Fibromyalgie - vor allem Frauen sind betroffen

Die Krankheit beginnt schleichend. Die ersten Anzeichen ignoriert man. Aber dann plötzlich sind sie da: fast unerträgliche Schmerzen in den Beinen, in den Armen, in den Händen, im Rücken, eigentlich überall. Jede Anstrengung wird schnell ermüdend. Das Treppensteigen, das Bettenmachen, das Tragen der Einkaufstasche – alles fällt nach und nach immer schwerer. Die Muskulatur wird oft als „brennend“ beschrieben. Hinzu kann ein extremes Kälteempfinden kommen.

 Aber oft dauert es jahrelang, bis die richtige Diagnose gestellt wird: Fibromyalgie, auch Weichteilrheuma genannt. Diese Krankheit, wörtlich übersetzt als „Faser-Muskel-Schmerz-Zustand“, ist eine chronische, nicht entzündliche Schmerzerkrankung, die nicht die Gelenke, sondern ausschließlich die Weichteile des Körpers betrifft.

Hauptanzeichen sind quälende Schmerzen, die meist an einer Stelle des Bewegungsapparates beginnen und sich im Laufe von Jahren im ganzen Körper ausbreiten. Schmerzen treten bevorzugt an den Übergangspunkten zwischen Muskel und Sehne auf. Diese Übergangspunkte werden als Tender pointsbezeichnet. Die verstärkte Schmerzempfindlichkeit an diesen Tender Points ist charakteristisch für eine Fibromyalgie-Erkrankung.

Richtig messbar ist die Krankheit allerdings nicht: Es lässt sich keine Entzündung nachweisen und es sind auch keine Auffälligkeiten erkennbar in Untersuchungen jedweder Art. Zudem zeigt sich die Fibromyalgie von Patient zu Patient oft sehr unterschiedlich und zeichnet sich auch noch durch wechselnde Symptome aus. Deshalb ist die Fibromyalgie eine Ausschlussdiagnose. Sie wird gestellt, wenn andere Krankheiten nicht in Betracht kommen.

Weil die Krankheit so schlecht messbar ist, wird sie oft nicht erkannt und die Beschwerden werden der Psyche zugeordnet. „Alarmsignal der Seele“, „zuviel Stress“, „braucht einfach mal ein bisschen Entspannung“, ... oft kommen Fibromyalgie-Patienten mit solchen Diagnosen nachhause, und fühlen sich zu recht missverstanden. Wenn dann ein Arzt wirklich einmal die Diagnose Fibromyalgie gestellt hat, sind die Betroffenen sogar erleichtert, denn nun haben die Beschwerden endlich einen Namen.

Allerdings hat die Medizin bislang weder die Ursache der Fibromyalgie noch den Durchbruch für eine richtige medikamentöse Therapie gefunden. Möglicherweise spielen Infektionen oder Verletzungen eine Rolle. Wahrscheinlich müssen mehrere Faktoren hinzukommen: Unzulänglich behandelte Schmerzen, gestörter Schlafrhythmus mit unzulänglichen Schlafphasen, Stress, Wetterveränderungen, Lärm und Angstzuständen sind oft auch beteiligt. Möglicherweise spielt auch die Veranlagung eine große Rolle. Es gibt auch die Theorie, dass es sich um eine Regulationsstörung handelt. Aber wie das allerdings zusammenhängt, weiß man noch nicht.

Allerdings stieß man bei wissenschaftlichen Untersuchungen von Fibromyalgie-Patienten auf eine erhöhte Empfindlichkeit der sensiblen Nervenfasern. Das sind jene Nerven, die Informationen über Schmerz, Muskelanspannungen und Schädigungen übertragen. Diese scheinen bei Fibromyalgie-Betroffenen früher zu reagieren und führen zu einer Art permanenter „Alarmbereitschaft“ der Muskulatur und der zugehörigen Sehnen. Dies wiederum erregt die sensiblen Nervenfasern aufs Neue, die Muskelanspannung nimmt noch mehr zu. Die Folge: Ein Teufelskreis entsteht, es kommt zur Daueranspannung mit ständigen  Schmerzen. Außerdem wurde bei Fibromyalgie-Patienten eine Verminderung des Glücksbotenstoffs Serotonin im Gehirn festgestellt, sowie eine Vermehrung der Substanz P (ein Entzündungsstoff) in der Muskulatur.

Wer unter einer Fibromyalgie leidet, hat oft schon Erfahrungen mit Schmerzmitteln. Und solange die Diagnose nicht richtig gestellt ist, kommen meist noch mehrere Schmerzmedikamente hinzu. Diese vertreiben allerdings die Schmerzen nicht dauerhaft, bringen aber viele Nebenwirkungen mit sich. Ärzte versuchen daher, ein festgelegtes Schema mit wirkungsverzögerten (sprich Retard-) Medikamenten aufzustellen. Dies ist besser, als Schmerzmittel einfach nur nach Bedarf einzunehmen. Auch wird ein stufenweises Ausschleichen aus starken Schmerzmitteln angestrebt. Dies ist aber nur möglich unter gezielten Entspannungsübungen, schmerzlinderndenphysikalischen Therapien und einer sog. Ersatzmedikation.

Entspannungsübungen sind ein wichtiger erster Schritt, um die bei der Fibromyalgie erhöhte Muskelanspannung herabzusetzen. Auch bei Schlafproblemen sind Entspannungsverfahren sehr hilfreich. Zu den klassischen Entspannungsübungen gehören das autogene Training, die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen sowie Yoga, Atemtherapie und Tai Chi Chuan.

Physikalische Therapien spielen bei der symptomatischen Behandlung der vielfältigen Fibromyalgie-Beschwerden eine große Rolle. Wärme unterstützt die Durchblutung, blockiert die Schmerzleitungen und beeinflusst die zahlreichen  Nerven- und Muskelrezeptoren. Wärme wirkt sich auch positiv auf die seelische Entspannung aus.

Anwendungen mit Fango, Moor, Rotlicht, heiße Rolle (Handtücher mit heißem Wasser übergossen), Thermalbäder, Sandbett mit heißem Sand und die Infrarotsauna werden als Wärmeanwendungen eingesetzt.

Kälte, die ebenfalls zu den physikalischen Therapien zählt, hat den Effekt, dass sie fast sofort zur Verminderung der Schmerzleitung führt, sie hilft Gewebe abzuschwellen, hemmt Entzündungen und normalisiert die Muskelanspannung.

In einer Ganzkörperkältekammer, die eine Temperatur zwischen -60° bis -110° Celsius hat, hält sich der Patient ca. 2 bis 5 Minuten auf. Nach einer Serie von Anwendungen kommt es bei der Mehrheit der Betroffenen zur erheblichen Verbesserung des gesamten Beschwerdebildes.

Als Ersatzmedikation wird mittlerweile sehr häufig ein Antidepressivum verschrieben, selbst wenn keine Depression vorliegt. Antidepressiva setzen nämlich die Schmerzschwelle hoch. Damit sind die Schmerzen zwar nicht weg, aber sie greifen nicht mehr so dominant in das Leben ein. Die schmerzlindernde Wirkung setzt erst nach Wochen ein.

 

 1. bis 15. März 2006 Aktualisiert am 4.4.2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl