Patienten - vom Objekt zum Individuum

  Dr. med. Wilfried Schmidt  

 Unser Immunsystem mit all seinen Facetten spezifischer und unspezifischer Abwehrmechanismen gegen Krankheiten bleibt trotz aller wissenschaftlicher Fortschritte auch im 21. Jahrhundert an vielen Stellen ein Rätsel, das mit jeder beantworteten Frage neue Fragen stellt.

Selbst das bis ins kleinste Detail der Erbmerkmale gehende medizinische Wissen der Gegenwart mag nicht zu erklären, warum jemand krank wird und jemand anderes unter ähnlichen Lebensbedingungen nicht. Genauso wenig sind Heilungen zu fassen, wenn der Geheilte an einer medizinisch als unheilbar geltenden Krankheit, beispielsweise an einem bösartigen Tumor, litt. 

Damit steht der Arzt im Alltag ständig im Widerspruch, sich einerseits seiner letztlich doch nicht allwissenden Kenntnisse bewusst zu sein, andererseits aber Patienten zu begegnen, die Heilung von ihm erwarten. Auch zunehmendes objektives Wissen der Medizin wird diesen Tatbestand auf Dauer nicht verdrängen können. 

Das Krankheitsbild 

Zum Erstellen des wissenschaftlichen Krankheitsbildes können vier Stadien unterschieden werden, die in Wechselwirkungen zueinander stehen:

  • Welche Krankheit liegt vor? Es geht darum, das charakteristische Muster von Symptomen zu erkennen, die diese Krankheit von anderen unterscheidet.
  • Was sind mögliche spezifische Ursachen?
  • Welches ist die wahrscheinlichste Ursache? Die bisher beobachteten Assoziationen oder aufgestellten Hypothesen werden experimentell überprüft.
  • Welche krankmachenden Mechanismen stehen hinter den festgestellten Ursachen?

Daraus entwickeln sich "Weltbilder" von Krankheiten, "unvollständige Modelle..., Konstrukte, um reale natürliche Systeme zu verstehen", erläutert der Gastroenterologe Prof. Dr. med. Ottmar Leiß. Er vergleicht sie mit detaillierten Stadtplänen, die genaueste Orientierung geben, aber das Umland nicht erfassen. 

"... nicht zuletzt gehört gerade die Erkenntnis der Grenzen der Erkenntnis zu den entscheidenden Voraussetzungen echter Erkenntnis", resümiert der Mediziner Prof. Dr. med. Dr. phil. Wolfgang Böcher. Er ist ebenfalls davon überzeugt, dass mit dem derzeit gültigen wissenschaftlichen Instrumentarium immer nur Teilaspekte des Wissens um die Vorgänge von Gesundheit und Krankheit erfasst werden können. Mit zunehmendem Fortschritt werden die Teilaspekte stets differenzierter, immer neue Erkenntnisse kommen hinzu - und so manches, was gestern noch als Wahrheit dastand, wird aufgrund von neuem Wissen heute schon für ungültig erklärt. Zweifelsohne hat die Medizin in der Aufdeckung von Krankheitsursachen und den möglichen medizinischen Therapiekonzepten im vergangenen Jahrhundert unglaublich viel geleistet. Grundlage dafür ist die sehr erfolgreiche Anwendung des naturwissenschaftlichen Ursache-Wirkungs-Denkens auf die Medizin als Wissenschaft. Doch reicht uns das, um unsere Wirklichkeit mit all den Erscheinungen zu beschreiben? 

Der Scheinerfolg 

Dass der Mensch weitaus mehr ist als die Summe der wissenschaftlich messbaren Teile, zeigt der Placebo-Effekt. Verabreicht man Patienten Scheinmedikamente, wirken diese oft wie ihr "echtes" Pendant, vorausgesetzt, Arzt und Patient wissen nichts davon. Nicht präzise messbare Einflüsse wie die Beziehung Arzt-Patient oder die Einstellung zur Therapie spielen offensichtlich eine entscheidende Rolle in der Behandlung von Krankheiten. Zwangsläufig bedeutet das, dass Medizin niemals exakte Wissenschaft sein kann, sondern immer nur mit Wahrscheinlichkeiten methodischen Erkenntnisgewinns arbeitet. Das ist Chance und Dilemma zugleich. 

Statt Nummer... 

Leider unterliegt die Medizin wie alle anderen Wissenschaften mehr und mehr dem zweckorientierten Denken, dass sich neues Wissen in wirtschaftlichen Erfolg umsetzen lassen muss. Erkenntnisse müssen messbar sein, mit statistischen Tests und nach eigens definierten Kriterien. Statistiker haben die Aufgabe, aus einem Individuum einen Durchschnittsmenschen, eine vereinfachte Nummer mit bestimmten Eigenschaften werden zu lassen. 

Hier setzt zunehmend Kritik vor allem von Patienten an. Sie beklagen, dass sie nicht ernst genommen werden mit ihren Beschwerden, nur "eine Nummer" sind, deren Diagnose und Therapie dem Computer entlockt wurde. Besonders problematisch wird es für den Patienten dann, wenn er sich zwar schwer krank fühlt, aber der Arzt kein plausibles Krankheitsbild zur Erklärung seiner Beschwerden findet. Diese Diskrepanz zwischen Befinden und Befund ist medizinischer Alltag. 

... moderner Aberglaube 

Das Zulassen von scheinbar Unerklärbarem fiel dem Menschen schon immer schwer. Also müssen "alternative" Erklärungen her. Bis zum Mittelalter galt Krankheit als möglicher Ausdruck der Strafe Gottes. Wir "aufgeklärten und modernen Menschen" von heute lächeln darüber nur müde und erklären unsere chronischen Spannungskopfschmerzen lieber mit einer Schwermetallvergiftung durch Amalgam. Für chronische Magen-Darm-Beschwerden ohne fassbare Ursache machen wir dann einen rätselhaften Befall mit Darmpilzen verantwortlich. 

Wir überhören dabei einfach, dass der Nachweis oft kaum gelingt und darüber hinaus noch nicht einmal gesichert ist, ob Darmpilze krank machen. Es entstehen "Modediagnosen". Die obskuren Heilmethoden der "Alternativmedizin" nennen sich Reinigen, Ausleiten und Entgiften. Sind wir unseres Wissens müde und kehren in modernem "outfit" zum Aberglauben zurück? Wenn "Alternativmedizin" sich so gegen "Schulmedizin" abgrenzt, führt sie sich mit ihrer mittelalterlich lautenden Argumentation ad absurdum. 

Abgrenzen oder öffnen? 

Dahinter steckt oft etwas ganz anderes: Es ist das Bedürfnis des Menschen nach tieferem Verständnis individueller Seinszusammenhänge des Lebens. Wir wollen nachvollziehen können, warum Krankheit entsteht, warum Lebenszeit begrenzt ist, und wir suchen Verständnis für die Fragen. Es geht um die Zusammenschau jenseits rein naturwissenschaftlicher Erkenntnis. 

Das genau ist das große Dilemma der naturwissenschaftlichen Medizin und die Wurzel für Kritik an ihrer Vorgehensweise. Solange sie an der Diagnose kleben bleibt und ihre therapeutischen Konsequenzen nicht ganzheitlich erfolgen, schafft sie sich ihre eigenen Feindbilder. Wenn sie den tieferen Erwartungen des Patienten nach Heilung nicht gerecht wird, werden ihre wertvollen Errungenschaften weder adäquat gewürdigt noch umgesetzt werden. Dann wird der moderne Aberglaube in Form der "Alternativmedizin" fröhliche Urstände feiern. 

Jede Medizin, ob Schul- oder Alternativmedizin, die sich völlig einseitig ausrichtet und Teilwahrheiten zum Dogma erhebt, läuft Gefahr, keine konstruktive Kritik mehr zuzulassen. Damit schmälert sie paradoxerweise den Wert ihrer eigenen (einseitigen) Erkenntnisse. 

Heilung ist möglich 

Hier liegt erkenntnistheoretisch die Schnittstelle zum Wechsel der Wahrnehmungsebene und ein möglicher Lösungsansatz des Dilemmas. Dann, wenn ich als Arzt die Ursachen nicht nur im medizinischen Wissen suche, sondern mich für ganzheitliche individuelle Aspekte öffne, verlasse ich das Entweder-oder-Denken und wende mich der Ebene tieferen Verstehens zu. Hier sind Abgrenzungen unnötig, da es auf die Zusammenschau konstitutioneller Phänomene ankommt. Es geht um Komplementaritäten, um Beziehungen von Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod. 

Eine umfassende Anamnese erfasst Krankheitsbiographie, Symptomatik der Gegenwart, soziales Umfeld und familiäre Disposition. Wesentliche Aufgabe ärztlicher Heilkunst liegt jetzt darin, die individuelle physische und psychische Situation des Patienten (seine Konstitution) mit ihm gemeinsam zu entdecken. Das bedeutet, dass nicht die Allmacht und Allwissenheit des Arztes, oft karikiert als "Halbgott in weiß", bestimmend für die Therapie ist, sondern gegenseitiges Gespräch und Abstimmungen über die Vorgehensweise der Behandlung im Rahmen einer vertrauensvoll zugewandten Arzt-Patienten-Interaktion. 

Wissenschaftliche Erkenntnisse in der Medizin werden zum wichtigen Handwerkszeug, aber nicht zum Inhalt der Therapie. Vom Arzt sind sowohl fachliche als auch menschliche Kompetenz gefordert, um für den einzelnen Patienten das für ihn Nützliche aus der Fülle des medizinisch Machbaren herauszufinden. 

Ob Heilung geschieht oder nicht, liegt weder ausschließlich in der Kunst des Arztes oder Therapeuten noch im Wollen und Können des Patienten. Das zeigt die tägliche Praxis an unzähligen Beispielen. Wenn dem Patienten aber die Möglichkeit gegeben wird, aktiv in den Gesundungsprozess einzugreifen und seine Erklärungsmuster und Vorstellungen von Krankheit (und seien sie auch noch so widersprüchlich zu den vermeintlich objektiven Fakten) ernst genommen werden, dann liegen seine Heilungschancen weitaus höher. 


Leiß O: Helicobacterisierung psychosomatischer Konzepte.
Deutsches Ärzteblatt 2001/98/S.A886-890

Böcher W: Der Mensch im Fortschritt der Medizin. Berlin,
Heidelberg 1987

Kappauf H, Gallmeier W: Nach der Diagnose Krebs - Leben ist eine Alternative. 
Freiburg 2000