Die Evolution der Liebe

Was Darwin bereits ahnte und die Darwinisten nicht wahrhaben wollen

Prof. Dr. Gerald Hüther

Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Das gleichnamige Buch ist erschienen im Verlag Vandenhoeck & Rupprecht,
1999 ISBN 3-525-01452-X

Prolog: Vergängliche Erfahrungen

Das faszinierendste Phänomen, das die Evolution des Lebens auf dieser Erde hervorgebracht hat, ist die Liebe. Wir können sie mit all unseren Sinnen wahrnehmen, und doch hat sie keine bestimmte Gestalt. Sie ist selbst für unsere modernsten Messgeräte unsichtbar, unmessbar, unberechenbar, und doch sind sich fast alle Menschen einig, dass es sie gibt. Demjenigen, der sie erlebt, verleiht sie ungeahnte Kräfte. Wer an sie glaubt, so heißt es, kann Berge versetzen und - was noch viel schwerer ist - sogar über seinen eigenen Schatten springen. Dabei ist sie doch nur ein Gefühl.

Über nichts anderes ist im Verlauf der Menschheitsgeschichte mehr nachgedacht, erzählt und geschrieben worden als über dieses große Gefühl. Dennoch ist die Liebe etwas geblieben, über das wir so gut wie nichts wissen. Wir haben ihr viele Namen gegeben, sprechen von Zuneigung, Hingabe, Verbundenheit, Zuwendung, Sympathie, Leidenschaft, Begehren und meinen immer das Gleiche, eben Liebe. Wir haben die Liebe auch ordentlich sortiert, unterscheiden personenbezogene und objektbezogene, geschlechtliche und ungeschlechtliche, kindliche und elterliche, menschliche und göttliche, aktive und passive. Wir wissen fast alles, was es zu Wissen gibt, sogar wie man auf den Mond fliegt und Atombomben baut, wie schnell das Licht sich ausbreitet und wie man es bündelt, wie die Erde und das Leben entstanden ist, wie man Gene manipuliert und Menschen klont. Aber weshalb es die Liebe gibt, wo sie herkommt und wozu sie dient, das wissen wir nicht.

Was wir nicht wissen, müssen wir glauben. Glauben können wir sowohl das, was wir selbst - wie wir sagen "am eigenen Leibe" - erfahren haben, als auch das, was wir von anderen, "vom Hörensagen" erfahren haben. Die Welt, in der wir leben, verändert sich ebenso rasch, wie die in dieser Welt möglichen, erlebbaren Beziehungen der Menschen zueinander. Damit ändert sich freilich auch all das, was ein einzelner Mensch in dieser Welt über die Liebe erfahren oder in Erfahrung bringen kann. Inzwischen glauben immer mehr Menschen, dass die Liebe nicht mehr (eher weniger) als ein romantisches Gefühl sei, das einen Mann und eine Frau instinktiv für eine gewisse Zeit verbindet, oder eine als Gefühl erlebte Bindung, die zwischen Eltern und ihren Kindern natürlicherweise entsteht, um in ebenso zwangsläufig-natürlicher Weise wieder zu vergehen. Dieser inzwischen weit verbreitete Glaube entspringt aus der selbst gemachten oder von anderen übernommenen Erfahrung dieser Menschen mit der Liebe in ihrer jeweiligen Lebenswelt. Seit etwa einhundert Jahren haben sich überall auf der Erde die Beziehungen der Menschen zueinander, und damit auch die Erfahrungen, die Menschen mit der Liebe machen konnten, innerhalb weniger Generationen dramatisch verändert, in manchen Regionen rascher, in anderen weniger rasch. In manchen Ländern hat dieser Prozess bereits sehr früh eingesetzt, in anderen kommt er erst jetzt, dafür aber um so mächtiger in Gang.

Noch gibt es überall Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen mit der Liebe machen konnten, weil sie Gelegenheit hatten, dieses Gefühl während ihrer Kindheit selbst zu erfahren, und weil es ihnen gelungen ist, sich den Glauben an die Bedeutung dieses Gefühls zu erhalten. Ob ihre Zahl im Lauf dieses Jahrhunderts abgenommen hat, ist schwer abzuschätzen. Eines aber ist überdeutlich: Sie sind mit der Zeit immer leiser geworden. Sie teilen ihre Erfahrung anderen, vor allem fremden Menschen, immer seltener mit. So laufen wir Gefahr, dass es unserer Gesellschaft mit der Erfahrung über die Liebe ähnlich ergeht wie den Südseeinsulanern mit ihrem Wissen über die Seefahrt. Deren Vorfahren hatten einst mit unglaublich geschickt gebauten, seetüchtigen Booten den gesamten Pazifik durchkreuzt. Dabei waren sie auf die noch heute so paradiesisch anmutenden Südseeinseln gestoßen. Sie ließen sich dort nieder und wurden in dieser neuen Welt heimisch. Innerhalb kurzer Zeit wussten nur noch wenige, und nach einigen Generationen hatten sie allesamt vergessen, wie man seetüchtige Boote baut und auf hoher See navigiert.

Auch unsere Vorfahren haben sich erst vor wenigen Generationen auf den Weg gemacht, mit Hilfe ihrer Vernunft eine für sie zu muffig und zu eng gewordene Welt mit ihren mittelalterlichen Dogmen und Schranken zu verlassen. Lang genug hatten sie geglaubt, die Liebe sei ein Geschenk Gottes, und wer sie in sich trage, überwinde alles Leid dieser Welt. Jetzt waren sie davon überzeugt, dass dem Leid so nicht beizukommen sei, und sie machten sich unter dem Banner der Aufklärung daran, ihr Leid mit Hilfe ihres Verstandes zu beenden. Sie streiften die Ärmel hoch und kehrten alles weg, was sie bisher daran gehindert hatte, sich ihres eigenen Intellekts zu bedienen. Der Erfolg war überwältigend, die Begeisterung über die neu entdeckte Kraft der nackten Vernunft griff um sich und hielt einige Generationen an. Es schien zunächst so, als ließe sich das Leid und die Angst des Einzelnen mit Hilfe dieses neu entdeckten Verstandes tatsächlich überwinden. Im Lauf der Zeit versuchten immer mehr Menschen, Sicherheit und innere Stabilität durch die Aneignung von Macht und Reichtum zu erreichen. Jetzt wächst eine Generation von Menschen heran, die die Folgen dieser scheinbar so überaus erfolgreichen Strategie zu spüren bekommt. Sie hat ihnen eine ausgeplünderte Erde, eine verpestete Umwelt, eine unwiederbringlich verlorene Vielfalt von Lebensformen beschert und lässt immer mehr Menschen mit dem Gefühl zurück, allein zu sein und allein zu bleiben in einer immer bedrohlicher werdenden Welt. So ist die anfängliche Begeisterung über die großartigen Leistungen des menschlichen Verstandes in dem Maß verflogen, in dem diese neue Generation begreifen musste, dass die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen prinzipiell für alles Mögliche und Denkbare nutzbar sind. Das Zeitalter der Vernunft geht so mit zwei bemerkenswerten Erkenntnissen zu Ende. Erstens: Die Art und Weise, wie ein Mensch sein Denkorgan benutzt und was er damit produziert, hängt davon ab, von welchem Gefühl er beherrscht, von welcher Motivation er getrieben,, von welchen Absichten er geleitet wird. Und zweitens: Wenn der Egoismus zum Leitmotiv des Denken, Fühlens und Handelns von immer mehr Menschen wird, ist alles möglich, nur eines nicht: Die Liebe.

Ähnlich schnell wird es den Südseeinsulanern mit ihrer Seefahrerkunst auch ergangen sein. Eine, zwei, drei Generationen ließen sie sich von dem Zauber der neu entdeckten Inseln begeistern, und weg war das so lange überlieferte und vervollkommnete Wissen. Die Fähigkeit ihrer Väter, seetüchtige Schiffe zu bauen, war ebenso verschwunden wie deren Sehnsucht, die Grenzen und Schranken ihrer bisherigen, immer enger werdenden eigenen Welt mit Hilfe dieser Schiffe zu durchsegeln.