Nebelwanderung (Kurzgeschichte)

Brigitte Neumann

Knut Feddersen lebte allein. So konnte er ein wohl geordnetes Leben frei nach seinen eigenen Vorstellungen führen. Er stand immer früh um halb sechs Uhr auf und legte sich abends um halb elf ins Bett. Zwischen Aufstehen und Schlafengehen geschah fast nie etwas Ungeplantes.

Auch dieser Donnerstag im November verlief zunächst wie gewohnt. Als er am späten Nachmittag um halb sechs durch die Empfangshalle zum Ausgang ging, rief er dem Pförtner freundlich zu: „Stimmt genau. Auf Wiedersehen.“

Der Pförtner schaute verdutzt auf. Sie blickten sich an. Der Pförtner lachte. Knut Feddersen stutzte.

„Jawohl. Pünktlich wie immer, Herr Feddersen. Auf Wiedersehen“, sagte der Pförtner. Dieses kurze Gespräch fand jeden Tag statt. Üblicherweise sprach aber nicht er den Pförtner, sondern der Pförtner ihn an.

Knut war verwirrt, erwiderte nichts und ging rasch weiter. Er verließ das Gebäude durch die Portaltür.

„Wie peinlich!“, murmelte er und schüttelte den Kopf. Ihn fröstelte. Der nasskalte Nebel hatte sich seit der Früh nicht aufgelöst. Er hing als weißer Schwaden in der Dämmerung. Knut beschleunigte seine Schritte und eilte zur Bushaltestelle.

„Drei Minuten!“ Jeden Abend wartete er drei Minuten bis zur Abfahrt des 60er Busses. Einige Fahrgäste standen bereits da. Zwei Frauen unterhielten sich über Diäten, ein Mann las Zeitung, aus dem Lautsprecher des mp3-Players eines Jugendlichen wummerten Bässe. Die anderen standen einfach da und guckten vor sich hin oder auf den Boden.

„Alles wieder wie immer“, dachte er und atmete tief durch. Der Bus kam pünktlich. Willy Otremba erkannte er schon von weitem am Steuer. Der hatte, bevor er Busfahrer wurde, für seinen Chef als Kurier gearbeitet. Knut Feddersen stieg als erster ein.

„Nebliger Abend heute“, sagte er.

„Soll sogar noch regnen“ gab Otremba zurück.

„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine Menge Regen“, erwiderte er.

„Da haben Sie Recht.“

Freundlich nickend ging Knut Feddersen weiter und setzte sich auf seinen Stammplatz. Über das Wetter redete er mit dem Busfahrer an jedem Abend. „Wie immer“, kam ihm in den Sinn. Normalerweise zog er jetzt die Zeitung aus seiner Tasche. Heute ließ er sie stecken und schaute aus dem Fenster. Dunkelheit und Nebel versperrten ihm die Sicht. Stattdessen spiegelte sich sein Gesicht leicht verzerrt in der Scheibe. Nächste Woche würde er seinen 40. Geburtstag feiern. Oder würde er wieder seinen Prinzipien treu und allein bleiben?

„Mache ich tatsächlich stets alles wie immer?“ Diese Frage verschaffte ihm Unbehagen. Sie setzte sich fest und ließ sich auch nicht abschütteln, als er an der gewohnten Haltestelle ausstieg. Sie begleitete ihn auf dem vertrauten Weg die Goethestraße entlang, bog links mit hinein in die Nord-Allee und nochmals mit nach links in die Lindenstraße bis zur Hausnummer 22, seinem Zuhause. Sie verließ ihn nicht einmal als er allein in seiner Wohnung war. Er konnte sie nicht mit dem Mantel an den Haken hängen, nicht im heißen Tee ertränken und nicht mit dem Abwaschwasser den Ausguss hinunter spülen. In jeden seiner üblichen Handgriffe klinkte sie sich ein. Den Fernseher stellte er gar nicht erst an, sondern begann in der Wohnung herum zu laufen, vom Sofa zum Fenster, von dort in den engen Flur, die kleine Küche, das kühle Schlafzimmer und dann wieder zurück zum Wohnzimmerfenster.

Der Nebel war noch dichter geworden. Matt und gespenstisch wie in weiter Ferne schimmerte das Licht aus den Fenstern der umliegenden Wohnungen. In manchen war es schon dunkel.

Knut blieb lange stehen und starrte in die Nebelwand. Später als gewöhnlich ging er ins Bad, duschte, putzte sich die Zähne, zog den Schlafanzug an und legte sich ins Bett. Schlafen konnte er nicht. Trübe Gedanken tauchten wie Gespenster aus dem Nebel von draußen auf. Sein Geburtstag fiel ihm wieder ein. Irgendwann schlief er ein und wachte wie jeden Morgen auf, drei Minuten bevor der Wecker klingelte.

Draußen war es noch dunkel als er zur gleichen Zeit wie an allen Tagen das Haus verließ. Der Nebel hatte sich gelichtet. Es regnete. Die Stadt erschien ihm trist, die Menschen, denen er begegnete, nicht mehr so unnahbar wie gestern.