Essstörungen

Einmal ehrlich: Wie oft denken Sie ans Essen? Fünf, sechs Mal am Tag? Kreisen Ihre Gedanken womöglich immerzu ums Essen? Und um die Waage? Kennen Sie die Kalorienzahlen auswendig? Wenn Sie diese Fragen mit ja beantworten, dann könnten Sie sich bereits auf dem direkten Weg in eine Essstörung befinden. Und um es ganz deutlich gleich vorneweg zu sagen: Essstörungen haben nichts mit mangelnder Disziplin zu tun.

Wahrscheinlich kennen Sie Sprüche wie: ‚Reißen Sie sich doch einfach zusammen und essen Sie weniger.’, ‚.... Oder essen Sie mehr’, je nachdem. Das ist verletzend und beschämend. Denn oft stehen seelische Probleme hinter einem Unter- oder Übergewicht. Auch organische Ursachen sind möglich.

Was bezeichnet man denn eigentlich als Essstörung?

Da gibt es einmal die extreme Magersucht, die durch sehr wenig Essen oder durch Fasten zustande kommt. Dies ist die Anorexia nervosa. Dann gibt es die Magersucht, bei der das Untergewicht durch Erbrechen oder / und Abführmittel erhalten wird. Dies ist die bulimische Magersucht. Weiterhin gibt es die Ess-Brechsucht bei Normalgewicht, auch Bulimia nervosa genannt. Hier werden wie im Rausch in kürzester Zeit meist hochkalorische Lebensmittel verschlungen. Anschließend werden Maßnahmen ergriffen, um die Kalorien wieder loszuwerden. Dies kann periodisches Fasten sein, genauso wie selbst herbeigeführtes Erbrechen oder ebenfalls der Missbrauch von Abführmitteln und Entwässerungsmitteln. So kann die betroffene Person im monatlichen Schnitt ein halbwegs normales Gewicht halten, aber mit welcher Anstrengung!

Sind die oft verzweifelten Anstrengungen, um das Gewicht zu zügeln, ungenügend, kommt es zur Fettsucht, auch Adipositas genannt. 7 von 10 krankhaft übergewichtigen Menschen versuchen nämlich ebenfalls, durch Erbrechen ihr Gewicht zu minimieren. Bei 3 von 10 krankhaft dicken Menschen folgt den „Fressanfällen“ kein Erbrechen. Ihre Essstörung wird als Binge-Eating-Störung bezeichnet, was ungefähr bedeutet: das „Essen verschlingen“.
Sie sehen, Essstörungen sind gar nicht so leicht in Kategorien einzuteilen. Denn einige Anzeichen, wie künstlich herbeigeführtes Erbrechen, ziehen sich durch verschiedene Gewichtsklassen hindurch.

Ursachen und Verlauf einer Essstörung

Als eigentliche erste Ursache wird heute vielfach ein übertriebenes Schlankheitsideal diskutiert. Aber auch familiäre Probleme, sowie Depressionen und Frust lösen häufig ein gestörtes Essverhalten aus. Oft machen Essgestörte dann bestimmte Karrieren durch. Sie fangen mit übertriebenem Fasten an, sind sogar stolz auf ihre Disziplin bei der Essensverweigerung.

Aber es kann passieren, dass der Körper irgendwann mit übermächtiger Gewalt anfängt, sein Recht auf Essen, auf Kalorien und Nährstoffe, einzufordern. Es kommt zur ersten Essattacke, die mit anschließendem Fasten oder Erbrechen wieder ausgeglichen wird. Bald aber meldet sich der Körper wieder zu Wort, usw. Und so beginnt ein krankmachender verhängnisvoller Kreislauf. Das Problem dabei: Es ist sehr schwer, wieder zu einem gesunden Appetit und Genuss zurückzufinden, wenn man in eine richtige Essstörung hineingerutscht ist. Hier wieder herauszukommen, ist genauso schwierig, wie eine Alkoholsucht oder eine Nikotinsucht zu bewältigen. Und egal, woher die Essstörungen kommen, sie hinterlassen auf jeden Fall tiefe seelische Narben und fügen außerdem dem Körper gesundheitliche Schäden zu. Deshalb ist es gut, dass Sie sich informieren. Denn das ist der erste Schritt, einer Essstörung entgegenzusteuern.

Weitere Schritte, um der Essstörung zu entkommen

Der zweite Schritt besteht darin, sich einmal körperlich untersuchen zu lassen. Denn es gibt auch genügend organische Ursachen für ein Über- oder Untergewicht oder für ein gesteigertes Essverlangen. Meist sind es Fehlfunktionen der Schilddrüse oder andere hormonelle Störungen. Auch die Zuckerkrankheit birgt die Gefahr einer Essstörung. Ein Viertel aller jugendlichen Diabetikerinnen beispielsweise hat zusätzlich eine Bulimie, vor allem hervorgerufen durch die Notwendigkeit, die BE-Aufnahme ständig zu kontrollieren.

Wenn Sie schon einmal beim Arzt sind, wird er auch feststellen, ob das Über- oder Untergewicht schon gesundheitliche Folgen zeigt. Diese können sein: Zuckerkrankheit, überhöhte Cholesterinwerte, Bluthochdruck. Bei Übergewicht kommt es auch schneller zum Gelenkverschleiß. Und bei starkem Untergewicht sind oft Osteoporose und Zyklusstörungen die Folgen. Hinzu kommen bei häufigem Erbrechen ein Kaliummangel im Blut und ein angegriffener Zahnschmelz.

Hat der Hausarzt keine organische Ursache für die Essstörung festgestellt, besteht der dritte Schritt darin, eine fachärztliche Hilfe zu suchen. Viele Zentren an Unikliniken haben in ihrer psychosomatischen Abteilung eine Spezialambulanz für Essstörungen. Hier können psychische Ursachen überprüft werden. Ihr Hausarzt kann Sie dorthin überweisen. In der Ambulanz wird auch untersucht, ob eine Weiterbehandlung beim Hausarzt ausreicht oder ob eine ambulante Psychotherapie oder ein stationärer Aufenthalt oder eine Kombination notwendig erscheint.

Ein weiterer Schritt ist die Langzeitbetreuung. Denn um zu einem normalen genussvollen Essen zurückzufinden, brauchen Sie Geduld, Ausdauer und Zeit. Die Behandlung eines Magersüchtigen dauert etwa sieben Jahre, die eines Dickleibigen mit 120 kg mindestens zwei Jahre, wenn man davon ausgeht, dass das Körpergewicht pro Monat um nicht mehr als 2 kg reduziert wird. Ein solches Programm kann kaum ein Patient ohne Betreuung durchstehen. Hier bietet sich der Hausarzt als Begleiter und Lotse an.

Wir wünschen Ihnen auf diesem Weg viel Kraft. 

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1. bis 15. Juni 2005