Kinder brauchen Bewegung

Sich viel bewegen, draußen herumtollen und die eigenen körperlichen Fähigkeiten austesten – noch vor 20 Jahren war das für Kinder eine Selbstverständlichkeit. Heute sieht das anders aus: Kinder haben draußen immer weniger Platz zum Spielen und Toben. Ihre freie Zeit wird verplant. Häufig sitzen sie viel zu lang vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Gameboy. Während sie mit optischen und akustischen Reizen überflutet werden, bewegen sie sich immer weniger.

Viele Kinder werden zu Stubenhockern – und das kann die körperliche, die geistige und die soziale Entwicklung der Kinder beeinträchtigen.

Kinder brauchen Bewegung – fast so dringend wie Luft zum Atmen oder Wasser zum Trinken. Nur, wenn Kinder sich viel bewegen, wenn sie turnen und toben, spielen und rennen, hüpfen und klettern, entwickeln sie sich angemessen. Denn: Bewegung und Wahrnehmung sind direkt miteinander verbunden. Das Abschätzen von Distanzen, die Vorstellung von Räumen, die Beurteilung von Geschwindigkeiten – all dies sind Elemente, die Kinder durch spielerische Bewegung lernen. Vielfältige Bewegungserfahrungen helfen ihnen, die Umwelt und sich selbst kennenzulernen. Wenn die Kleinen toben und tollen, rennen und fallen, aufstehen und hüpfen, dann entwickelt sich ihr Gefühl für den eigenen Körper, ihr Körperbewusstsein und ihre Körperwahrnehmung.

Kinder sind neugierig und sie haben einen kaum stillbaren Hunger auf Bewegung – das treibt die Entwicklung fortlaufend an. Immerzu wollen sie klettern, rutschen, drehen, schleudern, schwingen, von Stühlen herunterspringen und durch Pfützen laufen. Für ihre Entwicklung ist dieser Bewegungsdrang wichtig. Denn Kinder brauchen Körpererfahrungen und Sinneserlebnisse, damit sich das motorische Gedächtnis ausbildet. Sie müssen verschiedene Positionen des Körpers und vielfältige Fortbewegungsarten ausprobieren. Sie müssen ihr Gleichgewicht in verschiedenen Lagen und auf verschiedenen Untergründen testen. Sie müssen Spannung und Entspannung erleben und die Wirkung von körperlicher Belastung auf das Herz, die Atmung und die Muskeln spüren.Entscheidend ist: Für soclhe Erfahrungen haben Kinder immer nur ein kurzes Zeitfenster zu Verfügung, in der das Gehirn alle Informationen aufnimmt und einspeichert, die gerade mit den erwünschten Kenntnissen in Verbindung stehen. Vergeuden Kinder diese wertvolle Zeit vor dem Fernseher sitzend, können sie die Erfahrung nicht mehr in gleicher Weise nachholen.

Die Auswirkungen von Bewegungsmangel bei Kindern sind vielfältig. Ein wachsender Organismus ist besonders anfällig für Störfaktoren. Kinder, die sich nicht genug bewegen, haben Muskel- und Haltungsschwächen. Sie leiden unter Koordinationsstörungen, Ihre Wahrnehmungsfähigkeit ist beeinträchtigt. Manchmal können sich solche Kinder nicht gut genug konzentrieren oder sie sind zu dick.

Ungeschickte und koordinationsschwache Kinder sind auch unfallgefährdeter als andere Kinder. Wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Bewegungen zu steuern und ihre körperlichen Fähigkeiten richtig einzuschätzen, fangen sie sich auch beim Fallen nicht richtig ab. Dadurch kann es selbst bei kleinen Stürzen zu Verletzungen kommen.

In wissenschaftlichen Untersuchungen ist nachgewiesen worden, dass Kinder, die sich viel bewegen, besser lernen als Stubenhocker. Das verwundert nicht, denn gezielte Bewegungserfahrungen helfen beim Rechnen, beim Lesen- und Schreibenlernen. Kinder, die sich gezielt bewegen können, haben eine innere Vorstellung, ein inneres Bild vom äußeren Raum. Und dies ist die Grundlage für mathematisches Denken, denn Rechnen ist nichts anderes als das Ordnen und Umordnen von Mengen in einem vorgestellten, inneren Raum. Genauso beim Lesen und Schreiben: Kinder, die lesen und schreiben lernen, müssen sich auf der ebenen Papierfläche orientieren können. Das Wiedererkennen von Buchstaben, das richtige Lesen und Schreiben sind nur möglich, wenn diese grundlegende Orientierung vorhanden ist.

Kindern tut es gut, wenn sie gemeinsam mit ihren Freunden in einem Turn- oder Sportverein aktiv sind. Wichtig ist, dass den Kleinen der Sport Spaß macht. Für die Entwicklung des Kindes ist es gleichgültig, ob es Tennis oder Fußball spielt, ob es an Geräten turnt, schwimmt oder Judo lernt. Entscheidend ist der Spaß und die Freude an der Bewegung. Vermeiden Sie unnötige Leistungsansprüche. Viele Kinder fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt und verlieren die Lust. Wichtig ist, dass Ihr Kind auf Dauer dabei bleibt, auch wenn es kein Super-Sportler ist.

Hier einige Tipps für einen bewegten Kinderalltag:

  • Lassen Sie Ihrem Kind nach den Hausaufgaben noch genug Zeit zum freien Spielen – am besten draußen, an der frischen Luft. Wenn es in unmittelbarer Nähe keine Möglichkeit zum freien Spielen, Toben und Rennen gibt, suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind nach Ausweichplätzen, zum Beispiel Kinderspielplätze, Felder oder Wiesen. Dort kann sich Ihr Sohn oder ihre Tochter auch mit Freunden verabreden.
  • Bewegung gemeinsam mit der ganzen Familie macht Spaß und tut allen gut - Ihnen und Ihrem Kind: Machen Sie häufig gemeinsam Bewegungsspiele, Federball, Boccia, Fussball. Unternehmen Sie am Wochenende etwas „Bewegtes“ zusammen, Radtouren, Wanderungen, Schwimmbadbesuche.
  • Fahren Sie Ihr Kind nur in Ausnahmesituationen mit dem Auto zur Schule. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, nach der Schule nach Hause zu laufen, die Bewegung tut Ihrem Kind gut und hilft ihm, sich danach wieder besser zu konzentrieren.
  • Kinder brauchen eine aktive Freizeitgestaltung. Fahrräder, Inline-Skates, Kickboards oder Skateboards sind tolle Geräte für vielfältige und spannende Körpererfahrungen. Achten Sie jedoch unbedingt auf die notwendige Schutzausrüstung.

16. bis 29. Februar 2004 Aktualisiert am 17.2.2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl