Crystal Meth – das Suchtmittel unserer Gesellschaft?

Wer Drogen nimmt, versucht oft, der Welt zu entfliehen. Wer hingegen Crystal Meth nimmt, möchte meist genau das Gegenteil erreichen, nämlich in der Welt bestehen, perfekt in die moderne Leistungsgesellschaft passen und hier Höchstleistungen erbringen. Denn diese Droge lässt Hunger, Durst und Müdigkeit vergessen und Leistungsschwächen schnell überwinden.

Sie sorgt über mehrere Stunden für eine unglaubliche Wachheit, vermittelt das Gefühl des schnellen Lernens, des perfekten Funktionierens – egal ob körperlich oder geistig. Aber: Crystal Meth ist ein Amphetamin mit einem sehr hohen Risiko zur Suchtentwicklung und damit einhergehenden Krankheitsbildern. Die zunächst positiv erscheinenden Wirkungen  müssen als sehr besorgniserregend angesehen werden, weil Crystal Meth insbesondere von Menschen, die sich hohen Anforderungen ausgesetzt sehen, als ein scheinbarer Ausweg angesehen werden kann: von Schülern und Studierenden mit Prüfungsangst, alleinerziehenden Müttern und Vätern, die unter ihrer Doppelbelastung fast zusammenbrechen, Selbstständigen unter Auftragsdruck oder Führungskräften mit viel Verantwortung. Generell tragen Menschen mit einer Angst- und Panikstörung ein erhöhtes Risiko, wobei auch schlichte Überarbeitung und Überlastung Menschen dazu verführt, das Suchtmittel einzunehmen. Immer mehr Menschen geht es so. Die Substanz ist seit mehr als 100 Jahren bekannt, sie wurde in Japan als Appetitzügler und Krebsmittel entwickelt und im zweiten Weltkrieg von Soldaten der Deutschen Wehrmacht gegen Angst und Müdigkeit eingenommen. Seit etwa drei Jahren berichten Suchtexperten und Polizisten in einzelnen Regionen Deutschlands von einem deutlich zunehmenden Konsum.

Crystal Meth ist ein Methamphetamin, das stimulierend wirkt. Durch den Konsum werden die Nervenendigungen im Gehirn gekappt, die eine Verbindung zum dortigen Dopaminzentrum herstellen. Auf diese Weise ist das Gehirn nicht mehr in der Lage, mit normalen Tätigkeiten Belohnungs- und Glücksgefühle zu erzeugen. Diese Aufgabe übernimmt nun Crystal Meth. Es feuert die Dopaminausschüttung an, und zwar auf eine um Potenzen höhere Weise als es auf natürlichem Wege möglich wäre. Messungen bei Tieren zeigen: Sex lässt den Dopaminpegel im Gehirn von 100 auf 200 Einheiten steigen. Crystal Meth auf über 1000. Menschen werden psychisch abhängig von diesem Gefühl, das auf normalem Wege nicht zu erreichen ist. Es ist verbunden mit einem gesteigerten Gefühl von Wachheit und Aufmerksamkeit, von Euphorie, Energie und Stärke, ebenso von Unverletzlichkeit, Kompetenz und Selbstvertrauen. Diese Effekte halten viele Stunden an. Danach fallen die Konsumenten in ein Stimmungs- und Energieloch. So liegt der erneute Konsum von Crystal nahe. Dies führt jedoch zu langfristigen psychischen Schäden. Gestörter Schlaf, unkonzentriertes unzusammenhängendes Denken, Stimmungswechsel oder Wahnvorstellungen können die Folge sein. Die gesteigerte Merkfähigkeit, die anfangs mit Crystal einhergeht, schlägt um in Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche. Vergesslichkeit und inneres Chaos führen dazu, dass Konsumenten ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen und in eine soziale Notlage geraten. Zudem schädigt der langfristige Gebrauch von Crystal Meth unter anderem Herz, Lunge, Muskeln und insgesamt den Stoffwechsel. Je nachdem, wie ausgeprägt der Konsum ist, kann es zu einer verfrühten Alterung des Körpers kommen. Akne, Übelkeit, Brechreiz, Gewichtsabnahme und Essanfälle, wenn die Drogenwirkung nachlässt, kommen hinzu. Nach Absetzen von Crystal Meth brauchen Körper und Geist einige Zeit, um sich zu regenerieren, manche Schäden bleiben allerdings. Es dauert etwa eineinhalb Jahre, bis sich die Nervenbahnen im Gehirn soweit regeneriert haben, dass ehemalige Konsumenten auch wieder im Alltag Glückszustände erleben können. Diese Durststrecke im emotionalen Tief müssen die Betroffenen durchhalten – was leicht gesagt und schwer getan ist.

Unterstützung für den Entzug von Crystal Meth bieten Suchtkliniken. Hier wird die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie angewendet, bei der beispielsweise an zwangsläufig aufkommenden Gedanken, wie zum Beispiel „Ich muss mehr leisten, ich schaffe es nicht“ gearbeitet wird. Den Patienten bereitet es zunächst Schwierigkeiten, wieder mit sich selbst klarzukommen und Anzeichen von Schwäche nicht direkt wegzudrängen. Auch lernen sie, mit den Auslösefaktoren umzugehen, die sie früher zum Konsum verleitet hätten. Eine der großen Herausforderungen ist es, die eigenen Gefühle wieder zu entdecken und neu zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Wir möchten heute an Sie appellieren: Widerstehen Sie der Versuchung, diese Substanz einzunehmen und klären Sie auch Ihre Kinder und Verwandten auf! Bei Leistungsdruck gibt es immer andere Möglichkeiten und Wege als den Griff zur Droge – die zugegebenermaßen oftmals ein Umdenken erfordern. Wenn Sie bereits gefährdet sind, dann vertrauen Sie sich Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin oder einer Suchtberatung an, um einen Entzug zu planen. Um Hilfe in Ihrer Nähe zu finden, rufen Sie die Sucht-Infoline der Landeszentrale für Gesundheitsförderung unter der Nummer 0800-5511600 an. Die Telefon-Hotline kann aus dem Festnetz rund um die Uhr kostenlos angewählt werden und nennt Ihnen unter anderem nach Eingabe Ihrer Postzeitzahl die nächstgelegene Suchtberatungsstelle.

Besonders wichtig ist auch der Blick auf Kinder aus suchtbelasteten Familien. Sie brauchen  Unterstützung, um nicht selbst zu erkranken. In Rheinland-Pfalz gibt es Präventionsangebote, die Kindern aus suchtbelasteten Familien dabei helfen, ein suchtfreies eigenes Leben zu gestalten, ohne die Verantwortung für die Suchtproblematik in ihrer Familie zu übernehmen. Nähere Informationen zu den Angeboten des Büros für Suchtprävention der LZG zu diesem Thema finden Sie auf dieser Homepage unter dem Menüpunkt „Projekte“, Referat Büro für Suchtprävention.

 

Weiterführende Links zum Thema Crystal Meth:

Hier können Sie Suchberatungsstellen, Fachkliniken und andere stationäre Hilfsangebote und soziotherapeutische Einrichtungen in Rheinland-Pfalz finden.

Infos zur Drogen-Entzugsstation Cleaneck im Pfalzklinikum in Klingenmünster.

Drogen- und Suchtberatung

 

16. bis 30. November 2014 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker