Salutogenese. Der Mensch im Mittelpunkt

Gottfried Neuhaus

Die Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft in diesem Jahrhundert hat begonnen und sie beschleunigt sich. Besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Informationsbeschaffung werden gebraucht.

Ausgeprägte Qualifikationen menschlicher Art, Persönlichkeitsentwicklung im weitesten Sinne, sind vonnöten, um den Wissenstransfer in die Praxis zu gewährleisten.

Reformen zu Inhalten und Strukturen im Gesundheitswesen müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass die Gesellschaft der Zukunft veränderte Qualifikationen benötigt. Fach-, Methoden-, Sozialkompetenz und personale Kompetenz sind Qualitätsmerkmale für die Zukunft.

Nach Schätzungen des US-amerikanischen Centers for Disease Control ist der Einfluss der sozialen Umwelt und der Lebensweisen auf die Sterblichkeit etwa doppelt so groß wie die Einflüsse der ökologischen Umwelt und der biologischen Prädisposition. Diese ist wiederum doppelt so groß wie der Einfluss des Gesundheitswesens. Die große Produktivitätsreserve zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung wird deshalb darin gesehen, gesundheitspolitische Schwerpunkte auf Prävention und Gesundheitsförderung zu setzen.

Die Forschungsergebnisse insbesondere zur Salutogenese, die veränderte Bevölkerungsstruktur, die zunehmende Mobilität der Gesellschaft, ein verändertes Krankheitsspektrum, zunehmende soziale Unterschiede, Orientierungslosigkeit und Zukunftsängste, all dies sind Herausforderungen, mit denen sich die Gesundheitspolitik intensiv befassen muss.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich wissenschaftlicher Arbeit zu Krankheit und Gesundheit ein Paradigmenwechsel vom biomedizinischen zum bio-psycho-sozialen Modell vollzogen. Dieses Umdenken hat zur Entwicklung des Lebensweisenkonzeptes und einem veränderten Gesundheitsverständnis geführt. Gesundheitsförderung wird neu gesehen und stärker gewichtet. Die nationalen und internationalen Empfehlungen dazu haben im Kern gemeinsam:

  • dass Gesundheit ganzheitlich, also mit ihrer körperlichen, psychischen und sozialen Komponente gesehen wird;
  • dass die einzelnen Elemente von Prävention und Protektion in einer starken Interdependenz zueinander stehen und daher nicht einzeln die gewünschte Wirksamkeit entfalten können;
  • dass Gesundheitsförderung in das gesamte soziale, ökologische und infrastrukturelle Umweltgeschehen eingebettet sein muss;
  • dass effektive Gesundheitsförderung Selbstbestimmung, Emanzipation und Persönlichkeitsentfaltung des Individuums voraussetzt bzw. fördern muss.

Das Konzept der Salutogenese (von lat.: salus = gesund, griech.: Genese = Entstehung) beschreibt Kräfte, die dem Menschen helfen, Gesundheit zu entwickeln und zu erhalten.Antonovsky hat in seinem Modell der Salutogenese auf der Basis zahlreicher Studien die Ergebnisse zusammengefasst. Danach bleiben Individuen und Gruppen auch unter hohen Belastungen eher gesund:

  1. wenn die Anforderungen und Zumutungen, mit denen diese konfrontiert werden, einigermaßen vorhersehbar und einordnungsfähig sind (comprehensibility = Vorhersehbarkeit);

  2. wenn Möglichkeiten der Reaktion und des Eingreifens, wenn Chancen der Einflussnahme auf Entwicklungen und Ereignisse gegeben sind (manageability = Machbarkeit);

  3. wenn die Möglichkeit besteht, unter diesen Bedingungen individuelle oder kollektive Ziele anzustreben und auch zu erreichen (meaningfulness = Sinnhaftigkeit).

Die Vorhersehbarkeit, die Machbarkeit und die Sinnhaftigkeit bilden zusammen den „sense of coherence“, zu deutsch das Gefühl, sich in einer verstehbaren und beeinflussbaren und sinnstiftenden Welt zu bewegen. Je größer dieses Kohärenzerleben ist, um so größer ist in der Regel die Fähigkeit, gesundheitliche Belastungen auszuhalten und nicht krank zu werden.

Die Analyse der Anwendungsfelder der Salutogenese zeigt, dass sie in der Gesundheitsförderung, Psychosomatik, Psychotherapie sowie in der Rehabilitation Anwendung findet. In der innerbetrieblichen Gesundheitsförderung und der außerbetrieblichen Interaktionsgestaltung bei Handel, Banken, Versicherungen, Verwaltungen, Industrie und in letzter Zeit auch vermehrt Bildungseinrichtungen werden die Forschungsergebnisse mehr und mehr umgesetzt.

Die Zusammenführung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Salutogenese wurde dadurch möglich, dass aus über 30 Wissenschaftsdisziplinen Fachleute Forschungsergebnissen benannt haben. Die folgenden sollen so weit wie möglich im Gesundheits- und Krankheitswesen, in Betrieben und im Bildungsbereich berücksichtigt werden.

Der Mensch, seine Sichtweisen und Kompetenzen

Bestimmte Einstellungen eines Menschen zu sich selbst bzw. bestimmte psychische Merkmale sind gesundheitserhaltend. Dazu gehört ein hohes Maß an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, gepaart mit interpersonalem Vertrauen und Vertrauen in die Zukunft. Die Überzeugung, selbst über das erforderliche Verhaltensrepertoire zu verfügen, um Probleme lösen zu können, entspricht der Einstellung "Ich schaffe das schon", also einem Glauben an sich selbst. Derartiges Selbstvertrauen ist mit einem höheren Selbstwertgefühl verbunden. Eine allgemeine hohe Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber sowie die Akzeptanz eigener Stärken und Schwächen wirken positiv auf Selbsterleben und die sozialen Beziehungen.

Diese Merkmale einer "gesunden Persönlichkeit" werden heute in ihrer direkten Bedeutung für die Gesundheit gesehen. Die genannten persönlichen Ressourcen sind Voraussetzungen für eine gelingende Bewältigung von Alltagsbelastungen und Lebensereignissen. Verschiedene soziale Rollen, ein Netz sozialer Beziehungen, ein großes Verhaltensrepertoire, eine hohe Zahl spezifischer Ziele und Fähigkeiten sowie Erinnerungen aus der eigenen Lebensgeschichte senken die Anfälligkeit gegenüber Belastungen und wirken sich gesundheitsförderlich aus.

Eine Reihe von Studien aus z.B. der gerontologischen Forschung zeigt, dass die positive Selbstbeurteilung des eigenen Gesundheitszustandes eine besonders wichtige Bestimmungsgröße gesunden Alterns ist. Ältere Menschen, die sich gesund fühlen, sind selbst bei Vorliegen eines objektiv schlechteren Gesundheitszustandes mit ihrer gesamten Lebenssituation zufriedener, haben ein positives Selbstbild und eine positivere Einstellung zum eigenen Alter und zur Zukunft.

Weitreichende soziale Kompetenzen wie Selbstbehauptungs-, Liebes-, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit sind neben anderen personalen Kompetenzen wichtige Grundlagen dafür, dass ein Mensch in Belastungs- oder Krisensituationen soziale Unterstützung erhält und Belastungen erfolgreich bewältigen kann.

Von großer gesundheitlicher Bedeutung ist es, dass Menschen ein positives Selbsterleben und eine weitreichende emotionale Stabilität entwickeln, die durch Schicksalsschläge nicht grundlegend beeinträchtigt wird. Seelisch-körperliches Wohlbefinden, das Streben des Menschen nach Reifung und Entfaltung seiner Anlagen sowie eine ausgeprägte selbst- und fremdbezogene Wertschätzung führen zu seelischer Gesundheit. Damit ist die zeitlich stabile Eigenschaft von Kindern und Erwachsenen gemeint, die es ermöglicht, sowohl persönlichen Erwartungen wie auch den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Alle genannten persönlichen Eigenschaften, Kompetenzen und Einstellungen eines Menschen zu sich selbst ermöglichen die bessere Bewältigung von Belastungen. Zusammen mit der Anerkennung von Gesundheit als persönlichem Wert sind sie wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines weitreichenden Gesundheitsbewusstseins und entsprechender Lebensweisen.

Sicht der eigenen Person in der Welt

Von besonderer Bedeutung für Gesunderhaltung und angemessene Belastungsbewältigung ist es, wenn Menschen das Gefühl haben, wichtige Ereignisse im Leben selbst beeinflussen und ihre Umwelt gestalten zu können. Genauso wichtig ist es, dass Menschen zu der Überzeugung gelangen, selbstwirksam handeln zu können. Durch Übernahme von Verantwortung und durch die Bewältigung von Leistungsanforderungen ist dies möglich.

Bestimmte Umgangsweisen mit Veränderungen und Lebensaufgaben sind belastungsmindernd bzw. gesundheitsförderlich. Hierzu gehört, Veränderungen grundsätzlich aus Herausforderung betrachten und annehmen zu können. Gesundheitsförderlich ist auch, wenn Menschen dazu neigen, gesundheitsbedrohliche Bedingungen oder Verhaltensweisen veränderlichen Ursachen zuzuschreiben. Ein gutes Gespür für die Widersprüchlichkeiten und die physischen, psychischen, sozialen und geistigen Dimensionen des Lebens hilft, einen bewussten, angemessenen und auch gelassenen Umgang mit der Umwelt und den eigenen Gefühlen und Stimmungen zu entwickeln.

Die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für die eigene Gesundheit kann nur gelingen, wenn ein Mensch davon überzeugt ist, dass das Leben Sinn hat. Sinnvolle Lern-, Arbeits- und Freizeitziele tragen zu einem lebenswerten Leben bei. Persönliche Ziele zu setzen und zu verfolgen, sich einer Sache verpflichten und engagiert handeln zu können, sind Merkmale, die sich als schützende Faktoren für Gesundheit erwiesen haben.

Weltsicht

Bestimmte Sichtweisen haben sich als grundlegend gesundheitsförderlich herausgestellt. Wer Verstehbarkeit, Geordnetheit und Vorhersagbarkeit erlebt, wer glaubt, wichtige Ereignisse im Leben selbst beeinflussen zu können, wer sich nicht äußeren Kräften oder anderen Menschen ausgeliefert fühlt, wird seltener krank. Ein grundlegendes Vertrauen in die Zukunft und in andere Menschen sowie eine generalisierte positive Ergebniserwartung ermöglichen Gelassenheit und sind Schutzfaktoren menschlicher Gesundheit. Menschen, die trotz Misserfolgen und Rückschlägen nie die Hoffnung aufgeben, sind gegen Krankheiten gefeiter als Pessimisten.

Der Mensch, die medizinisch-biologischen Faktoren sowie Wechselwirkungen

Körperlichkeit

Körperlichkeit ist eine zentrale Dimension menschlichen Lebens, insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Krankheit. Seelische Zustände wirken sich zum Teil kurzfristig und direkt, zum Teil erst langfristig auf körperliches Befinden aus. Ess- und Bewegungsverhalten beeinflussen direkt das körperliche Befinden. Umgekehrt wirken sich körperliche Merkmale auf das psychische Befinden und die Persönlichkeit, z.B. auf das Selbstwertgefühl aus. Das Sozial- oder Gesundheitsverhalten wird durch die körperliche Verfassung beeinflusst.

Medizinisch-biologische Faktoren

Eine Vielzahl körperlicher Parameter einschließlich der Risikofaktoren für Zivilisationskrankheiten wie z.B. Blutdruck und Blutfettspiegel sollen bestimmte Werte nicht oder nicht dauerhaft über- oder unterschreiten. Gesundheit beinhaltet, dass ein Mensch bestimmte Abweichungen von erwünschten Werten bei Blutdruck, Herzfrequenz, Immunaktivität etc. situationsspezifisch und über einen begrenzten Zeitraum ohne Beeinträchtigung tolerieren kann, er muss aber auch immer fähig sein, diese Werte wieder in Richtung der medizinischen Normwerte bzw. physiologisch angemessenen Werte zu regulieren.

Bei weitreichender Körpersensibilität im Sinne eines gut entwickelten sensiblen Nervensystems und der Fähigkeit, Körpersignale bewusst wahrzunehmen, ist der einzelne in der Lage, die Auswirkungen von extremen gesundheitsbelastenden Körperparametern frühzeitig wahrzunehmen.

Gewicht

Ein objektiv normales und auch subjektiv als angemessen empfundenes Körpergewicht ist ein zentraler gesundheitsförderlicher Faktor, und zwar nicht nur im präventiv-medizinischen Sinne einer Risikominderung, sondern auch in psychosozialer Hinsicht. Körpergewicht und körperliche Leistungsfähigkeit sind eng mit der Ausprägung psychischer Gesundheitsfaktoren wie Selbstwertgefühl oder Selbstbewusstsein verbunden. Dies ist insbesondere für das Kindes- und Jugendalter von großer Bedeutung.

Haltung und Bewegungsfähigkeit

Die natürlichen Krümmungen der Wirbelsäule, die Stellung von Knochen und Gelenken sowie die natürliche Dehnfähigkeit und Kraft der gesamten Körpermuskulatur sind körperliche Gesundheitsfaktoren. In der Körperhaltung drückt sich Selbstbewusstsein aus.

Physische Stressreize aus der Umwelt

Die Minimierung, besser die Vermeidung physischer Stressreize wie Abgase in der Atemluft, hohe Verkehrsgeräusche, Giftstoffe in der Nahrung, Sauerstoffmangel sind für die Erhaltung der Gesundheit von großer Bedeutung. Gesunderhaltende Lebens-, Lern- und Arbeitsumwelten sind solche, in denen dauerhaft eine hohe Luftqualität, ein niedriger Geräuschpegel, gute Lichtverhältnisse herrschen.

Chronische Krankheiten und genetisch bedingte Beeinträchtigungen

Chronische Krankheiten, z.B. Diabetes mellitus, Rheuma, Asthma, Allergien, Störungen der sinnlichen Wahrnehmung können auch die seelische Gesundheit der Betroffenen gefährden und Folgeschäden nach sich ziehen. Genetisch bedingte körperliche Beeinträchtigungen erfordern vom betroffenen Menschen eine weitreichende Kompensationsfähigkeit, insbesondere in physischer und psychischer Hinsicht. Das gleiche gilt für erworbene Beeinträchtigungen und Erkrankungen. Erkennt ein Mensch die Tragweite einer Erkrankung in ihrer ganzen Dimension, auch in ihrer persönlichen und sozialen Reichweite an, und stuft Krankheit nicht nur als ärgerlichen Reparaturanlass ein, besteht die Chance einer Neubesinnung. Der definitive Einbruch der Krankheit in den Lebensplan kann zur notwendigen, auch gesundheitsförderlichen Modifikation der bisher als stabil angesehenen Lebensweise führen. In diesem Sinne kann zeitlich begrenzte Krankheit eine wichtige Determinante von Gesundheit im weiteren Lebenslauf sein.

Sinnliche Wahrnehmung

Die sinnliche Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie der Verhältnisse der eigenen Person zur sozialen und dinglichen Umwelt ist eine wichtige Grundlage für den Bestand von Gesundheit. Eine entwickelte und differenzierte Selbst- und Körpererfahrung, auch eine Selbst- und Körperwahrnehmungsfähigkeit, sind wichtige gesundheitsfördernde Faktoren. Grundlage hierfür ist ein ausreichend entwickeltes sensibles Nervensystem bzw. entsprechend entwickelte Sinnesorgane.

Hier sind nicht nur das hören, sehen, tasten, Temperatur wahrnehmen, riechen und schmecken können, also der gesamte Außenwahrnehmungsbereich, von Bedeutung, sondern auch die Wahrnehmung von Signalen aus dem Körperinneren über Sinneszellen und Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Bändern.

Eine weitentwickelte Wahrnehmungsfähigkeit auf allen Sinnesebenen ermöglicht es, die natürlichen Biorhythmen im kognitiven wie im körperlichen Leistungsbereich wahrzunehmen. Sie ermöglicht es, positive Körpergefühle als Beitrag zum Wohlbefinden zu erleben und körperliche Veränderungen wie Befindlichkeitsstörungen oder erste Krankheitssymptome frühzeitig wahrzunehmen.

Ernährung und Bewegung

Eine optimale Ernährung ist von grundlegender Bedeutung für die Gesundheit. Neben einer vollwertigen gemischten Kost kann lebensphasenspezifisch eine gezielte vermehrte Aufnahme ausgewählter Nährstoffe gesundheitsförderlich sein.

Regelmäßige ausreichende körperliche Bewegung sowie Sporttreiben ist zum Aufbau des Körpers und zur vollen Entwicklung aller Körperfunktionen und auch zu deren Erhalt im weiteren Lebensverlauf von großer Bedeutung.

Atmungs- und Herz-Kreislaufsystem können gezielt durch Ausdauersportarten entwickelt und funktionstüchtig erhalten werden. Der Bewegungsapparat, Muskeln, Bänder, Knochen, Gelenke, lässt sich durch gezielte kräftigende und dehnende Bewegungsbeanspruchung z.B. durch Gymnastik gesund erhalten.

Sportspiele und Sporttreiben in Gruppen haben eine hohe soziale Relevanz, indem durch das Miteinander Sozialkompetenzen gefördert und Erfahrungen sozialen Integriertseins ermöglicht werden. Zudem bieten Bewegung und Sport vielfältige Gelegenheiten, wichtige gesundheitsförderliche psychische Kompetenzen wie Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und differenzierte Selbstwahrnehmung zu entwickeln.

Die Lebensverhältnisse, sozialer Rückhalt und strukturelle Bedingungen

Sozialer Rückhalt

Im Bereich des sozialen Rückhaltes sind die beiden Faktoren ‘soziale Integration’ und ‘soziale Unterstützung’ gesundheitsbeeinflussend. Die positiven Effekte von sozialer Integration und Unterstützung liegen in der Verringerung von Erkrankungshäufigkeiten und der Stärkung von Fähigkeiten zur Stressverarbeitung.

Soziale Integration

Die Zugehörigkeit zu einem sozialen Netzwerk ist Potential sowohl für positive als auch für negative Interaktionen, also auch für Konflikte und Spannungen. Soziale Integration ist also im Prinzip weder gut noch schlecht, doch stellt sie eine wichtige Voraussetzung für soziale Unterstützung dar. Wer niemanden kennt, wird sich allein durchschlagen müssen und wenig Chancen auf eine helfende Hand bei der Bewältigung von Lebensstress haben.

Einige gesundheitsungünstige Verhaltenskomponenten dienen dem Erfüllen von Gruppennormen und damit der sozialen Integration (z.B. das Rauchen). Sie dienen der Bekämpfung sozialer Isolation, die einen dem Rauchen durchaus vergleichbaren Gefährdungsfaktor für die Gesundheit darstellt.

Soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung als hilfreiche Sozialbeziehung ist ein bedeutender gesundheitserhaltender und gesundheitsstützender Faktor, der sowohl die Stresseinschätzung als auch den Stressbewältigungsprozess und direkt die Gesundheit maßgeblich beeinflusst. Sozial unterstützend sind Interaktionen zwischen Menschen, durch die Problemzustände oder Leid eines Menschen verändert werden oder durch die zumindest das Ertragen dieser Belastungen erleichtert wird.

Personen mit geringer sozialer Unterstützung sind unglücklicher und entwickeln weniger brauchbare Bewältigungsstrategien als Personen mit hoher sozialer Unterstützung. Dies gilt zum einen für eine aktive soziale Unterstützung, für Beziehungsnetze, die bei Stresssituationen aktivierbar sind und Hilfsfunktionen ausüben. Gesundheitsförderlich ist es, wenn ausreichend häufig und wirksam geholfen wird und der Betroffene dies auch als solches registriert und bewertet.

Zum anderen hat auch eine potentielle soziale Unterstützung, d.h. das subjektive Gefühl, sozial integriert zu sein, und die Überzeugung von der Verfügbarkeit des sozialen Rückhaltes eine Unterstützungsfunktion für Gesundheit. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe hat Einfluss auf die Identität und das Ganzheitserleben der Person.

Gehen kritische Lebensereignisse mit einem geringen Ausmaß an sozialer Unterstützung einher, so erhöht sich in der Regel die Anzahl von Gesundheitsproblemen. Selbst wenn große Stressoren nicht vorhanden sind, wirkt eine geringe Integration in ein stützendes soziales Netzwerk gesundheitsgefährdend. Bestimmte soziale Beziehungen stärken die Gesundheit durch die Förderung von positiven gesundheitsbezogenen Einstellungen. Allgemein gilt, dass für die Gesunderhaltung eines Menschen das Angebot sozialer Unterstützung entscheidender ist als die tatsächliche Inanspruchnahme.

In den Strukturen von Familie, den Wohnbedingungen, Gegebenheiten im Stadtteil und der Gemeinde sowie im Bereich der Gesellschaft lassen sich sowohl gesundheitsförderliche als auch gesundheitsgefährdende Faktoren identifizieren.

Gesundheitsförderliches soziales Klima

Von besonderer Wichtigkeit ist ein gesundheitsförderliches soziales Klima. Es befriedigt elementare menschliche Bedürfnisse nach Sozialkontakten, Selbstreflexion, persönlichere Unabhängigkeit und nach Umsorgung und Pflege. Dieses förderliche Klima gewährleistet soziale Anerkennung und Zuwendung, bietet zuverlässige zwischenmenschliche Beziehungen mit hoher Qualität der Beziehungsinhalte.

In diesem Klima werden Selbstkompetenz und Autonomie gefördert, indem man Menschen Raum für eigene Entscheidungen und Selbsttätigkeit gibt. Handeln muss auch an eigenen Gütemaßstäben orientiert werden können. Möglichkeiten der Selbstbestimmung und der Selbstverwirklichung im Rahmen des unabwendbar Vorgegebenen ermöglichen eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Sie wirken sich direkt und indirekt auf die Gesundheit aus.

Ein gesundheitsförderliches soziales Klima bietet Erfahrungsräume für Initiative, Kreativität, Selbstverantwortung, Gruppenerlebnisse und solidarische Konfliktlösungen. Es ermöglicht Gefühle ansprechen und ausleben zu können, und es ermöglicht Chancen zur Umorientierung und Neuentscheidung in jeder Lebensphase.

Familiäre strukturelle Bedingungen

Der Wandel der Familienstrukturen, vor allem der steigende Anteil alleinerziehender Elternteile, zeigt ein Potential an Gesundheitsbelastungen im familiären Bereich auf. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung trägt dazu bei, dass eine große Zahl von Erwachsenen aufgrund von Konfliktsituationen im familiären Bereich hohe Stressbelastungen bewältigen muss.

Kleine Familien sind oftmals krisenanfällig und nicht in ausreichendem Maße in ein informelles, z.B. nachbarschaftliches soziales Stützsystem eingebunden. Damit fehlt häufig ein gesundheitsförderliches soziales Unterstützungspotential. Ein Mangel an öffentlichen Einrichtungen, wie für die Kinderbetreuung, gehört vor diesem Hintergrund zu den gesundheitsbelastenden Einflussgrößen für Gesundheit aus dem gesellschaftlichen Bereich.

Im Familienverband und auch im Freundeskreis werden gesundheitsförderliche Lebensweisen bezüglich Ernährung, Ruhe, sportlicher Betätigung, Hygiene, Schutz, Vermeidung von gefährlichen Substanzen, Verhütung von Unfällen und Verletzungen realisiert.

Praktisch alle kleineren Erkrankungen werden außerhalb des formalen Gesundheitssystems kuriert. Die große Bedeutung der häuslichen Pflege und der Realisierung gesundheitsbezogenen Verhaltens ist belegt. Behinderte Menschen, chronisch Kranke, vorübergehend oder dauerhaft pflegebedürftige Personen werden zu einem großen Teil zuhause betreut und gepflegt. Der enge Freundes- und Familienkreis entspricht einem "versteckten Gesundheitsversorgungs- bzw. Vorsorgesystem".

Eine Stärkung der Ressourcen im Kindes- und Jugendalter und auch bei älteren Menschen und deren Familien hat den nachweisbaren Effekt, formelle Hilfsangebote weniger in Anspruch nehmen zu müssen.

Wohnbedingungen

Wohnung, Wohnumfeld und Lern- oder Arbeitsplatz wirken gesundheitserhaltend und gesundheitsförderlich, wenn die Art ihrer Gestaltung, z.B. die Architektur, die sinnliche Wahrnehmung auf allen Sinnesebenen gleichermaßen anregt und zu körperlicher Bewegung und bewusstem Körpererleben einlädt.

Ausreichend Ruheräume oder Ruhezonen in Gebäuden wie Außenanlagen zählen zu den gesundheitsförderlichen strukturellen Bedingungen. Gleiches gilt für angemessen große und preiswerte Wohnmöglichkeiten, insbesondere für Familien mit Kindern. Eine Überreizung durch akustische und optische Signale sowie physische Stressoren in Raum- und Außenluft wirkt gesundheitsbeeinträchtigend.

Arbeitswelt

Betriebe und Arbeitsstätten sind ein soziales System. Hier werden die Weichen gestellt, die die Einflussgrößen ‘Arbeitsumgebung’ und ‘Arbeitsorganisation’ steuern und bestimmen.

Gesundheitsförderliche Tätigkeiten sind vollständige Tätigkeiten mit Lernangeboten. Sie enthalten Anforderungen und sie minimieren Belastungen. Solche qualifizierte Mischarbeit enthält ausführende, vorbereitende und selbstkontrollierende Verrichtungen und schließt intellektuelle Anforderungen ein.

Höhere geistige Anforderungen der Arbeit haben positive Effekte auf die Kompetenz und die Motivation der Arbeitenden zur Bewältigung komplexer Situationen und Handlungserfordernisse. In und durch die Arbeit findet ein Kompetenzerwerb statt, der sich auf die Arbeitsfreude und Aufgabenbewältigung sowie auf die Freizeit auswirkt. Diese Kompetenzausbildung ist eine Ressource zur Bewältigung von Belastungen und hat gesundheitsfördernden Charakter.

Die Arbeitsaufgabe kann auch von negativen Bedingungen begleitet sein. Die sich daraus ergebenden psychischen Belastungen werden in dem Maße wirksam, wie die Durchführungsbedingungen einer Arbeitsaufgabe in Widerspruch zur Zielerreichung geraten. Wiederholte Störungen oder Arbeitshemmnisse durch defekte Technik sind kleine alltägliche Belastungen. Die Erfüllung der zu erledigenden Aufgabe wird durch solche Arbeitsbedingungen behindert. Diese Behinderung verursacht negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Arbeitenden und verstärkt das Auftreten von unspezifischen psychosomatischen Beschwerden.

Gesundheitsförderliche Tätigkeiten

Persönlichkeitsförderliche und damit gesundheitsförderliche Arbeitstätigkeiten zeichnen sich durch hinreichende Handlungs-, Entscheidungs- und Kontrollspielräume aus. Diese fungieren als organisationale Ressourcen. Ressourcen haben einen moderierenden Einfluss auf Belastungen. Diese führen nicht automatisch zu einer Erkrankung, sondern werden von jedem Menschen unterschiedlich verarbeitet. Neben sozialer Unterstützung stellen die Kontrollmöglichkeit am Arbeitsplatz oder die beruflichen und sozialen Kompetenzen Ressourcen dar. Diese können Stresseinflüsse abmildern oder verhindern. Dementsprechend gibt es nicht nur krankmachende, sondern auch gesundheitsförderliche Potentiale der Arbeit.

Für die Gesundheit bei der Arbeit sind auch Determinanten von Bedeutung, die außerhalb des Arbeitssystems angesiedelt sind:

  • soziale Akzeptanz der Tätigkeit;
  • Zukunftsängste (Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Beziehungen, Entwicklungsmöglichkeiten);
  • Freizeitverhalten und Arbeitsverhalten;
  • Beeinflussung der Gesundheit anderer durch das eigene Handeln.

Gemeinde und Gesundheit

Für die Gemeinde oder den Stadtteil gilt, dass z.B. einladende Räumlichkeiten für Gespräche und Begegnungen in Bildungsstätten, am Arbeitsplatz und anderenorts zu gesundheitsförderlichen strukturellen Bedingungen gehören. Gesundheitsrelevante Angebote und Dienstleistungen, die im Alltag leicht erreichbar und preiswert sind, sind wichtige strukturelle Bedingungen im Lebensumfeld.

Ist das soziale Klima im Wohnumfeld oder im Einzugsbereich der Bildungseinrichtung gesundheitsförderlich, so unterstützt dies die Gesundheitsbildung von Erwachsenen. Wenn das soziale Klima jedoch angespannt und konfliktbeladen ist, wie z.B. in Gebieten mit hoher Arbeitslosenrate oder in Stadtteilen mit überwiegend sozial benachteiligten Bewohnern, kann dies die Entwicklung oder Wirksamkeit gesundheitsbildender Aktivitäten hemmen. Insbesondere ist dies dann der Fall, wenn gesundheitsförderlich bewertete Überzeugungen und Verhaltensweisen wie z.B. Nichtrauchen im Lebensumfeld der Menschen keinen positiven Wert darstellen, eventuell sogar negativ bewertet werden.

Gesellschaft und Gesundheit

Gesamtgesellschaftliche Aspekte können Überforderungen von Kindern und Jugendlichen bedeuten wie auch direkt gesundheitsbelastend sein. Der soziale Prozess der Individualisierung führt zur Freisetzung von traditionellen Rollenbindungen. Hier entsteht die Chance und der Zwang, einen individuellen Lebensstil aufbauen zu müssen. Häufig ist dies ein Weg in eine zunehmende soziale und kulturelle Ungewissheit, in moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und in eine erhebliche Zukunftsunsicherheit. Deswegen bringen die heutigen Lebensbedingungen viele neue Formen der Belastung mit sich, Risiken des Leidens, des Unbehagens und der Unruhe. Die Bewältigungskapazität zahlreicher Menschen wird überfordert und sie werden in eine Situation von langdauerndem Lebensstress gebracht.

Individualisierung

Schon in Kindheit und Jugend soll eine eigenständige und unverwechselbare, einzigartige und unaustauschbare Form der Selbstentfaltung gefunden werden. Angesichts veränderter Familienstrukturen und geringerer Einbindung in soziale Milieus oder familiäre Herkünfte sind Kinder und Jugendliche dabei stark auf sich allein gestellt. Ob sich ein Mensch seiner Individualität bewusst wird, hängt davon ab, ob er sich für die eigene Lebensführung selbst verantwortlich weiß und sich als Quelle der eigenen Handlungen und Urteile begreift. Mit dieser Lebenskonstellation ist eine subjektive Belastung des einzelnen verbunden, deren Gesundheitsrelevanz zunehmend erkannt wird.

Ein geringes Selbstwertgefühl, Gefühle von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsängste sind Symptome, die mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft einhergehen und zur Entfremdung und Demoralisierung führen können. Das Gefühl der Überforderung der eigenen individuellen Bewältigungskompetenzen kann unter den Bedingungen der individualisierten Gesellschaft zunehmen. Heute richtet sich an jeden einzelnen Menschen, auch schon im Kindes- und Jugendalter, die Anforderung, sich mit kulturellen und politischen Umwälzungen, mit Gefährdungspotentialen und Zukunftsgefahren, mit komplexen Gesundheits- und ökologischen Fragen (von AIDS bis Ozonloch) auseinander zusetzen. Dies kann zu Ohnmachtgefühlen und Zukunftsängsten führen. Der Verlust von Lebenszusammenhängen sowie der Verlust von normativer Orientierung, die Überforderung der eigenen Kapazität für Wertorientierungen ist eine gesundheitliche Gefahr.

Pluralistische Wertewelt

Erwachsene wie Kinder und Jugendliche werden ohne große soziale Unterstützung mit dem pluralistischen Wertehorizont der heutigen Gesellschaft konfrontiert. Das bedeutet schon sehr früh persönliche Verantwortung für einen sinnvollen Lebenslauf übernehmen zu müssen, selbst Entscheidungen zu treffen und für die Konsequenzen einzustehen.

Von Kindheit an müssen Menschen mit widersprüchlichen und konkurrierenden Anregungen zurechtkommen. In vielen Lebensbereichen, wie Freizeit und Konsum, Sexualität, Politik usw. ist der Spielraum Jugendlicher und junger Erwachsener für die Entwicklung eigener Lebensstile so groß, dass Gefühle der Überforderung und des Alleingelassenseins entstehen. Eine soziale wie wertemäßige Orientierungslosigkeit wirkt langfristig gesundheitsgefährdend.

Gefühlssituation

Gefühle beeinflussen Gesundheit und Wohlbefinden. Das bewusste Bemühen des einzelnen zur Vermeidung unerwünschter und zur Herbeiführung erwünschter Gefühle ist für die Belastungs- und Stressbewältigung von Bedeutung. Gesellschaftliche Normen beeinflussen diesen Prozess. Sie werden über Sozialisationsprozesse vermittelt. Gefühlsregulierung als Motiv alltäglichen Verhaltens hinter zahlreichen riskanten Verhaltensweisen wie Zigarettenrauchen oder Alkoholkonsum, Einnahme

von Medikamenten oder Fehlernährung, ist verbreitet.

Gesellschaft trägt einerseits zur Entwicklung von Stressgefühlen beim Menschen bei, z.B. durch Stressoren wie Arbeitsplatzunsicherheit oder Umweltzerstörung, zugleich reguliert sie normativ den Umgang der Menschen mit Grundgefühlen wie Angst oder Wut, Scham oder Trauer. Dadurch beeinflusst sie die Formen der Belastungs- oder Krisenbewältigung von Menschen und wirkt somit gesundheitsbeeinflussend.

Das Ausleben von positiven wie negativen Gefühlen, ohne Beeinträchtigung anderer Menschen, ist eher gesundheitsförderlich. Ein Übermaß an gesellschaftlich bedingten Grund-Emotionen wie z.B. Angst oder Wut sowie eine gesellschaftlich geförderte Unterdrückung derartiger Gefühle trägt erheblich zur Gesundheitsbelastung bei.

Medialisierte Umwelt

Das Vordringen einer Massenkultur über Massenmedien in alle Lebensbereiche beeinflusst die Persönlichkeitsentwicklung und den Kompetenzerwerb. Massenmedien transportieren Leitbilder für soziales Ansehen und sozialen Erfolg. Diese widersprechen oftmals den Leitbildern gesundheitsbewusster Lebensweisen. Massenmedien sorgen zudem dafür, dass Freizeitaktivitäten und andere kulturelle Betätigungen aus einem sozial verankerten Milieu zunehmend herausgelöst werden. Auch traditionell familienbezogene Aktivitäten wie Entspannung und Muße, Feiern, Essen und Trinken oder Spielen werden hiervon erfasst. Die Medien verändern heute das familien- bzw. herkunftsgebundene Kulturleben in einem solchen Ausmaß, dass sie die Sozialisationswirkung und die Bildungsrelevanz der Familie schwächen.

Die Nutzung von Medien birgt die Chance frühzeitiger Wissens- und Kompetenzvermittlung. Die Impulse aus den Massenmedien treten jedoch oft in Konkurrenz zu authentischen, individuell vermittelten Anregungen im Familien- und Freundeskreis. Ein Überschuss an visuellen Informationen bei gleichzeitig geringerer Stimulation emotionaler und motorischer Sinnesbereiche zählt zu den gesundheitsgefährdenden Potentialen heutiger Lebensweisen.

Ökologische und soziale Lagen

Die zunehmende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen Boden, Wasser, Luft, Pflanzen- und Tierreich gefährdet die gesunde körperliche Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Die zunehmende Umweltbelastung steigert zudem gerade unter jungen Menschen die Zukunftsängste, die möglicherweise dauerhafte Gesundheitsbelastungen nach sich ziehen.

Zunehmende soziale Unterschiede in der Gesellschaft bewirken unterschiedliche Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken. Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und massiven Gesundheitsstörungen, wobei auch befürchtete Arbeitslosigkeit eingeschlossen ist, ist nachgewiesen. Drohende Obdachlosigkeit kann zu physischen Störungen und Schädigungen und dem oftmals damit verbundenen vermehrten Drogen- und Alkoholkonsum führen. Migranten können mehrfach sozial benachteiligt sein, weil zum Leben in einer teilweise gesellschaftlichen Randposition Orientierungsprobleme im kulturell fremden Umfeld hinzukommen können. Stress, Magen-Darm-Beschwerden und Kreislaufprobleme können die Folgen psychosomatischer Belastungen sein.

Ungleichheiten im Bildungsniveau beeinflussen vermutlich Stressexposition und Stressbewältigung sowie die Verfügbarkeit und die Nutzung gesundheitsrelevanter gesellschaftlicher und persönlicher Ressourcen incl. medizinischer und präventiver Dienste. In besonders verstärkten Maße treten gesundheitliche Probleme bei mehrfach sozial benachteiligten Menschen in unteren sozialen Gruppierungen auf. Hierzu zählen besonders Migranten, Arbeitslose, Haftentlassene, Alleinerziehende, Sozialhilfeempfänger.

Gesundheitsbildung, die auf die je spezifischen Lebensweisen bzw. Bedingungen sozial benachteiligter Menschen Bezug nimmt und Kenntnisse und Fähigkeiten sowie Fertigkeiten vermittelt, die unter den jeweils konkreten besonderen Alltagsbedingungen umgesetzt werden können, ist eine wichtige strukturelle Determinante von Gesundheit. Gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen sind dann erfolgversprechend, wenn sie für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer positiven Erlebniskonsequenz führen.

Vom Gesundheitswissen zum Gesundheitshandeln

Gesundheitsrelevante Kenntnisse

Gesundheitswissen bedeutet die umfassende Kenntnis der natürlichen physiologischen und psychosomatischen Prozesse und Rhythmen sowie der Möglichkeiten ihrer positiven Beeinflussung und potentiellen Gefährdung.

Gesundheitswissen ist Wissen um die gesunde Persönlichkeitsentwicklung, um seelische Gesundheit und Wohlbefinden, um Möglichkeiten ihrer Förderung und Beeinträchtigung. Es ist Wissen um psychosomatische Prozesse und um die Komplexität der sozialen und gesellschaftlichen Einflüsse auf individuelles Gesundheitshandeln. Von besonderer Bedeutung sind Kenntnisse über sozialgruppenspezifische Erziehungs- und Sozialisationsprozesse und Verhaltensnormen sowie Belastungen und Bewältigungsformen, die es erschweren, gesundheitsgefährdendes Verhalten trotz besseren Wissens aufzugeben.

Die Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Lebensweise setzt ausreichende Kenntnisse zu den Bereichen Ernährung, Bewegung, Entspannung, Stress- und Konfliktbewältigung, Abhängigkeit und Sucht, Sexualität, Hygiene, Kenntnisse zur Vorbeugung von Unfällen und Krankheiten, zur Selbstbehandlung banaler Krankheiten sowie zu den verschiedenen professionellen Angeboten der Vorbeugung, Beratung und Therapie voraus. In all diesen Themenfeldern müssen sowohl medizinisch-biologische (z.B. ernährungsphysiologische), verhaltenswissenschaftliche (z.B. ernährungspsychologische) sowie sozialwissenschaftliche Kenntnisse erworben werden.

Das Gesundheitskonzept eines Menschen bestimmt, ob und wann Symptome wahrgenommen, wie sie erklärt und welche Folgen erwartet werden. Wann und aus welchen Gründen ein Mensch sich subjektiv als krank oder gesund betrachtet und fühlt, hängt von seinem Wissen um gesundheitsrelevante Verhaltensweisen, insbesondere aber auch von seinen Erwartungen hinsichtlich der Effektivität und der persönlichen Verfügbarkeit gesundheitsbezogenen Verhaltens ab. Menschen, die wissen, dass sie ihre Gesundheit oder Krankheit beeinflussen können, werden eher gesundheitsbewusst oder krankheitsangemessen handeln.

Handlungskompetenz und Handeln

Gesundheit und gesundheitsbewusstes Handeln werden wesentlich von psychischen und sozialen Faktoren bestimmt. Weitreichende Kommunikationskompetenzen, die Fähigkeit, auf andere Menschen zugehen, Hilfe mobilisieren und annehmen zu können, die eigenen Bedürfnisse artikulieren und Belastungen problembezogen bewältigen zu können, sind zentrale gesundheitsbezogene Handlungskompetenzen.

Gesundheitsbezogene Handlungsweisen umfassen zum einen Handlungsweisen, die direkt und spezifisch auf die Erhaltung und Steigerung der eigenen Gesundheit und auf die Vermeidung von Krankheit und Verletzung abzielen, zum anderen unspezifischere, die auf die gesundheitsfördernde Gestaltung der Lebensbedingungen und auf die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen gerichtet sind.

So ist eine ernährungsphysiologisch und -psychologisch angemessene, persönlichen Bedingungen entsprechende Ernährung, welche in eine Esskultur eingebunden ist, von großer Bedeutung. Ausreichende Bewegung umfasst sportliche Aktivitäten, die Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer erhalten und das Bewegungssystem stabilisieren. Dem Erlernen und alltagsintegrierten Anwenden von Entspannungs- und Stressbewältigungsmethoden kommt große Bedeutung zu. Dies gilt besonders, um psychosoziale Belastungen wie Leistungsdruck oder Schicksalsschläge besser bewältigen zu können.

Gesundheitsförderliche Handlungen sind ferner angemessenes Hygieneverhalten sowie ein sicherheitsbewusstes Verhalten am Lern- oder Arbeitsplatz und im Verkehr. Auch die Inanspruchnahme von in erreichbarer Nähe und angemessener Form angebotenen präventiven Maßnahmen ist hier zu nennen. Dazu gehören z.B. Impfungen, gesundheitsrelevante Beratungsdienste, Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen. Gesundheitsbewusstes Handeln schließt den Verzicht auf körperschädigende Substanzen ein: Nichtrauchen, Meidung oder möglichst geringer Konsum von Genussmitteln wie Alkohol, Kaffee usw. Die Vermeidung von Giftstoffen aus der oder für die Umwelt gehört zu einer gesundheitsförderlichen Lebensweise.

Gesundheitsförderliches Handeln schließt Selbsthilfe und Selbstbehandlung banaler Krankheiten ebenso ein wie ein helfendes, unterstützendes und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber anderen Menschen. Ein aktiver problemzentrierter Umgang mit stressreichen Konfliktsituationen, mit Aggressionen und Gewalt sowie die Mobilisierung sozialer Unterstützung im Freundes- oder Familienkreis und im professionellen System ist für die Gesunderhaltung von großer Bedeutung.

Vom Wissen zum Handeln

Für die Entwicklung gesundheitsförderlicher Lebensweisen und die Beibehaltung gesundheitsrelevanten Handelns im Alltag oder auch für die gesundheitsgerechte Verhaltensänderung ist es von sehr großer Bedeutung, dass ein Mensch davon überzeugt ist, kompetent genug zu sein, um selbstwirksam handeln zu können (Selbstwirksamkeit, Kompetenzerwartung). Erst wenn ein Mensch sich wirklich in der Lage sieht, ein bestimmtes gesundheitsförderliches Verhalten im Alltag umsetzen zu können, wird er die Absicht entwickeln, einen bestimmten Schritt zur gesünderen Lebensweise zu tun.

Bereits die Entwicklung der Absicht, sich in bestimmter Weise gesundheitsrelevant zu verhalten, wird von den wahrgenommenen Erwartungen der sozialen Umwelt beeinflusst. Normative Überzeugungen, die ein Mensch z.B. durch das Modellverhalten der Mitmenschen oder durch den Erwartungsdruck bezüglich eines bestimmten gesundheitsrelevanten Verhaltens gewinnt, führen zu der Einstellung: "Ich möchte das tun, was meine Freunde für richtig halten".

Es kommt oft nicht zur Umsetzung einer beabsichtigten Handlung, weil andere Dinge wichtiger erscheinen, weil der Alltagsstress die Prioritäten verschiebt und weil Absichten einfach vergessen werden. Damit beabsichtigtes gesundheitsbezogenes Handeln tatsächlich realisiert und beibehalten wird, müssen folgende persönlichen Bedingungen und Umweltbedingungen vorhanden sein:

  • Allgemein bedarf es einer gewissen Aktivität, Energie, Stimmung, Wachheit oder Konzentriertheit des einzelnen, um gesundheitsgerecht zu handeln.
  • Günstig ist es zudem, wenn es Dinge oder Personen im Alltag des einzelnen gibt, die daran erinnern, die beabsichtigte Handlung auszuführen.
  • Für die konkrete Handlungsplanung sind zwei Faktoren bedeutsam: zum einen die Überzeugung, wirksam handeln zu können, zum anderen die subjektiv wahrgenommene Situation: Wer z.B. glaubt, keine Zeit zu haben, obwohl dies doch der Fall ist, wird sich die Zeit gar nicht erst nehmen.
  • Die objektiv vorhandenen Gegebenheiten, auch die materiellen oder sozialen Lebensbedingungen, wirken je nach Ausprägung direkt förderlich oder hemmend auf das gesundheitsbezogene Handeln des einzelnen. Die subjektive Wahrnehmung der situativen Gegebenheiten, z.B. das Gefühl, von Freunden unterstützt zu werden, beeinflusst schon die Planung gesundheitsförderlichen Handelns.

Gesundheitsbezogenes Handeln erfolgt also nur dann, wenn der einzelne die Absicht entwickelt hat, in bestimmter Weise gesundheitsförderlich zu handeln und er sich kompetent genug fühlt, das beabsichtigte Verhalten im Alltag durchzuführen. Die subjektiv wahrgenommenen wie auch die objektiven sozialen Barrieren, Ressourcen und Gelegenheiten, d.h. der soziale Rückhalt, sind besonders bedeutsam.

Insgesamt ist das Ausmaß, in dem jemand sich dafür entschieden hat, ein gesetztes Ziel wie ein bestimmtes gesundheitsförderliches Verhalten erreichen zu wollen, für die Entwicklung gesundheitsförderlicher Lebensweisen maßgeblich. Es ist wichtig, dass die Absicht und der Vorsatz zum gesundheitsgerechten Verhalten so ausgeprägt sind, dass momentan anderweitige Bedürfnisse oder Widerstände nicht zur Aufgabe führen. Ein wichtiger gesundheitsförderlicher Persönlichkeitsfaktor ist die Fähigkeit zum "Belohnungsaufschub". Gesundheitsförderliche Lebensweise macht es zum Teil erforderlich, unmittelbare Vorteile aus einer gesundheitsgefährdenden Handlung zugunsten längerfristiger Belohnungen zurückzustellen.

Ein mögliches Gesundsein auch noch in 40 Jahren bedeutet jedoch im konkreten Alltag keine ausreichende Motivation, ein gerade angenehmes Verhalten, z.B. Rauchen, zu unterlassen. Es ist daher sehr bedeutsam, dass das gesundheitsgerechte Handeln direkt spürbare positive Wirkungen zeigt. Vorsatz und Wille zu gesundheitsbewusstem Verhalten werden gestärkt, wenn Erfolge registriert und zudem so interpretiert werden, dass sie den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben sind. Dies erhöht auch die eigene Kompetenzerwartung für die Zukunft.

Literatur:

Neuhaus, Gottfried: „Entwurf für BLK-Gesamtkonzept Gesundheitsbildung“ (aktualisierte und ergänzte Fassung) für Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (1998) Bonn. Dieses Gutachten wurde im Auftrag des BMB+F erstellt.