Weniger ist mehr: Kinder vor Stress schützen

16. bis 31. März 2015

Stress im Kindesalter – schwer vorstellbar, dass es das schon gibt. Doch die Studien der letzten Jahre sprechen eine klare Sprache. So zeigte etwa die Elefanten-Kindergesundheitsstudie des Deutschen Kinderschutzbundes, die im Jahr 2012 von Professor Dr. Dietrich Grönemeyer vorgestellt wurde: Jedes vierte Kind der fast 5.000 befragten Zweit- und Drittklässler fühlt sich oft oder sogar sehr oft gestresst und kann die Symptome sogar mit eigenen Worten beschreiben.

In anderen Ländern sieht es nicht viel anders aus. Finnische Wissenschaftler haben festgestellt, dass immer mehr Kinder von den Stresssymptomen Migräne und Kopfschmerzen betroffen sind. Litten in Finnland Anfang der 1970er Jahre noch zwei Prozent der unter Siebenjährigen darunter, waren es 2002 schon zwölf Prozent, Tendenz weiter steigend. Und im Nachbarland Schweiz zeigte die Basler Jugendgesundheitsbefragung 2012, dass über die Hälfte der Jugendlichen häufig Stress empfindet. Wenn bereits das Kindesalter durch Stress geprägt ist, ist davon auszugehen, dass sich dies in der Jugend verstärkt.

Vor allem die Schule, hier besonders Hausaufgaben, Diktate oder Noten, werden von den Kindern als Überforderung wahrgenommen und als Stressauslöser genannt. Am zweithäufigsten wird hierzulande Ärger und Streit als Stressfaktor angegeben. Aber auch Verhaltensweisen von Familienmitgliedern, viele Verbote, Hetze und Eile werden als stressig empfunden. Dabei ist es recht unerheblich, ob es sich bei den Befragten um Mädchen oder Jungen handelt, ob sie etwas jünger oder etwas älter sind oder in welche Schule sie gehen. Offenbar kommt es auf andere Faktoren an –  so zum Beispiel auf den Erwartungsdruck der Eltern. Und hier besteht die Chance der Eltern, den Stress für ihre Sprösslinge zu lindern. An den Klassenarbeiten und Überprüfungen können sie im Allgemeinen wenig ändern. Doch Eltern können ihr Kind aufmerksam beobachten, um Zeichen von Stress zu erkennen und ihm dabei zu helfen, Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Kinder können oft nicht artikulieren, wenn ihnen etwas zu viel wird. Sie flüchten sich in nicht genau definierbare Kopf- oder Bauchschmerzen. Auch Unkonzentriertheit, Schlaflosigkeit, Unruhe oder unmotivierte Wutausbrüche sind Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Ein weiterer Hinweis auf Stress kann vorliegen, wenn Kinder viel fernsehen möchten, am Computer oder der Spielekonsole spielen wollen. Dabei rufen diese medialen Aktivitäten erst einmal nicht selbst den Stress hervor, vielmehr handelt es sich dabei um unzureichende unbewusste Methoden der Kinder, mit dem bereits bestehenden Stress umzugehen.

Wenn nun Sie als Elternteil oder Eltern Stresssymptome bei Ihrem Kind bemerken, dann sollten Sie den Ursachen auf den Grund gehen. Muten Sie Ihrem Kind vielleicht zu viel zu? Soll es nach der Schule gleich weiter zum Musikunterricht, Fußball- oder Tanztraining und muss dann bis spät abends noch Hausaufgaben machen und Vokabeln pauken? Natürlich heißt es „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“, was für eine frühe Förderung spricht. Doch genauso wichtig ist es, dass ein Kind auch einfach mal faulenzen und nichts tun darf. Das ist für das Wohlbefinden wichtig und erschafft zudem kreativen Freiraum. Wenn sich der Geist während des Tagträumens frei entfalten kann, werden die rechtshemisphärischen Hirnregionen aktiv, die ansonsten vom hektischen Arbeits- und Schulalltag unterdrückt werden. Das erklärt auch, warum wir ausgerechnet auf der Couch oder beim Spaziergang auf Lösungen kommen, nach denen wir zuvor die ganze Zeit gesucht haben. Gönnen Sie auch Ihrem Kind diese kreativen Phasen des geistigen Nichtstuns, indem Sie seinen Nachmittag und die Wochenenden nicht zu vollpacken.

Ein weiterer Faktor, um Stress gar nicht erst entstehen zu lassen, ist der emotionale Rückhalt in der Familie. Kinder sollten mit dem Bewusstsein aufwachsen, dass nicht nur ihre Leistung zählt, sondern dass sie auch ohne schulische Glanzleistungen geliebt und akzeptiert werden. Mit dieser grundlegenden Akzeptanz durch die Eltern wird zudem das Fundament für eine spätere Selbstakzeptanz gelegt.

Des Weiteren sollten Sie als Elternteil wirklich zuhören, wenn Ihr Kind von einem Problem erzählt, und dann das Gesagte nicht einfach mit den Worten „das wird schon wieder“ abtun. Kinder leben in einer eigenen Welt und nehmen vieles, was für Erwachsene unproblematisch wäre, anders wahr. Versuchen Sie, sich in Ihr Kind hineinzuversetzen und das Problem auch aus seiner Perspektive zu sehen. Wie der bekannte Familientherapeut Jesper Juul schreibt, erwarten Kinder nicht einmal immer eine Lösung von den Eltern, oft hilft es ihnen schon und stärkt sie, wenn sie sich ernst genommen fühlen.

Und last but not least kann sich auch Stress, den Eltern selbst haben, auf die Kinder auswirken. Tragen Sie selbst ungelöste Probleme und Sorgen mit sich herum? Kinder sind der Katalysator für das, was in Eltern vor sich geht. Sie merken, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht immer einordnen. Wenn Ihre Kinder also Stresssymptome zeigen, dann fragen Sie sich auch, welchen Anteil Sie selbst daran haben und wie Sie mit Ihren eigenen Problemen besser umgehen könnten.

In der LZG-Elterninfo Nummer zwölf mit dem Titel „Freizeitstress“ erhalten Sie weitere Informationen zum Thema sowie Tipps für Eltern. Die Broschüre finden Sie als Download auf unserer Homepage. Sie können sie aber auch kostenlos gegen 1,45 Euro Rückporto in Briefmarken anfordern bei: Landeszentrale für Gesundheitsförderung RLP, Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz. Bei Rückfragen können Sie sich an Herrn Krzistek, Telefon 06131 2069-12 oder E-Mail rkrzistek(at)lzg-rlp.de, wenden.

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de;
Redaktion: Marielle Becker

 

Weiterführende Links zum Thema:

Elefanten-Kindergesundheitsstudie

LZG Broschüre „LZG-Elterninfo 12: Freizeitstress