Warum ist Oma so komisch?

Demenz ist eine Familienkrankheit. Sie umfasst alle Familienmitglieder und stellt insbesondere Eltern vor die nicht leichte Aufgabe, ihren Kindern etwas zu erklären, was Sie selbst nur ungern realisieren: Ihre Mutter/Schwiegermutter/Vater/ Schwiegervater ist nicht mehr derselbe Mensch wie früher, er ist an Demenz erkrankt. Statt die Kinder zu schonen und „um den heißen Brei herum“ zu reden, ist es auf jeden Fall wichtiger, sie behutsam mit der Wirklichkeit zu konfrontieren.

Denn hier gilt wie so oft: Kinder verstehen mehr, als wir annehmen. Wie aber erklärt man kleinen Kindern, warum „Oma plötzlich so komisch“ ist? Diese Information soll Ihnen als Eltern Ihre Aufgabe einfacher machen. 

Wie erkläre ich meinen Kindern die Krankheit Demenz?

Demenz ist keine Krankheit, die man sehen kann. Aber dass sich zum Beispiel der Großvater oder die Großmutter verändert, werden auch Ihre Kinder sehr schnell bemerken.

Die Krankheit erkennen alle Beteiligten meistens zuerst an Gedächtnisstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Also zum Beispiel daran, dass der an Demenz erkrankte Mensch viele Dinge vergisst, die er früher immer wusste, viele Dinge nicht mehr kann, die er früher mühelos beherrschte, sich häufig apathisch zurückzieht oder aber aggressiv wird. Um Ihren Kindern diese Veränderungen zu erklären, könnten Sie Ihnen zum Beispiel sagen: „Oma sieht aus wie immer. Aber wie ihr merkt, benimmt sie sich nicht mehr wie früher. Das liegt an ihrer Krankheit, daran, dass ihr Gehirn nicht mehr so gut funktioniert wie früher. Die Krankheit „radiert“ dort wie ein Radiergummi mit der Zeit immer mehr von dem einfach weg, was sie einmal gelernt hat.“

Wie verändern sich an Demenz erkrankte Menschen?

Demenz erkennen wir zunächst meist daran, dass der Mensch vergesslich wird. Anfangs nur manchmal, aber dann immer öfter. Es kommt auch häufig vor, dass er sich nicht mehr richtig orientieren kann, zum Beispiel den Weg zur Küche nicht mehr findet. Oder vergessen hat, wie man eine Bluse zuknöpft oder einen Schuh zubindet. Erklären Sie Ihren Kindern, dass solche Dinge gerade zu Beginn der Krankheit für die Großmutter/den Großvater peinlich sind und dass sie deshalb vielleicht versuchen, sie zu „vertuschen“. Später, wenn die Krankheit schlimmer wird, kann es sein, dass der an Demenz erkrankte Mensch an manchen Tagen die eigene Tochter oder das Enkelkind gar nicht erkennt. Das ist besonders schmerzhaft für alle Familienangehörigen, weil sie das Gefühl haben, dass dieser geliebte Mensch ihnen ganz fremd wird.

Was belastet Kinder an der Lebenssituation „Demenz“?

An Demenz erkrankt natürlich immer nur ein einzelner Mensch – aber die Krankheit verändert die ganze Familie. Denn alle müssen damit umgehen lernen – Eltern wie Kinder oder Enkel. Wenn Kinder mit ihren Fragen und Gefühlen allein bleiben, wird es schwierig und kann sogar Spätfolgen haben. Daher sollten Sie ihnen immer alles erklären und verständlich auf ihre Fragen antworten. Das Miterleben, wenn Eltern oft traurig, überfordert und gestresst sind, kann für sie schon eine große Belastung sein. Auch, wenn die Großmutter oder der Großvater aggressiv dem Kind gegenüber wird, fühlt es sich leicht schuldig. Daher müssen sie dem Kind erklären, dass Oma oder Opa das nicht so meinen, wenn sie mit ihnen schimpfen. Leider endet die Krankheit Demenz immer mit dem Tod und Medikamente dagegen wurden bisher noch nicht entwickelt. Auch das sollten die Kinder erfahren, selbst wenn es schmerzhaft ist. Aber der Tod gehört eben zum Leben dazu.

Was können Kinder aus der Situation „mitnehmen“?

Für Erwachsene sind die Fragen von an Demenz erkrankten Menschen oft schwierig zu beantworten. Kinder sind da unbefangener und gehen spielerischer mit verwirrten Menschen um. Sie sind ihnen durch ihre naive Art zu fragen oft näher als Erwachsene. Lassen Sie Ihre Kinder daher ruhig viel Zeit mit dem an Demenz erkrankten Menschen verbringen, wenn sie das möchten.

Kinder können ab einem bestimmten Alter die Pflege zum Beispiel ihrer Großmutter durchaus aktiv unterstützen – ihr vorlesen, ihr etwas erzählen oder auch nur zuhören. So lernen sie früh, Verantwortung zu übernehmen und geben ihrer Oma ein kleines bisschen von der Fürsorge zurück, die sie als Kind auch schon von ihr erfahren haben, ehe sie krank wurde. Davon profitieren Ihre Kinder im späteren Leben. Sie sollten aber auf keinen Fall zu intensiv in die Pflege eingebunden werden – das überfordert sie.

Welches ist die wichtigste Botschaft an Ihre Kinder in einer solchen Situation?

Vielleicht ist dies der entscheidende Satz, wenn Sie Ihren Kindern die Situation erklären möchten: „Eure Oma bleibt eure Oma, auch wenn sie jetzt wegen ihrer Krankheit etwas komisch wird. Sie hat viel vergessen und wird mit der Zeit immer mehr vergessen. Ihre Gefühle aber bleiben da und daher hat sie euch auch immer noch genau so lieb wie früher, als sie noch ganz gesund war - sie kann es nur manchmal nicht mehr so zeigen.“

Zum Schluss noch einige Elterntipps

  • Erzählen Sie Ihren Kindern auf jeden Fall die Wahrheit über die an Demenz erkrankte Großmutter beziehungsweise Großvater, die können – richtig „verpackt“ – auch schon kleine Kinder verstehen
  • Versuchen Sie, auf alle Fragen der Kinder in Bezug auf die Demenz zu antworten, weichen Sie auch schmerzlichen Fragen wie denen nach dem Tod nicht aus
  • Erklären Sie Ihrem Kind, dass sich die Aggressivität ihrer Großmutter nicht an sie persönlich richtet, dass sie nichts Unrechtes getan haben, wenn die Oma sie anschreit, sondern dass es mit der Krankheit zu tun hat
  • Lassen Sie Ihre Kinder viel Zeit mit dem an Demenz erkrankten Menschen verbringen – wenn sie das möchten. Das ist für Alt und Jung eine wertvolle Erfahrung

Weitere Informationen finden Sie in der „Elterninfo Demenz Nr. 7“, die Sie gegen ein Rückporto von 1,45 € bei der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, bestellen können. Den Download dieser Elterninfo finden Sie auf der Homepage der LZG unter http://www.lzg-rlp.de/service/printmedien-shop/elterninfos/elterninfo-7-demenz/lzg-shop/html/erwachsene.html

 

01. bis 15. November 2008 Aktualisiert am 9.5.2011
© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl