Muttermilch online kaufen?

01.bis 16.11.2015

Darüber, wie gesund Muttermilch ist, wird heute nicht mehr gestritten: Sie stärkt das Immunsystem des Neugeborenen, schützt es vor Allergien und fördert die Entwicklung des kindlichen Gehirns. Wer mindestens sechs Monate gestillt wurde, hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, im Kindesalter oder als heranwachsende Person an Leukämie zu erkranken.

Kein Wunder also, dass viele Mütter und Väter alles daran setzen, einen adäquaten Ersatz zu finden, wenn die körpereigene Quelle versiegt oder gar nicht vorhanden ist. Man denke hierbei beispielsweise an Eltern, die ein Baby adoptiert haben oder auch an Lebenspartnerschaften zwischen zwei Männern. 

So verwundert es nicht, dass sich ein Handel mit Muttermilch entwickelte. Denn Frauen, die zu viel Milch produzieren gibt es schon immer, auch heute. Früher hat sich daraus der Beruf der Amme entwickelt. Die Amme ist eine Frau, die ein fremdes Kind gegen Entlohnung an die eigene Brust legte und stillte. Diese Praxis wurde immer wieder aus verschiedenen Gründen grundsätzlich kritisiert. An Stelle der Ammen entstanden Frauenmilchbanken, die erste Frauenmilchsammelstelle in Europa wurde 1909 in Wien eröffnet. Aktuell gibt es in Europa über 200 Frauenmilchbanken. Vor fünf Jahren wurde die European Milk Bank Association (EMBA) gegründet, die sich unter anderem um die Erstellung von Qualitätsstandards kümmert. In Deutschland existieren 15 an Kliniken angeschlossene Frauenmilchbanken der EMBA, zwei davon in Westdeutschland, und zwar in München und in Dortmund. 

Gesunde, stillende Frauen mit einem Überschuss an Milch können den Frauenmilchbanken Milch spenden. Ein Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum muss bei ihnen ausgeschlossen sein und auch eine Medikamenteneinnahme ist bis auf wenige Ausnahmen nicht gestattet. Sie werden auf verschiedene übertragbare Krankheiten wie etwa HIV oder Hepatitis getestet. Empfänger dieser Muttermilch sind vor allem Frühchen, die in der angeschlossenen Klinik auf Station liegen. Ihre Eltern werden vorab über die Gabe gespendeter Muttermilch aufgeklärt und müssen eventuell eine Einverständniserklärung unterschreiben. 

Die Eltern in Deutschland, die gesunde Kinder aber zu wenig oder keine Muttermilch haben, können die Frauenmilchbanken nicht nutzen. Sie haben nur die Möglichkeit auf industriell hergestellte Säuglingsmilch zurückzugreifen oder über diverse Internet-Plattformen Milch zu beziehen. Kleinanzeigen, Online-Foren bis hin zu US-amerikanischen Börsen bieten Muttermilch an, allerdings völlig ohne Sicherheiten.

Seit Januar 2014 gibt es nun in Deutschland eine offizielle Muttermilchbörse. Für einen Durchschnittspreis von derzeit 3 Euro kann man nach einer kostenpflichtigen Registrierung 100 ml Muttermilch erwerben. Wer die Muttermilch auf Hygiene und Qualität hin untersuchen möchte, kann sie im Institut für Milchuntersuchung testen lassen, ein Link auf der Seite der Online-Börse führt zu diesem Institut. Beim Onlinehandel von Muttermilch ist allerdings zu bedenken, dass es keine vergleichbaren Hygienestandards zur Kontrolle der Muttermilch gibt, wie sie bei der EMBA angelegt werden, weil es in Deutschland bislang keine diesbezügliche gesetzliche Regelung gibt. Die Initiatorin der deutschen Online-Muttermilchbörse empfiehlt den Nutzerinnen übrigens, über eine Suche nach Postleitzahl möglichst eine Spenderin in der näheren Region zu finden, um sie persönlich zu treffen. 90 Prozent der Frauen wählen diesen Weg. Die Muttermilchbörse ist somit eher eine Kontaktbörse, bei der Milchspenderinnen und muttermilchsuchende Eltern zueinander finden. Da Muttermilch in Deutschland als Lebensmittel gilt und nicht als Körperflüssigkeit, ist der Tausch völlig legal. 

Auf der Website der Muttermilch-Börse sind wichtige Fachinformationen zur sicheren Gestaltung des Muttermilch-Tausches zu finden. Wie pumpe ich ab? Wie friere ich ein? Wie taue ich die Milch wieder auf? Wie verhalte ich mich hygienisch richtig? Eltern wird geraten, die Spenderin zuhause zu besuchen und zu interviewen: Wie sieht ihre Pumpe aus? Wie sieht die Tiefkühltruhe aus? Wie geht sie mit dem eigenen Kind um? Trotzdem, eine Garantie, dass keine Kuhmilchbeimengungen, bakterielle oder virale Verunreinigungen bestehen, gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass Spenderinnen keine Medikamente oder Drogen eingenommen haben. Spenderinnen, deren Milch über die bereits genannten Frauenmilchbanken weitergegeben wird, sind hingegen medizinisch untersucht, die Milch ist bakteriologisch kontrolliert und oft pasteurisiert. Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) unterzieht Muttermilchspenden den gleichen strengen Hygienevorschriften wie Blutspenden. Da dieser Standard bei privaten Muttermilchbörsen und vergleichbaren Vermittlungsstellen derzeit nicht gewährleistet wird, lehnen das BfR, die Berufsverbände der Frauen- und Kinderärzte, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie die Verbraucherzentrale eine Onlinebestellung von Muttermilch ab. 

Die Diskussion über Pro und Contra der Onlinebestellung von Muttermilch darf nicht dazu führen, dass die Empfehlung für industriell hergestellte Säuglingsmilch vergessen wird. Es wird unterschieden zwischen der Säuglingsanfangsnahrung und der Folgenahrung. Die Anfangsnahrung ist zur Fütterung von Geburt an und für das gesamte erste Lebensjahr geeignet. Sie kann nach Bedarf des Kindes gefüttert werden. Die Folgenahrung soll frühestens mit Beginn der Beikostfütterung gegeben werden, also frühestens ab dem fünften Monat. Säuglingsmilchnahrung sollte nicht aus Milch oder anderen Rohstoffen selbst hergestellt werden. Und Spezialnahrungen sollten nur nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt gegeben werden. 

Natürlich können auch beim Stillen Probleme auftreten. Sie können dazu führen, dass Frauen ihre Stillversuche zu früh aufgeben. Betroffene sollten sich dann auf jeden Fall von erfahrenen Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen oder Laktationsberaterinnen beraten lassen. 

 © Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de,
Redaktion: Marielle Becker, Mail: mbecker(at)lzg-rlp.de 

Weiterführende Links zum Thema:

Fachartikel zum Thema Muttermilch

http://www.nutricia-forum-muttermilchforschung.org/nfm/media/redaktionelle_dateien/newsletter/Forum_Kompakt_1_2014_d_web.pdf

Liste der an Kliniken angeschlossenen Frauenmilchbanken

http://www.europeanmilkbanking.com/germany.html

Seite des Deutschen Hebammenverband e. V. zum Thema Hebammenhilfe

https://www.hebammenverband.de/familie/

Informationsmaterial rund um das Thema Stillen im Downloadbereich des LaLecheLiga Deutschland e.V.

http://www.lalecheliga.de/index.php?option=com_content&view=article&id=567&Itemid=222 

Bei komplexen Stillproblemen: Kontaktaufnahme mit den IBCLCs durch den Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC e. V.

http://www.bdl-stillen.de/ibclc.html