Zauberhaft. Houdini soll nicht sterben (Kurzgeschichte)

Harald Renner

Karl-Heinz ist mein zauberhafter älterer Bruder. Er ist dreizehn und geht aufs Gymnasium. Alle finden ihn und nicht mich großartig. Dabei kann er gar nicht richtig zaubern, so wie Tante Hildegard. Aber er trickst so, dass jeder aufschreit und Angst bekommt, dass er sich in die Zunge schneidet oder sich den Magen aufschlitzt.

Wenn seine Aufführung zu Ende ist und kein Blut gespritzt ist und alle haben geklatscht, dann tätschelt ihm Papa den Kopf und fragt in die Runde: "Ist er nicht zauberhaft, der Bengel?"

Er zaubert mit Rasierklingen, wenn Kollegen meinen Papa besuchen. Der Trick geht so: Mein Bruder öffnet eine Packung mit neuen Klingen. Jeder kann sehen, dass sie sehr scharf sind. Man kann damit sogar Pappe durchschneiden. Dann schluckt er die Klingen herunter. Anschließend beißt er von einer Garnrolle einen Faden ab. Den schluckt er hinterher. Danach trinkt er ein Glas Mich in einem Zug aus. Am Ende fasst er sich in den Mund. Die Rasierklingen hängen alle fein säuberlich an dem Faden, den zieht er heraus. Er zeigt seine Zunge, damit jeder sehen kann, dass sie nicht zerschnitten ist und dass nichts blutet.

Ich weiß nicht, ob der Trick die Besucher so interessiert, wie sie tun. Sie klopfen meinem Bruder auf den Rücken und sagen, dass er bestimmt ein zweiter Houdini wird. Sie müssen das sagen, weil mein Vater ihr Chef ist. Der freut sich und lacht, wenn man so etwas über Karl-Heinz sagt. Vorigen Monat waren wir mit der ganzen Familie im Kino. Da lief ein alter Film. Er hieß: "Houdini, der König des Varieté". Ich habe danach oft von dem Film geträumt. Es war so unheimlich, wie der Zauberer mit dem Kopf nach unten gefesselt im Aquarium hing. Er konnte sich nicht mehr befreien, weil sein Blinddarm geplatzt war. Die Feuerwehr hat das Glas des Aquariums eingeschlagen. Da war der Zauberer aber schon bewusstlos und ist dann auch gestorben.

Mir hat mein Bruder als einzigem den Trick mit den Rasierklingen verraten. Ich darf ihn aber nicht weitersagen. Nur so viel verrate ich, dass er die scharfen Klingen nicht wirklich runterschluckt. Er nimmt stumpfe in den Mund, die schon an dem Faden aufgefädelt sind. Es hängt auch mit der Garnrolle zusammen. Die ist in der Mitte hohl, und da passen die Klingen mit dem Faden rein. Die scharfen Klingen schluckt er nicht herunter, sondern spuckt sie in die Milch. So ähnlich jedenfalls geht der Trick.

Meine Tante Hildegard kann nicht tricksen wie Karl-Heinz. Dafür ist sie eine zauberhafte Hexe und kennt sich mit richtigem Bannzauber aus. Sie ist Verkäuferin in einem Spielzeugladen bei uns um die Ecke. Wenn sie sich unsere Fotos anschaut, schließt sie die Augen und erfindet richtig gruselige Zaubergeschichten. Sie sind nicht so schaurig, dass sie einem Angst machen. Sie sind mehr so wie Märchen, wo am Ende alles wieder gut ist.

Vor einem Monat fand ich mein Bild mit dem angebissenen Apfel in meiner Zigarrenkiste. Dort bewahre ich auch die Fotos von meinem Goldhamster Fifi auf. Tante Hildegard schaute sich das Bild lange an. Dann strich sie mit dem Zeigefinger darüber. Sie sagte, dass sie mit einem magischen Apfel einen Bannzauber machen kann. Bannzauber werden gegen böse Geister gebraucht, oder gegen Seuchen oder gegen Unglück auf Reisen.

Den Apfel schnitt sie in zwei Teile. Dann holte sie frische Minze aus dem Garten. Beide Apfelhälften rieb sie damit ein. Danach musste ich laut aussprechen, was ich bannen will. Ich überlegte mir, was besonders wichtig ist. Ich sagte, dass Fifi nicht mehr die Vorhänge hochklettern soll. Wenn man es nämlich nicht merkt, plumpst er nach ein paar Minuten von ganz oben auf den Fußboden und tut sich weh. Ich möchte auch nicht, dass Karl-Heinz die Rasierklingen verwechselt und aus Versehen die scharfen runterschluckt. Das war mein zweiter Bann.

Als drittes wünschte ich mir, dass ich nachts nicht mehr von Houdini träumen muss. Viel lieber träume ich von dem roten Fernlenkauto. Es ist ein alter Borgward Isabella Coupé. Vor einem Monat stand er im Schaufenster von Tante Hildegards Spielzeugladen. Jetzt ist er verschwunden. Dabei habe ich mir den Borgward so sehr zum Geburtstag gewünscht. Als ich mit den Bannsprüchen fertig war, schnitzte meine Tante ein Streichholz an beiden Enden zu einem kleinen Spieß. Damit verband sie die Apfelhälften wieder. Danach wickelte sie ein grünes Band um den Apfel. Ich musste ihn an einer Stelle vergraben, die nur ich kenne. Der Bann wirkt erst, wenn der magische Apfel verfault ist.

Der Bannzauber funktioniert sehr gut. Ich träume nicht mehr von Houdini. Fifi klettert noch die Vorhänge hoch, aber ich merke es immer gleich. Karl-Heinz schluckt keine Rasierklingen herunter, sondern spuckt sie, wie es richtig ist, in die Milch. Heute ist mein achter Geburtstag. Auf meinem Gabentisch steht der rote Borgward Isabella Coupé mit Fernlenkung. Den hat sonst keiner in der Klasse, weil es Borgwards nicht mehr gibt. Karl-Heinz gibt an wie Graf Koks von der Gasanstalt. Er sagt, dass es blöd ist, Äpfel zu vergraben. Man soll sie lieber essen. Ich finde es gar nicht blöd. Jetzt weiß ich nämlich, dass man auch ohne Tricks und Beschiss richtig zaubern kann. Aber nur, wenn man eine zauberhafte Hexe ist.