Demenz: positiver Einfluss von Musik

Wer kennt das nicht: Die ganze Zeit über läuft das Radio unbemerkt im Hintergrund. Plötzlich aber horcht man auf und hält inne, denn das gerade gespielte Lied kennt man von früher. Und dann tauchen sie alle wieder auf - längst vergessen geglaubte Bilder und Situationen, bei denen diese Melodie eine große Rolle spielte. Die erste richtige Party, der erste Kuss oder der erste Liebeskummer – alle diese Situationen sind plötzlich wieder so nah und lebendig, als ob man sie erst gestern erlebt hätte.

 Wie kaum etwas anderes spricht Musik die Emotionen des Menschen unmittelbar an. Die des gesunden wie die des kranken Menschen. Musik kann nicht nur Erinnerungen hervor-rufen, bei an Demenz erkrankten Menschen vermag sie fast noch mehr: Sie findet dort einen Zugang, wo die Sprache ihn nicht mehr findet. Singen und Musizieren verhelfen dem Erkrankten zu ungeahnten Ausdrucksmöglichkeiten. Musik kann einen Dialog aufbauen, wo sonst keiner mehr möglich ist. Musik ist ein Schlüssel zum meist sehr verschlossenen demenzkranken Menschen.

Therapeuten, Pfleger oder Angehörige, die Musik bei an Demenz erkrankten Menschen einsetzen, machen tagtäglich diese Erfahrung. Bewohner in einem Pflegeheim sind ausgeglichener, wenn sie Musik aus ihrer Jugend hören. An Demenz erkrankte Menschen, die zuhause gepflegt werden, sind zufriedener mit den Erinnerungen, die schöne alte Musiktitel aus ihrer Jugend wecken. Die Effekte gehen sogar noch weiter: Viele Patienten, die an Demenz erkrankt sind, können sich zwar nicht mehr an die Namen ihrer Angehörigen erinnern, singen aber oft die Lieder aus ihrer Jugend Zeile für Zeile mit.

Diese Erfahrungen sind keine Einzelfälle – seit vor etwa 15 Jahren Musik in die Behandlung von an Demenz erkrankten Menschen Einzug gehalten hat, belegen Studien und Unter-suchungen den positiven Einfluss von alten Melodien auf das Erinnerungsvermögen und die Gehirnleistungen. Mit Musik, so das Resümee der Therapeuten, können verbliebene Ressourcen der Demenzkranken genutzt, vorhandene Erfahrungen und Gefühle geweckt und Verknüpfungen zur Gegenwart hergestellt werden. Warum das so ist, erklärt der Hirnforscher Professor Ernst Pöppel: „Bei der Alzheimer-Demenz ist vor allem die Innenseite des Schläfenlappens, der Hippocampus, aber auch der Scheitel- und Schläfenlappen betroffen. Dies hat zur Folge, dass im Verlauf der Krankheit auch die Identität des Patienten in Frage gestellt wird.“ Allerdings beginnt der Prozess des Verlusts der eigenen Persönlichkeit in der Gegenwart und geht dann rückwärts. Deshalb leben die Erkrankten schwerpunktmäßig in der Realität ihrer Kindheit und Jugend. Und genau hier knüpft Musik an. „Egal wie ausgeprägt die Demenz ist, die prägenden musikalischen Erfahrungen werden in Kindheit und Jugend gemacht und erweisen sich daher als sehr resistent gegen das Vergessen“, erklärt Pöppel.

Über das Musikhören und das aktive Musizieren werden aber nicht nur Ereignisse und Erlebnisse aus der Vergangenheit in Erinnerung gerufen, die sich als Anknüpfungspunkte für Biografiearbeit anbieten. Auch Vorlieben und Abneigungen sowie Bedürfnisse und Interessen können über die Musik erschlossen werden und der an Demenz erkrankte Mensch wird besser von seiner Umgebung verstanden. Musik kann dem an Demenz erkrankten Menschen zudem helfen, Krisen und Trauer besser zu bewältigen. Daneben vermag Musik zu beruhigen und zu entspannen, Ängste und Depressionen zu lindern, Schmerzen vorübergehend vergessen zu lassen und den Schlaf zu fördern. Je nach Charakter kann Musik aber auch aktivieren und zur Bewegung animieren. Viele an Demenz erkrankte Menschen, die sich nur durch unruhiges Hin- und Herlaufen spüren, können diese Unruhe bei Musik weitgehend ablegen und sich gemeinsam mit anderen koordiniert zu Musik bewegen, manchmal sogar wieder tanzen.

So können Sie zuhause Musik als Schlüssel zur Erinnerung Ihres an Demenz erkrankten Angehörigen nutzen:

  • Versuchen Sie, herauszubekommen, an welche Musikstücke sich die oder der Erkrankte besonders gut erinnert. Am besten ist es, Sie besorgen sich CDs mit Musik aus der Jugendzeit Ihrer Angehörigen – das Tempo der Musik im Radio ist oft zu schnell für die älteren Leute.
  • Stellen Sie Musik gezielt an und lassen Sie sie nicht permanent laufen. Das führt zu einer Reizüberflutung.
  • Spielen Sie bei schwer Erkrankten nicht zu viele verschiedene Stücke hintereinander ab. Besser ist es, etwa sechs bewährte Stücke immer wieder zu wiederholen.

Die Demenzkampagne - www.demenz-rlp.de - der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. bietet Broschüren und weitere Informationen an, wie Sie die Musik im Alltag mit Menschen mit Demenz einsetzen können.

Die Broschüre „Ichweiß nicht, was soll es bedeuten“ erklärt beispielsweise die Bedeutung der Musik für den an Demenz erkrankten Menschen und gibt Beispiele und Tipps zur Umsetzung im (Pflege-)Alltag. Sie ist kostenlos, gegen EUR 1,45 Rückporto, bei der LZG erhältlich.

Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, Telefon 06131 / 20 69 0.

In unserem nächsten Gesundheitstelefon ab dem 1. Oktober 2009 geht es um das Thema: „Stottern – wenn die Sprache ins Stocken gerät“. Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund!

 

16. bis 30. September 2009

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl