Medienkonsum von der Wiege an?

Kinder-TV wird immer beliebter. Mittlerweile gibt es sogar ein spezielles Baby-TV und Baby-DVDs. Sie sollen schon die Allerjüngsten vor den Bildschirm locken. Die Hersteller werben damit, dass Kinder auf diese Weise spielend an das Lernen herangeführt werden. Aber stimmt das überhaupt? Die Antwort lautet klar: Nein. Die Kleinen werden durch spezielle Babyprogramme im Fernsehen oder auf DVD nicht gefördert.

Sie werden sogar im Lernen behindert, wenn sie Zeit vor dem Bildschirm verbringen, anstatt reale Erfahrungen machen zu können. Darauf möchte der Internationale Kinder-Fernsehtag am 8. Dezember hinweisen.

Was richtig ist: Babys brauchen Stimulation. Nur dann kann das Gehirn etwas lernen und sich entwickeln. Neuere Forschungsergebnisse aus den USA zeigen aber, dass der Bildschirm diese positive Stimulation nicht leistet. Babys, die häufig und schon früh DVDs und Fernsehprogramme zu sehen bekamen, zeigten eine deutlich langsamere Entwicklung als Babys, die ohne diese Medien aufwuchsen.

Menschen kommen noch relativ unfertig auf die Welt. Innerhalb der ersten zehn Jahre verdreifacht sich das Gewicht ihres Gehirns. Dieser Zuwachs kommt unter anderem dadurch zustande, dass sich am Lebensanfang fast explosionsartig neue Verbindungen zwischen Nervenzellen bilden, wenn sie richtig stimuliert werden. Dazu aber braucht es einen Input über alle Sinne. Zum Beispiel so: Ein Baby bekommt einen flauschigen Ball in die Hand und beißt hinein. So lernt es, dass der Ball nachgibt. Es ertastet mit den Fingern die Oberfläche und spürt, wie weich er ist. Nun lässt es den Ball los und entdeckt, dass der Ball zu Boden fällt. Und dort bliebt er nicht liegen, wie die Rassel, sondern rollt weiter. Das Baby entdeckt also spielerisch physikalische Eigenschaften. Dann sieht es den Ball in verschiedenen Beleuchtungen und lernt, dass der Schatten nicht zum Ball gehört. Mit einem zweidimensionalen Bild auf dem Bildschirm sind diese Eigenschaften des Balles nicht zu entdecken. Dort ist der Ball eine bunte Scheibe, und wenn er mit Schatten gezeichnet wurde, ist es eben eine bunte Scheibe mit einem schwarzen Anhängsel. Das Kind lernt nicht, all seine Sinne zu gebrauchen. Viele Zusammenhänge bleiben ihm damit verschlossen. So etwa der Zusammenhang zwischen Bewegung und Geräusch. Wenn die Mama spricht und ihre Lippen bewegt, lernt das Baby, wie die unterschiedlichen Töne entstehen. Wenn die Töne aus dem Lautsprecher kommen, kann es sie keinen Bewegungen zuordnen – und lernt nichts.

Doch nicht nur das: Fernseher und DVD üben sogar einen negativen Effekt aus. Denn ein sehr kleines Kind ist nur wenige Stunden eines Tages wach. Die meiste Zeit schläft es oder ist mit Essen beschäftigt. Wenn es nun in den Stunden, in denen es aufnahmebereit ist, vor dem Fernseher „geparkt“ wird, versäumt es seine Chance reale Erfahrungen zu machen. Es bleibt in seiner Entwicklung zurück, und zwar – wie eben beschrieben – auf geistiger, wie auch auf körperlicher Ebene. Denn Kinder, die häufig vor dem Bildschirm sitzen, bewegen sich weniger. Sie sollten sich jedoch gerade viel bewegen, besonders in der Zeit bis zum sechsten Lebensjahr. In dieser Altersspanne entwickeln sie nämlich die Grundformen der Bewegungsabläufe von Laufen, Klettern, Springen, Balancieren, Fangen, Werfen, Tanzen. Was ein Kind in dieser Zeit versäumt, kann es später kaum nachholen. Der Grund dafür ist, dass das Gehirn immer zu bestimmten Zeiten für bestimmte Lerninhalte besonders empfänglich ist. Schnell kann dann ein Teufelskreis entstehen: Kinder, die zu wenig frühe Bewegungserfahrungen gemacht haben, sind körperlich ungeschickter als andere Kinder. Um nicht ausgelacht zu werden, vermeiden sie Bewegung und sportliche Herausforderungen. Da dies wiederum negativen Einfluss auf die körperlichen Fähigkeiten der Kinder hat, reduziert es ihre Lust an der Bewegung noch weiter. Die Folgen einer daraus resultierenden bewegungsarmen Lebensweise sind mittlerweile bestens bekannt: Neigung zu Übergewicht, Diabetes, Herz- und Knochenkrankheiten.

Ihr Kind wird jedoch nicht automatisch diesen unglücklichen Entwicklungsweg beschreiten, nur weil Sie es gelegentlich die Teletubbies schauen lassen. Aber sehen Sie von speziellen Baby-Angeboten im TV und auf DVD für die Allerkleinsten ab. Nicht ganz so negativ sind die Baby-Spielcomputer einzuschätzen, die ab 12 Monaten angeboten werden. Hier kann das Baby immerhin selbst aktiv werden und das Funktionieren verschiedener Tasten und Funktionen entdecken, die optische und akustische Reize produzieren. Die spannenden Erlebnisse der realen Welt kann ein Computer allerdings trotzdem nicht ersetzen. Wie traurig ist es doch für ein Kind, wenn es nie entdecken darf, wie einfach sich die Schüsseln aus dem Küchenschrank ausräumen lassen oder wie wunderbar ein Turm aus Bauklötzen zusammenkracht. Oder wie toll ein Matschkuchen in den Fingern knatscht. Und wie schön die Pfütze spritzt, wenn man hineinspringt. Deswegen: Gehen Sie mit Ihrem Kind nach draußen und lassen Sie es die Welt entdecken. Richten Sie ihm in der Wohnung eine sichere Spielecke ein, wo Unordnung entstehen darf. Lesen Sie Ihrem Kind vor, singen Sie mit ihm, machen Sie Abzählreime. Erst mit frühestens zwei Jahren sollte Ihr Kind seinen ersten Film sehen dürfen. Wenn es sich jetzt schon für den Computer interessiert, darf es, bei Ihnen auf dem Schoß sitzend, auch schon die Maus führen. Kindersoftware ist erst dann sinnvoll, wenn sie das Gelernte vertiefen kann – und nicht, wenn sie Erfahrungen ersetzen soll. 

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01.12. - 15.12.2010

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Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl