Nicht nur Kinder brauchen Märchen

Es war einmal ...
In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat ...
Und sie lebten lange glücklich und zufrieden ...
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 Wer diese Worte hört, weiß sofort, es geht um Märchen. Märchen faszinieren uns – immer noch. Sie wecken eine Sehnsucht in uns – nach Ruhe, nach magischen Geschichten, nach Erzählen und Zuhören. Die alten Märchen werden wieder entdeckt. Jedes Jahr gibt es überall in Deutschland Märchenfestivals. Was ist dran, an diesen alten, überlieferten Geschichten, dass sie es schaffen, uns auch heute noch fesseln und faszinieren zu können?

Wer sich die Mühe macht, genau hinzuhören, wird feststellen, dass Märchen in der Tat kluge Wegweiser sind. Sie sind gewachsene Lebenserfahrungen, überliefert in Bildersprache. Die Bilder sollen uns den richtigen Weg weisen. Jedes Märchen erzählt von einer bestimmten typischen Situation, die im menschlichen Leben vorkommen kann. Es beginnt meist mit einem Problem. Und im Laufe der Geschichte wird erzählt, wie dieses Problem gelöst wird. Es wird erläutert, was dabei helfen kann, worauf man sich einstellen muss und was man berücksichtigen muss. Viele der Märchenfiguren haben eine Vorbildfunktion. Sie tun etwas und erfahren die Wirkung ihrer Tat am eigenen Leib. Das kann manchmal grausam sein, es gibt aber auch Halt und Kraft. Denn: Die eigene Verantwortung bei der Lösung von Problemen wird deutlich gemacht. Und das macht stark, gibt Power und Selbstbewusstsein. Märchen transportieren Lebensweisheiten und vielleicht können sie uns in einer Welt, die immer unübersichtlicher und komplizierter wird, manchmal sogar ein wenig Orientierung im Leben bieten.

Märchen halten uns einen Spiegel vor, der unsere eigene innere Welt mit all ihren Ängsten, Wünschen, Phantasien und Bedürfnissen widerspiegelt. Wer zuhört oder liest, fiebert automatisch mit. Die Geschichten verführen uns dazu, uns mit den handelnden Personen zu identifizieren. Dabei entstehen innere Bilder und eigene Gefühle. Wer sich darauf einlassen kann, für den kann die Erzählung zu einem richtigen Erlebnis werden.

Ursprünglich sind die Märchen in traditionellen Erzählergemeinschaften vorgetragen worden, zum Beispiel in der Küche. Dort saß die ganze Hausgemeinschaft zusammen und vertrieb sich mit den Geschichten ihre Zeit. Die Kinder waren dabei und wenn es gruselig wurde, konnten sie einfach unter der Schürze der Mutter verschwinden. Sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, das schafft ein Gefühl von Nähe, Geborgenheit und Trost. Heute verbringen in vielen Familien die Familienmitglieder immer weniger Zeit miteinander. Man tauscht sich nicht mehr aus, erzählt nicht, was man tagsüber erlebt hat. Fernsehen, Computer, Nintendo und iPod ersetzen die gemeinsamen Gespräche.

Märchen können uns auch, oder vielleicht sogar besonders in der heutigen Zeit etwas bieten, das wir dringender brauchen denn je: Sie können uns helfen zu entspannen, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Sie können uns aber auch anregen, über uns, unser Leben und über das, was wirklich wichtig ist, nachzudenken. Und – sie schaffen Gemeinsamkeit, Geborgenheit und Wärme.

Bei all der Hektik und Reizüberflutung in der heutigen Zeit wächst die Sehnsucht der Menschen, sich Geschichten erzählen zu lassen. Märchen sind ein wunderbarer Gegensatz zur Schnelllebigkeit der heutigen Zeit. Probieren Sie es aus!

 

16. bis 31. Dezember 2004 Aktualisiert am 2.6.2011
© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl