Psychosomatische Kranheiten erkennen

Sicher haben auch Sie schon einmal die Erfahrung gemacht, dass bei Liebeskummer das Herz schmerzt oder bei Prüfungsangst der Magen grummelt. Der Volksmund hat hier viele Redensarten parat: Ein Problem „liegt mir im Magen“, Kummer „bricht mir das Herz“, der Ärger „treibt mir die Galle hoch“. Was wir so locker daher sagen, ist Ausdruck eines engen Zusammenhangs zwischen Körper („Soma“) und Seele („Psyche“): Beide beeinflussen sich wechselseitig.

So leidet die Psyche, wenn es dem Körper schlecht geht, wie etwa bei Hunger, Durst und Krankheiten. Und umgekehrt leidet der Körper, wenn es der Psyche schlecht geht, wenn wir zum Beispiel Angst haben, unter Stress stehen oder uns überfordert fühlen. Der Grund dafür ist, dass zwischen Gehirn und restlichem Körper ein reger Austausch von Blut, Botenstoffen und elektrischen Signalen stattfindet. Ein medizinisches Fachgebiet, die Psychosomatik, befasst sich mit diesem Zusammenhang und widmet sich denjenigen Krankheiten und Beschwerden, die sich körperlich äußern und dabei teilweise oder ganz psychisch verursacht werden.

Vorab wichtig ist: Nicht alle unklaren körperlichen Beschwerden sind zwangsläufig psychisch bedingt. Oft erfordert die fachkundige Diagnose von komplizierten Krankheitsbildern einige Zeit und verschiedene Untersuchungsverfahren, so dass man nicht vorschnell von einem psychosomatischen Geschehen ausgehen sollte, wenn die Krankheitsursache nicht gefunden werden kann.

Dennoch schätzt man, dass etwa zehn Prozent der Menschen in Deutschland unter Beschwerden leiden, die auf die Psyche zurückgehen. Solche „somatoformen Störungen“ zu entdecken ist gar nicht so einfach, denn sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Manchmal klagen die Patienten über Beschwerden im Bereich von Herz und Kreislauf: Sie haben ein Druckgefühl oder Stiche in der Brust, sie können nicht mehr richtig atmen, das Herz stolpert oder rast. Andere haben Probleme im Magen oder mit dem Darm: Ihnen ist ständig schlecht, der Bauch bläht sich auf oder schmerzt. Sie haben Sodbrennen, Durchfall oder Verstopfung. Manchmal sind es Schmerzen unbekannter Herkunft – im Rücken, in Armen und Beinen, in den Muskeln oder im Kopf. Oder Menschen sind chronisch erschöpft und ausgelaugt, ihnen fehlt jede Energie. Auch Schwindelgefühle, Schweißausbrüche, Störungen der Blasenfunktion und Sexualstörungen gehören zu den somatoformen Störungen. Typisch für all diese Beschwerden ist: Es lässt sich keine körperliche Ursache oder Erklärung dafür finden.

Menschen, die derart leiden, haben oft eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich, doch das Leiden bleibt unvermindert bestehen. Hinzu kommt die Angst, dass es sich womöglich um eine schlimme, vielleicht seltene Krankheit handeln könnte, die bislang übersehen wurde. Wenn der Arzt ihnen empfiehlt, die Hilfe eines Psychiaters oder Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen, fühlen sich die Patienten oft nicht ernst genommen. Dabei wäre der Tipp des Arztes wirklich zu überdenken. Es gibt viele Bereiche, in denen wir psychisch leiden, ohne dass es uns bewusst wird. Emotionale Konflikte, Überforderung, Schuld- und Verlustängste oder Probleme mit den Mitmenschen sind einige davon. Sie würden zu großer innerer Anspannung führen und praktische Konsequenzen erfordern, wäre man sich ihrer bewusst. Körperliche Krankheiten dienen unserer Psyche hier als Abwehrmechanismen, um schmerzhafte Wahrheiten nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

Warum entstehen somatoforme Krankheiten? In der Psychotherapie geht man davon aus,  dass sie für die betroffene Person einen psychischen Nutzen haben. Wer sich zum Beispiel im tiefsten Herzen damit quält, einem anderen Menschen einen Schaden zugefügt zu haben, findet es unbewusst vielleicht richtig, körperlich leiden zu müssen: So kann die Schuld vermeintlich abgetragen werden. Eine Psychotherapie trägt dazu bei, die psychische Ursache der Beschwerden heraus zu finden und eine Lösung zu erarbeiten. So kann zum Beispiel eine Entschuldigung bei dem Menschen, dem man Unrecht zugefügt hat, Entlastung bringen und die körperlichen Symptome damit überflüssig machen. Ein anderes Beispiel: Jemand fühlt sich von der Partnerin oder vom Partner vernachlässigt und leidet seelisch darunter. Körperliche Beschwerden können dann ein unbewusstes Mittel sein, auf sich aufmerksam machen. Selbst wenn sich die Partnerin oder der Partner immer noch desinteressiert verhält, gewinnt die betroffene Person die Aufmerksamkeit der Ärzte und kann damit das mangelnde Interesse in der Beziehung ausgleichen.

Deutlich hervorzuheben ist, dass diese Vorgänge unbewusst ablaufen. Es steckt meist eine sehr verzweifelte Seele dahinter, wenn sich schmerzhafte körperliche Symptome und Krankheiten ausbilden, um psychische Konflikte zu umgehen. Somatoforme Krankheiten neigen dazu, sich zu verselbstständigen und zu verschlimmern. Je früher man sie angeht, umso besser sind sie zu therapieren. Wenn Sie daher schon mehr als sechs Monate unter Symptomen mit scheinbar unbekannter Ursache leiden und sowohl haus- als auch fachärztliche Behandlung keine Besserung gebracht hat, sollten Sie psychotherapeutische Hilfe aufsuchen. Diese finden Sie bei Psychologen oder Ärzten mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung. Eine Psychotherapie kann Ihnen helfen, sich selbst und Ihre Lebensumstände besser zu verstehen und alternative Lösungsstrategien aufzubauen. Zusätz-liche Entspannungsmaßnahmen tragen dazu bei, Sie von innerem Druck zu befreien. Der zeitlich limitierte Einsatz bestimmter Medikamente, sogenannter Psychopharmaka, wird ebenfalls oft erwogen. Das Wichtigste aber ist, dass Sie verstehen: Eine somatoforme Störung ist kein Zeichen von persönlicher Schwäche, sondern ein Hilferuf Ihrer Seele – und es gibt Menschen, die Ihnen bei der Bewältigung helfen können.

 

16. - 31. Juli 2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl-Rüther