Apfelbaum (Kurzgeschichte)

„Schluss für heute“, jappst Papa. „Och, schade…“, mault Paul. Er will weiterspielen. Früher hörten sie immer erst auf, wenn Mama etliche Male gerufen hatte. Doch sie ist nicht mehr da. Seitdem ist vieles anders, aber Fußball spielen die beiden immer noch gern.

„Komm mal mit“, ruft Papa jetzt und winkt ihn her. Paul zögert. Papa öffnet seine Arme. Da rennt er zu ihm hin. Papa fängt ihn auf. Paul schmiegt das Gesicht an seine Schulter. Papa riecht so gut nach Papa. Noch enger kuschelt er sich an und schnuppert an seinem Hals. Kein anderer riecht so wie Papa. „Wohin gehen wir denn?“, fragt Paul. „Weißt du noch, was ich dir versprochen habe? Denk mal nach“, fordert Papa ihn auf.

Sofort fällt es ihm wieder ein. Er rutscht von Papas Arm, purzelt ins Gras, seine rote Schirmmütze mit ihm. Die Mütze lässt er liegen, erhebt sich rasch und flitzt zum anderen Ende des Gartens. Dort steht ein Apfelbaum. Im letzten Sommer hat Mama ihn noch gepflanzt. Paul durfte ihr helfen, die Erde um die Wurzeln zu verteilen und kräftig mit den nackten Füßen festzustampfen. Papa kommt langsam hinterher mit der Mütze in der Hand, setzt sie ihm wieder auf und sagt: „Ja, Paul, dieser Apfel ist reif. Du kannst ihn endlich pflücken.“ Er hebt ihn hoch. Paul zupft vorsichtig den Apfel vom Ast. „Darf ich den essen?“, fragt er. „Ja, natürlich.“ Papas Stimme zittert ein bisschen. Mehr sagt er nicht. Paul hält den Apfel in den Händen, schnuppert dran, streicht über die glatte Schale und beißt schließlich zögernd hinein. „Hmmm, schmeckt der gut.“ Er hält Papa den Apfel hin. „Magst du auch mal?“ Gemeinsam essen sie ihn auf. Als nur noch der Apfelknirps übrig ist, pult Paul die Kerne mit seinen saftklebrigen Fingern heraus. „Guck mal, Papa. Fünf Kerne hat der Apfel“, sagt er stolz. Bis fünf kann er schon zählen.

Inzwischen ist es fast dunkel geworden. Paul schiebt seine Hand in Papas Hand und sie gehen ins Haus. Nach dem Abendbrot steckt Papa Paul zuerst in die Badewanne und dann ins Bett. Er liest ihm eine Geschichte vor. Die Zimmertür bleibt einen Spalt offen, als er hinausgeht. Meistens schläft Paul schnell ein. Vor dem Einschlafen denkt er an Mama. Denn das Kissen ist so kuschelig wie sie. Und die Decke duftet ein bisschen nach ihr.

Mama wird nie mehr wieder kommen. Papa ist oft ganz traurig darüber. Dann klettert Paul auf seinen Schoß und sie weinen beide. Als Paul neulich Fieber hatte, reiste Oma an. Er wollte nicht im Bett bleiben. Denn die Mama lag lange Zeit im Bett. Zuletzt musste sie ins Krankenhaus und kam nicht mehr nach Hause. Paul fürchtete sich davor, dass es ihm genauso ergehe. Oma tröstete ihn: „Du brauchst keine Angst zu haben. Du wirst sicher gesund und kannst wieder Fußballspielen. Aber nur, wenn du im Bett bleibst und viel trinkst.“ Jetzt ist Oma weggefahren. Doch sie kommt bestimmt wieder. Das hat sie versprochen. „Versprochen ist versprochen“ weiß Paul. Schließlich ist Oma ja Papas Mama. Mamas halten immer, was sie versprechen.

Als er Mama zum letzten Mal im Krankenhaus besuchte, hatte er gefragt: „Spielst Du bald wieder mit mir im Garten?“ Mamas Stimme klang fremd. Er konnte ihre Antwort kaum verstehen. „Mein lieber Paul, wenn ich gesund werde, spiele ich sicher wieder mit dir im Garten. Doch das kann ich dir nicht versprechen“, flüsterte sie und die Tränen flossen aus ihren Augen. Papa und Paul mussten auch weinen. Paul vergaß die Schnecke, die er in seiner Hosentasche versteckt hatte. Er hatte sie unter dem Apfelbaum gefunden und wollte sie Mama schenken. Sie mochte Schnecken und lachte stets, wenn die Tiere bei jeder Berührung ihre Fühler einzogen und sich in ihr Haus verkrochen. Aber Mama war so anders gewesen als zu Hause. Er war deshalb froh, als Papa ihn auf den Arm nahm und sie wieder gingen. Papa roch zum Glück noch nach Papa.

Am Auto ließ Papa ihn nach unten gleiten. In Pauls Hosentasche knackte es. Ein großer Fleck machte sich auf seiner Hose breit. Die Schnecke! Sie war zerquetscht. Paul weinte wieder. „Wie kommt denn diese Riesenschnecke in deine Hosentasche?“ fragte Papa, halb verwundert, halb verärgert. Unter Schluchzen stammelte Paul seine Geschichte. Da nahm Papa ihn wieder in die Arme und tröstete ihn. „Du findest bestimmt eine neue“, sagte er. „Doch die nimmst du bitte nicht wieder mit ins Krankenhaus. Versprochen?“ „Versprochen!“ seufzte Paul.

Das alles ist für Paul schon lange her. Anfangs, als Mama nicht mehr da war, wollte er immer bei Papa bleiben. Auch nachts. Er mochte nichts essen und nichts trinken und mit niemandem reden. Doch jetzt schläft er wieder in seinem Bett. Heute träumt er, dass er mit Papa Fußball spielt, obwohl es draußen längst schon dunkel ist. Der Apfelbaum leuchtet wie die Flutlichtanlage eines echten Stadions.