Reise aus der Dunkelheit (Kurzgeschichte)

Brigitte Neumann

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. "Wieder nicht", murmelte Torben. Eine brennende Sehnsucht hatte ihn zu diesem letzten Zug getrieben. Er hatte auf ein Wunder gehofft, darauf, dass die Bilder der Vergangenheit wieder Wirklichkeit würden. Es waren Bilder von Tina, die fröhlich winkte, wenn sie zu ihrem Studienort fuhr. Tina, die stets als erste und immer aus der letzten Wagentür stürmte, wenn sie ankam. Tina mit ihrem abgewetzten blauen Rucksack auf dem Rücken, in dem sie so unglaublich viel verstauen konnte. Tina, die ihm um den Hals fiel und sofort mit ihren neusten Erlebnissen rausplatzte. "Du, stell dir vor. ", hatte sie stets begonnen.

Torben zog noch einmal an der Zigarette, dann warf er den Stummel auf die Gleise. Er glühte ein paar Sekunden nach und verglimmte. Die Bahnhofsuhr zeigte fünf vor zwölf. Ein eiskalter Wind fegte über den verlassenen Bahnsteig. Der Geruch von Schnee lag in der Luft. Die ersten Flocken wirbelten gespenstisch im Neonlicht der Laternen. Torben fror. Die Kälte krabbelte seine Hosenbeine und Jackenärmel hinauf und brachte die Schreckensbilder mit.

Es waren die Bilder jener Nacht vor fast einem Jahr. Da hatte er auch hier am Bahnsteig gestanden und auf den letzten Zug gewartet. Der fuhr pünktlich ein, hielt an und ließ die Reisenden nicht aussteigen. Wegen einer technischen Panne blieben die Türen verschlossen. Plötzlich tauchten die Lichter eines Güterzuges hinter dem Zug auf. Er raste völlig ungebremst in den letzten Wagen. Torben stöhnte auf. Er senkte den Kopf, strich sich mit der rechten Hand langsam und schwer über die Augen. Die Macht dieser grausamen Bilder übermannte ihn stets aufs Neue, besonders hier am Ort des Geschehens, aber auch in den schlaflosen Nächten und an den sprachlosen Tagen. Niemand, mit dem er reden konnte. Keiner, mit dem er reden wollte.

"Nein, nein, nein." hämmerte es mit jedem Pulsschlag hart gegen seine Schläfen. Er ging langsam die Treppe hinunter und durchquerte die grell erleuchtete Bahnhofshalle. Ein paar Punker schützten sich dort vor der Kälte. Leere Bier- und Schnapsflaschen zeugten von einem Gelage.

"Haste mal 'n Euro", lallte einer der schwarz gekleideten Jugendlichen.

Er ignorierte ihn und trat vor das Gebäude.

Der Wind war schwächer geworden. Der Schnee rieselte in dicken Flocken auf die Häuser, die Straßen, die Fahrzeuge und die Menschen, die zu dieser Stunde nur vereinzelt unterwegs waren.

Torben zuckte zusammen, als er eine Berührung am Ellenbogen spürte. Kam der Jugendliche ihm nach?

"Gib Ruhe, du kriegst von mir keinen Euro!"

"Ich will keinen Euro!", sagte eine weibliche Stimme von hinten.

"Inga!" Torben drehte sich um. "Du? Wie kommst du hierher?"

Die unerwartete Anwesenheit seiner Frau machte ihn wütend. Er wollte in Ruhe gelassen werden. Von allen.

"Ich habe dich gesucht."

"Du? Was willst du von mir?"

"Ich will, dass wir wieder miteinander reden."

"Lass mich gehen. Ich will mit niemandem reden. Mit dir schon gar nicht."

"Warum nicht?"

"Warum nicht?" Er schrie auf. "Das fragst ausgerechnet du? Weil du es dir so leicht machst."

Inga zuckte zusammen, richtete sich wieder auf, wollte antworten, fand keine Worte. Torben sah sie an, wandte sich ab und ging. Er konnte nicht ertragen, dass seine Frau den Verlust ihrer Tochter viel einfacher weggesteckt hatte und ihr Leben längst weiterlebte, als sei nichts geschehen. Für ihn war das undenkbar - für alle Zeiten. Er beschleunigte seine Schritte. Inga folgte ihm.

"Torben!" Sie schrie seinen Namen, griff erneut nach seinem Ärmel, hielt ihn fest, riss ihn so heftig zurück, dass er strauchelte, ein paar Schritte durch die Gegend taumelte und direkt vor ihr wieder zum Stehen kam. Ihre Blicke trafen sich. Seine Trauer, seine Wut, seine Schmerzen blickten in einen tränenüberströmten Spiegel.

War das Inga? Die Frau, die in den vergangenen Monaten in jeder Situation Stärke bewiesen und niemals Schwäche gezeigt hatte? Sein eiserner Panzer aus Trauer und Schmerz bekam einen Riss.

"Inga", stammelte er, "du weinst?

Er zog sie an sich. Beiden rannen dicke Tränen über die Wangen. Ein Weinkrampf schüttelte sie. Als er nachließ, spürte Torben durch die dicke Daunenjacke, wie dünn und knochig Inga geworden war, wie sie zitterte, wie sie sich an ihn schmiegte - und wie er sich nach ihrer Nähe sehnte, die er so lange abgewehrt hatte. Vorsichtig küsste er sie, schmeckte das Salz der Tränen und die Schneeflocken in ihrem Gesicht.

"Lass uns nach Hause gehen", sagte er. Eine unberührte, helle Schneedecke lag auf dem dunklen Weg. Gemeinsam zogen sie die erste Spur und gingen Hand in Hand dem neuen Tag entgegen.