Telemedizin – welche Chancen bietet sie?

Wenn jemand erkrankt oder einen Gesundheitscheck benötigt, gab es lange Zeit keine andere Möglichkeit als diese: Die betroffene Person musste sich auf den Weg in die Arztpraxis oder ins Krankenhaus machen. Bei medizinischer Notwendigkeit  besuchte der Arzt oder die Ärztin den Patienten zuhause. Diese sinnvolle Praxis hat sich bewährt, doch sie beginnt sich zu wandeln.

Denn mit dem Aufkommen moderner Informations- und Kommunikationstechnologien können räumliche Entfernungen spielend leicht überwunden werden. Wir alle kennen das: E-Mails und Kurznachrichten sind quasi sofort beim Adressaten und brauchen keinen langen Postweg mehr. Mit neuen Diensten wie Skype oder FaceTime können wir telefonieren und uns dabei gegenseitig sehen. Neue Apps fürs Handy erfassen mit hoher Präzision den Blutdruck und die Herztöne. Und letzteres ist bereits Telemedizin.

Mit Telemedizin ist der Einsatz von Mitteln der Telekommunikation zu medizinischen Zwecken gemeint. Die Diagnose steht dabei – noch – im Vordergrund. So kann der behandelnde Arzt zum Beispiel Texte, Tabellen, Befunde oder Bilder seiner Patienten empfangen, ohne dass diese selbst in der Praxis oder im Krankenhaus anwesend sein müssen.

In der Schlaganfall-Behandlung ist die Telemedizin bereits etabliert. Wer einen Schlaganfall hat, sollte in einem Krankenhaus mit einer Schlaganfall-Spezialabteilung behandelt werden. Eine solche so genannte „Stroke Unit“ sollte er allerdings möglichst schnell erreichen. Über 200 Kliniken verfügen in Deutschland über eine Stroke Unit. Doch in ländlichen Regionen ist der Weg dahin häufig weit. Eine telemedizinische Anbindung regionaler Krankenhäuser an überregionale Stroke Units ist hier eine zeitsparende Lösung. Der Patient kommt in diesem Fall in ein normales Krankenhaus, das die Daten per Telemedizin an die Ärzte einer Stroke Unit übermittelt. Diese beteiligen sich aus der Ferne an der Diagnosefindung und Therapie. 180 zertifizierte Tele-Stroke-Units gibt es bereits in Deutschland. Ein Segen für alle Menschen, die auf dem Land wohnen und im Notfall schnell Hilfe brauchen.

An dieser Art von Entwicklung wird in Zukunft kein Weg vorbeiführen, auch in anderen Gesundheitsbereichen. Denn schon heute muss man in ländlichen Gebieten teilweise zehn oder 20 Kilometer fahren, um den einzigen Doktor in der Gegend aufzusuchen, der dann entsprechend ausgelastet ist. Landarztpraxen fällt es oft schwer, Nachfolger zu finden. Vielen Jungmedizinern gefällt aus verschiedenen Gründen das Arbeiten in einer Landpraxis nicht mehr, vor allem nicht zu Lasten der eigenen Familie. Neue Konzepte müssen also her. Die Telemedizin ist eines davon. Sie soll jedoch die Behandlung durch den Haus- oder Facharzt nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Ein bedeutendes Anwendungsgebiet liegt auch im Bereich der Kardiologie. Dies zeigten Herzchirurgen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein im Januar 2014. Sie pflanzten einem Patienten nach einer Herzoperation ein neuartiges Mini-Langzeit-EKG unter die Haut. Drei Jahre lang überwacht nun das Gerät kontinuierlich die Herzschläge des Patienten. Das EKG wird  durch drahtlose Übertragung automatisch dem behandelnden Arzt zugesandt. Bei Auffälligkeiten wird er, und auf Wunsch auch der Patient, alarmiert. Vergleichbare Einsätze gibt es auch an anderen Stellen. Ist das nicht beruhigend? Ein Patient ist nach einer kritischen Operation permanent und doch diskret unter Beobachtung seines Arztes –  und das alles scheinbar ohne größeren Aufwand.

Die Telemedizin rechnet sich auch finanziell und ist daher interessant für die Krankenkassen. So werden beispielsweise in einem Projekt Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz seit April 2012 mit einer Waage, einem Blutdruckmessgerät und gegebenenfalls einem tragbaren EKG-Gerät ausgestattet. Die gemessenen Werte werden automatisch an ein Telemedizinisches Zentrum übermittelt, welches nonstop mit Ärzten besetzt ist. Für die Patienten ist das ein großer Vorteil: Wenn sie beispielsweise mitten in der Nacht Herzbeschwerden bekommen, können sie aufstehen und selbstständig eine Herzmessung durchführen lassen. Deuten die EKG-Werte auf einen Notfall hin, informiert das Telemedizinische Zentrum den Notarzt. Das Prozedere ist also billiger und schneller, als wenn bei jedem Verdacht sofort der Krankenwagen kommen muss. Somit kann Telemedizin das selbstständige Leben fördern, auch wenn gesundheitlich nicht mehr alles topp in Ordnung ist. Dieser Vorteil steht auch bei telemedizinischen Projekten zum Wohnen im Alter im Vordergrund. Das Prinzip beruht ebenfalls darauf, dass Vitalwerte wie Blutdruck, Puls, Gewicht regelmäßig aus der Ferne gecheckt werden. Der Arzt meldet sich über das Internet zu Wort, solange es um Routinefragen und allgemeine Beratung geht. Ist Gefahr im Verzug, besteht die Möglichkeit des direkten Kontakts. Solche Projekte werden vielerorts erforscht. Sie kommen dem Wunsch älterer Menschen zugute, möglichst lange eigenverantwortlich in den eigenen vier Wänden zu leben und trotzdem im Notfall schnell Hilfe zu bekommen.

Telemedizin hat also viele Vorteile. Nun sind noch die Ingenieure gefragt, die Geräte leicht verständlich und gut handhabbar zu gestalten, damit sie von den Patientinnen und Patienten auch angenommen werden.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

 

18. bis 31. März 2014 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker