waschen und schälen es, kosten die Soßen, wägen ab, welche Gewürze fehlen und so weiter. Das ist Gehirnjogging pur, denn Sie lernen, Geschmacksnuancen wahrzunehmen und sich daran zu erinnern – ein Vorgang, der sich ausschließlich im Gehirn abspielt.

Das anschließende Essen kann auch zu einer Genussschule werden, für die Köchin oder den Koch genauso wie für die Gäste oder Kinder am Familientisch. Genuss geht aber nicht so nebenbei, Genussvielfalt muss erlernt werden. Indem man immer wieder Neues ausprobiert, erweitert man seinen Erfahrungsschatz und lernt Vorlieben und Abneigungen kennen. Jeder Mensch kann sich so zu einem Gourmet entwickeln, am Besten in ruhiger friedvoller Atmosphäre. Wenn Sie dem Essen alle beteiligten Sinne widmen, wird es zu einem bewussten Geschmackserlebnis. Nebenbei – parallel zum Fernsehen oder Lesen beispielsweise – kann der geschmackliche Erfahrungsschatz nicht erworben werden.

Essen in geselliger Stimmung und mit Spaß und Genuss wird auch zu einer erfolgversprechenden Prävention für Essstörungen. Wer bewusst genießt, lernt auf die Signale des Körpers zu achten und tendiert weniger dazu, das Essen und seinen Körper zu instrumentalisieren, wie es etwa bei einer Ess-Brech-Störung der Fall ist. Besonders wichtig, wenn Sie Heranwachsende in Ihrer Familie haben, ist zu zeigen, dass auch am Familientisch jedes alltägliche Essen genussvoll sein kann.

Zu einem ganz besonderen Ereignis hingegen kann ein festliches Essen werden! Früher war es üblicher, mehrere Menschen zum Essen zu sich einzuladen. Das ist zeitaufwändig, aber bleibt in schöner Erinnerung. Hierbei geht es nicht in erster Linie um das Essen, sondern um die richtige Atmosphäre. Optimal ist, wenn Sie sechs bis acht Gäste einladen. In dieser Größenordnung kann sich noch ein gemeinsames Gruppengespräch entwickeln. Feiern Sie die Begegnung und die Gemeinsamkeit, tauschen Sie sich aus, hören Sie sich zu und inszenieren Sie Ihre Rolle als Gastgeber.

Sie sehen, die Nahrungsaufnahme ist zwar ein elementarer Bestandteil unseres Lebens und unserer Gesundheit. Aber das gemeinsame Speisen ist ein ich-nahes Erlebnis, das unser Leben lebenswert macht.

 

16. bis 30. April 2012

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker