Abenteuer Pubertät

Manchmal kann man sich ganz vernünftig mit ihnen unterhalten, den pubertierenden Sprösslingen. Und dann sind sie mit einem Mal wie ausgewechselt – launisch, unberechenbar und unvernünftig. Ein Wort gibt das andere, Streitigkeiten sind in dieser Zeit vorprogrammiert. Aus Sicht der betroffenen Eltern ist diese Zeit nicht die allerschönste. Aus Sicht der Jugendlichen übrigens auch nicht.

Für Psychologen und Hirnforscher jedoch ist dieser Prozess ganz normal, denn die Pubertät gleicht einer Großbaustelle für Seele und Körper. Es kann turbulent zugehen – zumal auch das Gehirn maßgeblich betroffen ist.

Physiologisch gesehen ist das Gehirn zwar bereits mit zehn Jahren schon fast ausgewachsen –  aber nicht in allen Bereichen. Das Frontalhirn, das hinter der Stirn liegt und für vorausschauende Planung verantwortlich ist, bildet sich als letztes aus. Unser Tipp deshalb: Versuchen Sie nicht, ihrem halbwüchsigen Sprössling vorzuhalten, dass er alles Wichtige vergessen und nicht an die Zukunft gedacht hat. Aufgrund des unreifen Frontalhirns können Teenager noch nicht so zukunftsorientiert planen wie Erwachsene.

Hinzu kommt, dass Teenager in besonderem Maße dem Botenstoff Dopamin ausgeliefert sind, der die Risikofreudigkeit steigert. In der frühen Phase der Pubertät sind die Nervenzellen, die auf den Neurotransmitter Dopamin reagieren, offenbar dominanter und bestimmen über die anderen Hirnregionen. Die Auswirkungen sind allbekannt: Pubertierende Jugendliche wollen etwas Neues erleben, über Risiken machen sie sich wenig Gedanken und sie sind immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Das gehört dazu, bedeutet jedoch auch, dass Teenager eher aufgeschlossen für bestimmte Drogen sind. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie als Eltern nicht alles mit der Pubertät entschuldigen und durchgehen lassen, sondern klare Grenzen ziehen. Ihre Vorbildfunktion und Ihr Verhalten sind dabei auch entscheidend. So sollten Eltern ihren Teenagern nicht schon mit etwa zwölf Jahren erlauben, in ihrer Gegenwart Alkohol zu trinken. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass dies nicht zum selbstverantwortlichen Umgang mit Alkohol beiträgt sondern im Gegenteil, Jugendliche mehr Alkohol konsumieren, wenn er leicht zugänglich ist.

Eine weitere besondere Eigenschaft von Jugendlichen ist die Tatsache, dass sie gerne die Nacht zum Tag machen und am liebsten erst zum Morgengrauen ins Bett gehen. Dies ist ebenfalls auf das pubertierende Gehirn zurückzuführen, denn die innere Uhr verändert sich. Das heißt, Teenager sind zu anderen Zeiten müde, aber auch leistungsfähiger als Erwachsene. Die Universität München hat hierzu tausende von Probanden befragt und festgestellt: Ab etwa 10 Jahren beginnt sich der Zeitpunkt der Schlafmitte gegen Morgen zu verschieben. Pubertierende Jugendliche schlafen am besten erst nach Mitternacht ein. Ist die  Pubertät vorbei, beginnt sich das Schlafverhalten wieder zu normalisieren. Der Takt der inneren Uhr ist mit Willensanstrengung kaum zu beeinflussen. Zwingt man Jugendliche dazu, früher ins Bett zu gehen, werden sie nicht einschlafen können. Hinsichtlich der Schulanforderungen könnte es aber etwas helfen, den Schlafrhythmus leicht zu verändern, indem sie tagsüber viel nach draußen gehen und Sport machen.

Als eine besondere Zeit wird die Pubertät auch aus einem weiteren Grund erlebt. Denn jetzt werden verstärkt Geschlechtshormone gebildet. Den Jugendlichen erschließt sich damit ein ganz neues schwieriges Gebiet, nämlich Liebe und Sexualität. Aufgrund der ungewohnten körperlichen Veränderungen fühlen sie sich unsicher und verletzlich. Sie haben neue Gefühle, die schön sind, aber auch Angst machen und von Tag zu Tag unterschiedlich ausfallen. Der Grund für diese Stimmungsschwankungen –  unter denen die Jugendlichen als auch ihre Eltern leiden – ist eine ungleich anlaufende Hormonproduktion: Entweder es befinden sich zu viele Hormone in Blut und Gehirn, oder zu wenige und es herrscht eine Art Hormonentzug.

Wir hoffen, dass wir Ihnen das Verhalten Ihres pubertierenden Kindes ein bisschen verständlich machen konnten. Versuchen Sie am besten, es nicht persönlich zu nehmen. Zögern Sie aber auch nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Ihnen etwas über den Kopf wächst. In Bezug auf Suchtmittel beispielsweise können Sie die Sucht-Infoline der LZG unter 0800 5511600 (kostenfrei aus dem deutschen Festnetz) anrufen. Hier werden Ihnen rund um die Uhr Erklärungen zu den einzelnen Suchtmitteln Alkohol, Medikamente, Cannabis und Glücksspiel gegeben und, nach Eingabe Ihrer Postleitzahl, eine Beratungsstelle in Ihrer Nähe genannt.

 

1.- 15. Juli 2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl-Rüther