Fingernägelkauen

Meist passiert es im Stress und bei Unsicherheit, manchmal aber auch aus Gewohnheit oder Langeweile: Man führt die Finger in den Mund und knabbert an den Fingernägeln. Mal mehr, mal weniger, aber fast immer unbewusst. Erst hinterher wird die Schädigung schmerzhaft bewusst. Dann ist es aber schon passiert. Entweder ist der überstehende Teil des Nagels verschwunden, oder die seitliche Nagelfalz blutig gebissen, oder der Nagel so tief abgekaut, dass das Nagelbett sichtbar geworden ist.

Die Rede ist vom Nägelkauen. Medizinisch ausgedrückt: Onychophagie. Zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren gehen durch mehr oder minder lange Phasen, in denen die Fingernägel und meist auch die Nagelhaut abgekaut werden. Danach gibt sich das Phänomen bei den meisten Menschen wieder. Doch was steckt dahinter? 

Die medizinischen und psychotherapeutischen Erklärungen tendieren dahin, dass das Nägelknabbern für Kinder eine Möglichkeit der Erregungsabfuhr bildet. Das heißt, die Kinder sind innerlich aufgewühlt und sehen keine Möglichkeit, mit dieser Erregung umzugehen. Daraus entsteht eine Aggression, die sie gegen sich selbst richten, um niemand anders zu schaden. In der Kinderpsychotherapie wird dieses Verhalten mit dem Krippenbeißen von Pferden verglichen, die zu lange im Stall untergebracht sind. Diese Tiere fangen an, stereotyp und automatisch auf den Rändern der Krippe herumzubeißen.

Auch zu langes Stillsitzen oder ein Mangel an kindgerechten Bewegungsmöglichkeiten wie ein Bolzplatz oder eine Spielstraße können dieses Verhalten auslösen, stellte der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Peter Andreas Staub aus Freinsheim fest. Das gleiche geschieht durch stark kontrollierende oder überfürsorgliche Eltern, die ihre Kinder mit ihrem Drang in die Welt zu gehen, ausbremsen. Eine weitere Erklärung für das Nägelknabbern besteht leider auch darin, dass Kinder oftmals mit belastenden Situationen klarkommen müssen. Diese können Streits der Eltern sein, ungerechte Bestrafungen, sowie auch Angst und psychische Schockerlebnisse. Möglich ist auch, dass das Kind mehr Zärtlichkeit braucht, als die Eltern geben können. Durch das Nägelkauen wird in diesen Fällen versucht, die innere Nervenanspannung abzubauen. Der Beißimpuls richtet sich aber eigentlich gegen den Verursacher der belastenden Situation.

Bei vielen Jugendlichen verliert sich in der Pubertät das Nägelkauen von ganz alleine. Die Psychotherapeuten erklären sich dies mit einem psychischen Reifungsprozess. Einige Betroffene behalten diese Angewohnheit jedoch bis ins Erwachsenenalter bei. Auch hier ist es ein Symptom, das auf mehrere Ursachen hindeuten kann, z. B. wenn man seine eigenen Lebensvorstellungen dem gesellschaftlichen Zwang oder den Vorstellungen von anderen Menschen opfert. Das Beißen an den Fingernägeln steht dann symbolhaft für die Beschneidung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. In manchen Fällen kann es auch auf eine noch nicht zutage getretene Depression hindeuten. Es hat dann die Funktion, die Krankheit zu vermeiden. Auch hier ist es eine Übersprungshandlung, mit der man unbewusst eine Depression abwehrt.

Was kann man tun, wenn man an sich selbst oder an seinem Kind diese Angewohnheit bemerkt?

Bei Kindern tendiert man heute dazu, das Verhalten erst einmal nicht zu therapieren. Doch beobachten Sie Ihr Kind. Wenn das Nägelknabbern eine Reaktion auf Stress ist, können Sie anbieten, besser einen Kaugummi zu kauen oder einen Bleistift zu drehen. Hat es einen starken Bewegungsdrang, dann überlegen Sie, es vielleicht in einem Sportverein anzumelden. Ist das Kauen aber die Reaktion auf familiäre Probleme, dann müssen diese natürlich gelöst werden.

Bei Erwachsenen kommt es darauf an, wie man mit der Angewohnheit zurechtkommt. Nicht alles muss therapiert und ergründet werden. Allerdings ist es auch nicht erfolgversprechend, einfach mit Disziplin und Verhaltensmaßregeln das Nägelkauen unterbinden zu wollen. Nehmen Sie das Symptom als Warnhinweis ernst. Irgendetwas in Ihrem Leben läuft nicht so, wie Sie es sich wünschen.

Wollen Sie von dem Nägelkauen wegkommen, dann ist der nächste Schritt sich einzugestehen, dass Sie dieser Angewohnheit verfallen sind. Sie führen sie wie unter Zwang durch, obwohl Sie Ihre Nägel eigentlich in Ruhe lassen möchten. Sagen Sie sich, dass es eine Krankheit ist: Sie können nichts dafür, dass Sie die Nägel abknabbern. Wenn Sie sich dieses Eingeständnis nicht machen, macht sich unterschwellig ein Gefühl der Hilflosigkeit breit, das Sie in allen Lebensbereichen beeinträchtigt.

Jetzt können Sie mit Verhaltensmaßnahmen beginnen. Ein übel schmeckender Nagellack aus der Apotheke wird Sie beim unbewussten Beißen an Ihren Vorsatz erinnern. Das gleiche funktioniert mit Handschuhen oder Tesafilm auf den Nägeln. Manchmal hilft auch einfach eine Feile, die sich mit sich herumtragen, um unebene Stellen an Nagel oder Falz direkt abzufeilen. Nur mit Disziplin bekommen Sie Ihre Angewohnheit nicht los, aber ein bisschen Disziplin am Anfang ist nötig. Wenn Sie nicht weiterkommen, und Sie das Nägelknabbern sehr stört, hilft nur eine Therapie. In einer Verhaltenstherapie geht es stärker darum, wie Sie sich in den verschiedenen Situationen verhalten sollen, in der Psychoanalyse werden die zugrunde liegenden Ursachen aufgearbeitet.

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Lesenswerter Link: Nie wieder Nägelkauen

 

16. bis 30. April 2008

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner,  Redaktion: Birgit Kahl