Zähne und Psyche - wenn die Seele knirscht

Dröhnende Kopfschmerzen und Rückenverspannungen gleich nach dem Aufwachen? Oder Druck in den Ohren und Muskelkater im Kieferbereich? Und morgens fühlen Sie sich kaputt und wie gerädert? All diese Anzeichen können auf eine gemeinsame Ursache hindeuten: nämlich nächtliches Zähneknirschen, medizinisch „Bruxismus“ genannt.

Zahnärzte sprechen davon, dass mindestens jeder zweite Erwachsene im Lauf seines Lebens mit den Zähnen knirscht und presst. Frauen häufiger als Männer, eine vermehrte Häufigkeit ist zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr zu finden.

Es handelt sich also um ein weit verbreitetes Übel. Und es kann schlimme Folgen haben. Bei schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Knirscher bilden sich durch die schlechte nächtliche Angewohnheit bleibende Schäden am Kauapparat. Denn wir können ganz schön fest zubeißen, wenn es sein muss. Dabei wirken Kräfte von bis zu 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter auf Zähne und Kiefergelenk ein. Das entspricht der Kraft, mit der zwei Zementsäcke auf einen Backenzahn drücken. Für eine solche Belastung ist unser Kauapparat aber nicht ausgelegt. Es kann zu einer Überbeanspruchung der Kaumuskeln und des Kiefergelenks kommen. In Folge können irreparable Schäden am ganzen Kausystem auftreten. Zum Beispiel werden durch das ständige Pressen und Knirschen die Zähne abgerieben oder sie können sich lockern. Auch wird das Kiefergelenk übermäßig abgenutzt. Und in den Kaumuskeln können sich Muskelknoten bilden. Dies alles kann zu großen Schmerzen führen.

Früher dachte man, dass eine Fehlstellung im Gebiss den Betroffenen zum Knirschen verleiten würde, weil man angeblich unbewusst ständig dagegen angehen würde. Studien haben allerdings vor etwa zehn Jahren gezeigt, dass die kieferorthopädische Regulierung solcher Fehlstellungen nicht immer das Knirschen beseitigt. Und dass umgekehrt das Knirschen auch bei symmetrisch zueinander passender oberer und unterer Zahnreihe auftritt. Deswegen ist die heutige Lehrmeinung, dass in erster Linie die Psyche darüber entscheidet, ob geknirscht wird oder nicht, und dass erst in zweiter Linie das Kaussystem auch einen Einfluss hat.

Als Ursache werden vor allem Stressfaktoren und ein emotionales Ungleichgewicht genannt. Der Volksmund weiß das: „Beiß doch die Zähne zusammen“, oder, „da musst Du Dich durchbeißen“, heißt es, wenn sich jemand mitten in einer schweren Aufgabe befindet. Wenn man beruflichen Stress, ungelöste Spannungen und Probleme mit ins Bett nimmt, arbeitet die Psyche weiter nachts daran. Bei dem einen kann sich das in Einschlafstörungen äußern, bei dem anderen eben im nächtlichen Zähneknirschen.

Der Organismus befindet sich dabei in einem Spannungszustand. Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck, Muskeltonus, Blutzuckerwerte und Adrenalinausschüttung sind bei Stress erhöht. Dies muss in Form körperlicher Aktivität entladen werden, sonst schädigen diese Reaktionen den Körper. Unseren Vorfahren war diese Möglichkeit noch gegeben. Heute gehört es zu den zivilisierten Verhaltensregeln, dass man nie die Beherrschung verliert. Man frisst Stress in sich hinein, anstatt die „Zähne zu fletschen“. Wer unter Dauerstress steht, bei dem reagiert das Kauorgan mit einer Zunahme der Muskelaktivitäten, zeigen Messungen mit dem Elektromyogramm (EMG). Hingegen ist bei stressgesunden Menschen nachts auch die Kaumuskulatur entspannt. Besonders häufige Faktoren, die Dauerstressreaktionen auslösen, sind Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Mobbing, familiäre Probleme, Pflege kranker Angehöriger und finanzielle Probleme.

Einige Charaktereigenschaften fördern das Zähneknirschen. Dazu gehören Übergewissenhaftigkeit, Opfermut und depressiv-masochistische Züge. Diese Eigenschaften haben gemeinsam, dass ein tiefer Konflikt schlecht nach außen gebracht werden kann. Und eigentlich möchte man sich mit dem Konflikt auch nicht so richtig auseinandersetzen, sondern ihn lieber verdrängen. Aber die Psyche lässt sich nicht so leicht überlisten. Sie bringt den verdrängten Konflikt dann eben über das Zähneknirschen zutage.

Was können Sie also tun, wenn Sie Ihnen morgens die Zähne schmerzen oder Ihr Partner erzählt, dass Sie wieder geknirscht haben?

Als erstens: Gehen Sie zum Zahnarzt. Er sieht anhand der Abriebspuren auf den Zähnen, ob Sie zu den Knirschern gehören. Wahrscheinlich passt er Ihnen dann eine Aufbissschiene an, die Sie nachts tragen sollen. Dabei wird der natürliche Abstand zwischen Oberkiefer und Unterkieferzähnen erhalten. Auch wird der Druck auf geschickte Weise umgeleitet, sodass er sich auf alle Zähne verteilt und nicht nur auf die „Knirscherzähne“.

Zweitens: Typische Knirscher sollten auch lernen, tagsüber Zähne und Kiefer in der richtigen Haltung zu halten. Das ist die Ruheschwebe, die Zähne von Ober- und Unterkiefer berühren sich nicht, die Kaumuskeln sind weitgehend entspannt. 

Und drittens sollten Sie das Knirschen als ein Warnsignal ansehen, dass irgendetwas im Inneren gärt. Sprechen Sie mit Freunden oder der Familie über Ihre Probleme, und versuchen Sie gemeinsam, eine Lösung zu finden. Das ist sicher leichter gesagt als getan. Manchmal geht das auch nur mit therapeutischer Hilfe. Aber auch Entspannungsübungen wie beispielsweise autogenes Training oder Tai Chi helfen, den inneren Stresszustand abzubauen. 

Sie finden diesen und weitere Ansagetexte auch auf der Homepage der LZG unter www.gesundheitstelefon-rlp.de. Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, Telefon 06131 / 20 69 0.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund! 

 

01. bis 15. Dezember 2006