Denkvermögen im Alter

Mit den Jahren werden die Gelenke steif, das Haar wird grau und die Haut wird faltig – nur unser Gehirn, das altert nicht. Ganz im Gegenteil. Mit zunehmendem Alter arbeitet es immer besser: Man muss es nur richtig trainieren und nutzen. Das sind neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Der Hirnforscher Professor Ernst Pöppel hat sie in seinem Buch „Je älter desto besser“ beschrieben.

 Zunächst einmal: Es gibt keinen Zeitpunkt im Leben eines gesunden Menschen, zu dem die Nervenzellen im Gehirn massenhaft absterben. Forschungen haben gezeigt, dass sich Gehirnzellen in bestimmten Regionen des Gehirns, den sogenannten Hippocampi, immer wieder neu bilden. Das geschieht ein Leben lang. Und auch die Fähigkeit, sich untereinander zu vernetzen, verlieren Gehirnzellen nicht. Beide Vorgänge sind Voraussetzungen dafür, dass man etwas Neues lernen kann.

Auch wenn sich diese Erkenntnis auf gesunde Menschen bezieht, die nicht an krankheitsbedingten Hirnleistungsstörungen wie etwa der Alzheimer-Krankheit  leiden, ist sie eine wichtige Information für  uns alle. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ – diese alte Weisheit können wir getrost ins Reich der Mythen verweisen. Denn das Gehirn ist wie ein Muskel: Wird er regelmäßig gebraucht und trainiert, bleibt er stark und einsatzfähig. Lebenslanges Lernen ist also keine Utopie. Wer geistig aktiv bleibt und dem Gehirn im Alter neue Aufgaben stellt, dem setzt es keine Grenzen.

Versuchen Sie deshalb, jeden Tag mindestens eine Stunde aktiv zu lernen. Aber auch nicht zu lange, denn unser Gehirn hat einen Zeitrhythmus: den Ruhe-Aktivitätsrhythmus. Der dauert bei Erwachsenen 90 Minuten, bei Kindern 60.  Danach sollte man eine Pause machen – Erwachsene mindestens 5 Minuten, Kinder mindestens 15 Minuten.

Unser Gehirn denkt zudem im Drei-Sekunden-Takt. Diese Spanne ist die Gegenwart, auf die sich das Gehirn konzentriert. Auch Gedichte und Liedtexte sind in diesem Rhythmus aufgebaut. Lernen Sie also täglich Gedichte oder Lieder auswendig, indem Sie sie laut aufsagen oder singen. Sie werden schnell merken, dass Sie dabei immer schneller werden. Außerdem stabilisieren Sie damit neuronale Zeitprozesse – sie sind die Grundlage aller Denk- und Entscheidungsprozesse.

Wenn Sie mit dem Training beginnen – indem Sie zum Beispiel eine neue Sprache lernen oder sich die Fakten eines Sachbuches einprägen – dann setzen Sie sich jeden Tag ein konkretes Ziel. Vielleicht wollen Sie sich bis zum Abend 10 Vokabeln merken oder Sie wollen drei Seiten des Buches verstehen. Sobald Sie Ihr Ziel erreichen, wird Ihr Belohnungssystem aktiviert: Das Hormon Dopamin wird ausgeschüttet. Das fühlt sich so gut an, dass Sie am nächsten Tag wieder motiviert sind, um auf Ihr nächstes Ziel hinzuarbeiten.

Sie sollten Ihren Lernaufgaben aber – über Ihre täglichen Zielvorgaben hinaus – einen Sinn geben: Lernen Sie Griechisch, wenn Sie gerne nach Griechenland in Urlaub fahren. Oder prägen Sie sich den Weg zu einem Termin ein, anstatt auf die Karte zu schauen oder das Navigationsgerät einzuschalten.

Vielleicht sagen Sie sich, dass das Lernen aber doch langsamer geht als früher. Das stimmt zwar, in der Jugend prägt man sich einen Lernstoff leichter ein als im Alter. Andererseits hat eine Studie gezeigt, dass im Alter Konzentrationsvermögen und Beharrlichkeit wachsen. Und das hat Vorteile: Man lernt gründlicher. Flüchtigkeitsfehler, ein Zeichen der Jugend, unterlaufen Ihnen nicht mehr so schnell. Und im Wettbewerb, wer eine Sprache zuerst fließend kann, sind Sie mit 60 Jahren genauso schnell wie Ihr 16jähriger Enkel.

Mit dem Älterwerden lernt man auch, komplexer zu denken. Es wird leichter, schwierigere Sachverhalte zu verstehen. Denn unser Gehirn hat ein kurzes Zeitfenster von wenigen Millisekunden eingerichtet, in dem alles, was in dieser Zeitspanne eintrifft, gleichzeitig behandelt wird. Diese Informationen liegen erst einmal wie auf einem Schreibtisch da – übersichtlich und greifbar. Erst dann werden sie in Schubladen verstaut. Bei älteren Menschen ist diese Zeitspanne etwa doppelt so lange, wie bei jüngeren. Und auch das ist ein Vorteil: Denn Sie können im Vergleich zu Jüngeren mehr Informationen gleichzeitig bearbeiten.

Möglicherweise plagt Sie trotzdem das Gefühl, vergesslicher geworden zu sein. Auch hierfür haben wir einen Tipp: Führen Sie ein inneres Tagebuch. Überlegen Sie sich jeden Abend, was Sie an diesem Tag erlebt haben, holen Sie sich die Bilder vor Ihr geistiges Auge. Indem Sie sich die Tagessituationen noch einmal anschauen, bleiben sie länger in Ihrem Gedächtnis verhaftet. Gleichzeitig stärken Sie damit Ihr Langzeitgedächtnis. Doch es ist nicht nur wichtig, sich Dinge zu merken und zu behalten, auch das Vergessen ist wichtig. Damit ist gemeint: Ärgern Sie sich nicht endlos über etwas, was Ihnen widerfahren ist, vergessen Sie es irgendwann. Damit wird Ihr Gehirn wieder frei für neue positive Erlebnisse.

 

16. bis 30. September 2013 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker