Hört mein Kind richtig?

Bevor ein Baby auf die Welt kommt, lebt es monatelang bei fast völliger Dunkelheit im Bauch der Mutter. Dort kann es kaum etwas sehen, greifen oder tasten. Doch es kann hören! Das Gehör beginnt sich bereits mit der 14. Lebenswoche zu entwickeln. Der Herzschlag der Mutter, ihre Stimme und die Geräusche der Außenwelt dringen nun zu dem noch ungeborenen Baby hindurch. Mit der 24. Woche reagiert es bereits auf die Geräusche.

Allerdings bilden sich die Hörbahnen im Gehirn erst nach der Geburt vollständig aus. Das geschieht in der Weise, dass das Baby die Töne, die es häufig hört, gut zu unterscheiden lernt. So nimmt es die vielen verschiedenen Klänge von einzelnen Wörtern wahr. Z. B. von dem Wort „Ja“: Ist es ein lautes energisches Ja? Oder ein zögerndes Ja? Ein freudiges oder ein genervtes Ja? Experten schätzen etwa 27 verschiedene Klang- und Bedeutungsmöglichkeiten dieses einen Wortes. Und auch wenn Kinder noch nicht sprechen können, so gelingt es ihnen, die Vielfalt der Klänge und ihre Bedeutungen zu verstehen. Hören und Lernen sind also untrennbar miteinander verbunden. Aber dafür gibt es nur eine begrenzte Zeitspanne im Leben eines Kindes. Anfangs können beispielsweise japanische Kinder genauso wie europäische den Unterschied zwischen l und r noch gut unterscheiden. Doch nach nur einem Jahr verlieren sie diese Fähigkeit, denn der Unterschied spielt im Japanischen keine Rolle. Von nun an hören sie den Unterschied trotz deutlicher Aussprache nicht mehr. Ein weiteres Beispiel ist die Fähigkeit von Skandinaven, mehr als 12 verschiedene A-Schattierungen zu unterscheiden.

Wenn ein Baby nun mit einem Hörschaden auf die Welt kommt, dann können sich die Hörbahnen überhaupt nicht auf die menschliche Sprache einstellen. Was das Kind in den ersten Jahren nicht zu hören lernt, kann es später nicht mehr nachholen. Denn die Hörbahnen sind dann weitestgehend festgelegt. Häufig aber wird die Schwerhörigkeit zu spät erkannt, meist erst im zweiten oder dritten Lebensjahr. Diese Kinder werden selbst mit einem Hörgerät oder Implantat nicht mehr so gut hören lernen, als wenn der Hörfehler direkt nach der Geburt erkannt worden wäre. Deswegen ist das Neugeborenen-Hörscreening so wichtig. Es wird seit 2009 deutschlandweit als Kassenleistung angeboten. Diese Untersuchung erfolgt idealerweise am dritten bis fünften Lebenstag oder aber vor Entlassung aus der Geburts- beziehungsweise Kinderklinik. Ist das Ergebnis des Hörtests verdächtig, sollte das Hörvermögen noch in der Klinik mit einer speziellen neuen Technik kontrolliert werden. Diese Hirnstamm-audiometrie (AABR) ermöglicht es den Ärzten, Hörstörungen frühzeitig zu erkennen und zu therapieren. Wenn es in der Geburts- oder Kinderklinik keine Hirnstammaudiometrie gibt, lassen Sie die Kontrolluntersuchung ausnahmsweise spätestens bis zur U3 beim Kinder- und Jugendarzt oder beim HNO-Arzt nachholen.

Doch auch später kann die Hörfähigkeit eines Kindes leiden, etwa durch Infekte oder Mittelohrentzündungen. Daher sollten Sie als Mutter oder Vater besonders aufmerksam auf die Reaktionen Ihres Kindes achten, um einen möglichen Hörfehler oder eine Taubheit bei Ihrem Kind zu bemerken. Bei einem frisch geborenen Baby ist das schwer, aber nach einem halben Jahr kann man merken, wenn etwas nicht stimmt. Dann nämlich nimmt das Baby erstmals bewusst seine eigene Stimme wahr. Es beginnt zu lallen und experimentiert mit seinen selbst erzeugten Lauten. Dieses „Vokabulieren“ macht einem Baby sichtbaren Spaß. Wenn Ihr Kind diese Sprachspiele nicht gerne durchführt, könnte das ein Hinweis für eine Hörstörung oder -schwäche sein. Lassen Sie dies unbedingt weiter beim Facharzt abklären.

Spätere Alarmzeichen für eine Hörstörung sind, wenn Ihr Kind schlecht sprechen lernt, kaum auf akustische Reize reagiert, häufig nachfragt oder falsch antwortet. Sprechen Sie auch hier bei Verdacht Ihren Kinder- und Jugendarzt an.

Generell können Sie helfen, dass sich das Gehör Ihres Kindes gut entwickelt. Dies beginnt mit der sogenannte Ammensprache. Sprechen Sie langsam mit Ihrem Baby, formulieren Sie die einzelnen Silben überdeutlich und wiederholen Sie alles mehrfach. Dies ist eine optimale Stimulation für das unausgereifte Hörsystem des Säuglings.

Weiterhin sollten Sie bei Kinderspielsachen darauf achten, dass diese nicht zu laut sind und so dem kindlichen Gehör keinen Schaden zufügen können. Selbst Spieluhren mit schönen Gute-Nacht-Liedern sind manchmal ohrenbetäubend laut – bis zu mehr als 80 Dezibel, so laut wie ein Auto im Straßenverkehr. Dabei kann sich das Baby noch nicht einmal von der Lärmquelle wegdrehen, sondern ist dem gutgemeinten Krach hilflos ausgeliefert. Unser Tipp deshalb: Bevor Sie Ihrem Baby eine Spieluhr ans Bett hängen, halten Sie das Modell einmal an Ihre eigenen Ohren und entscheiden Sie, ob Sie selbst so einschlafen könnten.

Auch Spielzeug-Handys, Musikabspielgeräte oder Spielzeugroboter sind oft viel zu laut. Der permanente Lärm kann das Hörvermögen schädigen. Auch diese Spielzeuge sollten Sie deshalb immer erst einmal kritisch selbst anhören.

Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, Telefon 06131 / 20 69 0.

01.04. bis 15.04.2010

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl